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·Fachbeitrag ·Buchempfehlung

Ethik in der Medizin: „Mittelpunkt Mensch“

von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Nordhorn, www.medizinundtext.de

| Ärzte haben im klinischen Alltag immer häufiger mit ethischen Entscheidungskonflikten zu tun, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Ein wesentlicher Grund dafür ist der wissenschaftliche Fortschritt, der die Möglichkeiten des ärztlichen Handelns zunehmend erweitert. Vieles, was früher als unverfügbar galt, ist heute zum Gegenstand menschlicher Entscheidungen und somit auch menschlicher Verantwortung geworden. |

Zielsetzung des Buches

Hier versucht das Buch „Mittelpunkt Mensch“ des renommierten Arztes und Medizinethikers Giovanni Maio Orientierung zu geben. Maio beleuchtet alle wesentlichen Problemfelder der Medizinethik und stellt ihnen eine ausführliche Beschreibung ethischer Begriffe und Theorien voran. In der komplett überarbeiteten und um zwölf Kapitel erweiterten Neuauflage greift der Autor die zahlreichen aktuellen Debatten auf, wie z. B. den assistierten Suizid, den Bluttest auf Trisomie 21 oder die Vertretbarkeit der Beschneidung bei Kindern. Er beleuchtet systematisch die jeweiligen Argumentationsführungen.

Philosophische und ethische Grundlagen

Ein besonderes Anliegen war es Maio jedoch auch, die theoretische Basis des Buches zu erweitern. So werden im ersten Drittel des Werkes die grundlegenden Kenntnisse der Philosophie und Ethik vermittelt. Dazu gehören die Grundlinien der abendländisch-europäischen Ethik mit der Pflichtethik Kants, der utilitaristischen Ethik, der Diskursethik und der besonderen Rolle der Tugendethik, insbesondere des Wohlwollens. Es schließt sich eine knappe Übersicht über die historischen Grundlagen der Medizinkonzepte und des Arztbilds von der Antike bis zur Neuzeit an. Hier wird deutlich, dass die Ausgestaltung der Medizin sowohl vom Zeitgeist als auch vom herrschenden Menschenbild abhängig ist. Es folgt ein weiteres Kapitel zu den Grundbegriffen der Medizin: Krankheit, Gesundheit, medizinische Indikation, „ärztliche Kunst“. Außerdem werden die methodischen Ansätze der Medizinethik erläutert.

Arzt-Patienten-Beziehung

Viel Platz räumt Maio der Begegnung von Arzt und Patient ein. Hier erörtert er das problematische Konzept der autonomen und selbstbestimmten Entscheidung des Patienten und betont die zentrale Bedeutung einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung. Eigene Kapitel widmet er der besonderen Situation in Pädiatrie und Psychiatrie.

Ethik von der Wiege bis zur Bahre

Sehr umfangreich ist das Kapitel der „Spezialthemen der Ethik in der Medizin“ sowie der „Ethik am Ende des Lebens“. Hier werden Entscheidungskonflikte dargestellt, die sich oft aus den aktuellen Entwicklungen in der modernen Medizin ergeben. Bezugspunkt für die ethischen Erörterungen ist dabei stets der praktische Handlungskontext, veranschaulicht an insgesamt 44 Patientengeschichten. Maio erörtert das Für und Wider zahlreicher aktueller ‒ auch politischer ‒ Debatten mit ihren Folgeproblemen. Diese beginnen bereits vor der Empfängnis mit den umstrittenen Gentests und enden mit der Frage nach einem Sterben in Würde. Dazwischen gibt es eine Vielzahl weiterer Probleme:

 

  • Forschung mit Embryonen und Stammzellforschung
  • Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch
  • Präimplantationsdiagnostik
  • Ethik der Reproduktionsmedizin
  • Prädiktive Gendiagnostik
  • Forschung am Menschen
  • Ethik in den Neurowissenschaften
  • Medizin und Ökonomie
  • Wunscherfüllende Medizin und Enhancement
  • Transplantationsmedizin
  • Sterbehilfe
  • Der Umgang mit dem Leichnam im Studium

 

Alle Themen sind gleichbleibend aufgebaut: Nach einer kurzen Einführung ins Thema folgt eine Patientengeschichte, die den ethischen Konflikt meist sehr treffend und praxisnah aufzeichnet, mit einer Kommentierung durch den Autor. Daran schließen sich in kurzen Kapiteln die verschiedenen Facetten des Themas an. Jedes Kapitel endet mit einem Fazit sowie einem Literaturverzeichnis für die besonders interessierten Leser.

Menschenbilder

Das Schlusskapitel widmet sich den verschiedenen Menschenbildern in der modernen Medizin. Für Maio ist es unabdingbar, sich über die eigenen Vorstellungen vom Wesen des Menschen klar zu werden. Erst dann lässt sich die Frage nach dem guten Handeln in der Medizin beantworten. Das Buch ist ein deutliches Plädoyer für den Menschen, der immer im Zentrum der Heilung stehen sollte. Der Kerngehalt dessen, was Medizin als Heilkunde ausmacht, ist die Sorge um den anderen, so Maio.

 

FAZIT | Dieses Buch ist eine anregende und nachdenklich machende Lektüre von herausragender Qualität. Es besticht durch seine Aktualität und seine Fülle der Themen. Es ist verständlich geschrieben und fordert immer wieder auf, den eigenen Standpunkt zu überdenken und zu reflektieren. Seinem Untertitel „Lehrbuch der Ethik in der Medizin“ wird es durch die hervorragende didaktische Darstellung voll und ganz gerecht. Genauso oder noch mehr ist es jedoch ein Ratgeber bei den zahlreichen ethischen Konflikten des ärztlichen Alltags, der jedem (nicht nur medizinethisch interessierten) Leser wärmstens empfohlen werden kann.

 

Weiterführender Hinweis

  • Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch. Lehrbuch der Ethik in der Medizin. Schattauer Verlag, Stuttgart, 2. Aufl. 2017, 544 Seiten, ISBN 978-3-7945-6871-0, 29,99 Euro
Quelle: Ausgabe 12 / 2017 | Seite 11 | ID 44960743