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01.04.2008 | Arbeitsrecht

Fragliche Formulierungen und sogenannte „Geheimcodes“ in Chefarzt-Zeugnissen

von Dr. Guido Mareck, Richter am Arbeitsgericht Iserlohn

In vielen Chefarzt-Dienstverträgen werden Chefärzte dazu verpflichtet, Zeugnisse für nachgeordnete Ärzte im Rahmen der Gebietsarztweiterbildung oder Zeugnisse und Bescheinigungen, die sich ausschließlich mit der ärztlich-wissenschaftlichen Qualifikation befassen, auszustellen. Das klappt in vielen Fällen auch aufgrund der häufig wiederkehrenden Routine ganz gut. 

 

Doch spätestens dann, wenn Sie als Chefarzt selbst ein Zeugnis benötigen oder für einen Ihrer Oberärzte ein solches ausstellen sollen, gerät die Sache ins Wanken. Dies liegt nicht zuletzt an den erhöhten Anforderungen und den eigenen Erwartungen, denn man empfiehlt sich mit diesem Zeugnis beim nächsten Arbeitgeber. Das Arbeitszeugnis – hinsichtlich dessen Formulierungen sich eine eigene Zeugnissprache gebildet hat – wird dann oft ein Punkt, an dem sich ein heftiger Streit entzünden kann. 

 

Entscheidend ist daher, dass Sie als Chefarzt wissen, welche Ansprüche Sie gegenüber Ihrem Arbeitgeber haben, welche Geheimcodes sich hinter den einzelnen Formulierungen verbergen können und welche Beschreibungen unbedenklich sind. Der nachfolgende Beitrag gibt Ihnen einen kurzen Überblick über die wichtigsten Punkte, die Sie zum Thema Arbeitszeugnis wissen sollten. 

Welche Art von Zeugnis muss ausgestellt werden?

Unabhängig von der Art der Beendigung des Arbeitsverhältnisses können Sie als Chefarzt mit der Beendigung ein einfaches bzw. qualifiziertes Arbeitszeugnis verlangen. Faustregel: Ein qualifiziertes Zeugnis kann bei Bestehen des Arbeitsverhältnisses von mehr als sechs Monaten verlangt werden. Werden Sie während einer längeren Kündigungsfrist noch weiter beschäftigt, können Sie nach Ausspruch der Kündigung vom Krankenhausträger ein vorläufiges Zeugnis verlangen, das grundsätzlich den Träger auch hinsichtlich der Formulierung des Endzeugnisses bindet.  

 

Vor Beendigung des Arbeitsverhältnisses kann bei Vorliegen eines triftigen Grundes ein Anspruch auf Erteilung eines sogenannten „Zwischenzeugnisses“ gegeben sein. Solche triftigen Gründe sind zum Beispiel der Trägerwechsel, eine erhebliche Veränderung der Tätigkeit nach Art oder Umfang oder das Ruhen des Arbeitsverhältnisses. Die Grundsätze zur Form und zum Inhalt des Zeugnisses gelten uneingeschränkt auch für das Zwischenzeugnis. 

Welche Angaben muss das Zeugnis enthalten?

Im qualifizierten Zeugnis müssen folgende Angaben enthalten sein: 

 

  • das Ausstellungsdatum (das üblicherweise mit dem Beendigungsdatum des Arbeitsverhältnisses identisch sein sollte),
  • Vor- und Zuname sowie Geburtsdatum und -ort,
  • Dauer des Arbeitsverhältnisses,
  • genaue Beschreibung Ihrer Tätigkeit,
  • die Bewertung Ihrer Leistungen und Führung,
  • die Unterschrift vom Geschäftsführer, Direktor oder Personalchef.

Was können Sie tun, wenn Ihr Zeugnis unrichtig ist?

Wenn Sie zwar ein Zeugnis erhalten haben, dieses aber unrichtig ist, weil zum Beispiel Ihre in Wahrheit guten oder sehr guten Leistungen nur als mittelmäßig dargestellt werden, können Sie den Krankenhausträger vor dem Arbeitsgericht verklagen. Dabei müssen Sie angeben, welche Formulierungen Sie in Ihrem Zeugnis haben möchten. 

 

Grundsätzlich gilt die Regel, dass der Arbeitgeber die inhaltliche Richtigkeit des Zeugnisses darlegen und beweisen muss. In der Praxis der Arbeitsgerichte ist die Darlegungslast „salomonisch“ in der Weise verteilt, dass der Arbeitgeber nur dann die Darlegungs- und Beweislast bezüglich Ihrer Leistungen trägt, wenn er diese Leistungen als unterdurchschnittlich bewertet. Das heißt: Ihr Träger ist „auf der sicheren Seite“, wenn er Ihnen ein Zeugnis mit der Note „befriedigend“ ausstellt. Sie müssen dann das Gericht davon überzeugen, dass Sie Leistungen erbracht haben, die die Note „gut“ oder „sehr gut“ rechtfertigen. 

Der Inhalt des einfachen bzw. qualifizierten Zeugnisses

Während sich das einfache Arbeitszeugnis nur auf die Art und Dauer der Tätigkeit erstreckt, hat das bei einer Bewerbung üblicherweise erwartete qualifizierte Arbeitszeugnis auch Führung (Verhalten) und Leistung des Chefarztes im Arbeitsverhältnis zum Inhalt.  

 

Hier haben sich bei der Wortwahl und der Bewertungskriterien einzelne Formulierungen herausgebildet, mit denen bestimmte Bewertungen verbunden werden.  

 

Typischerweise werden Arbeitszeugnisse mit einer Schlussformel versehen, in der für die Zusammenarbeit in der Vergangenheit gedankt wird und gute Wünsche für die Zukunft verbunden sind. Nach der Rechtsprechung ist der Träger jedoch nicht verpflichtet, das Zeugnis mit einer solchen Formel zu schließen. Ein übliches Zeugnis hat im Einzelnen folgenden Inhalt: 

 

Zeugnis/Arbeitszeugnis/Zwischenzeugnis

Einleitung 

Angaben zu Person, Beruf und Beschäftigungsdauer des zu beurteilenden Chefarztes 

Positions-, Aufgaben- und Tätigkeitsbeschreibung 

Tätigkeitsmerkmale, Kompetenzen/Verantwortung 

Berufliche Entwicklung innerhalb des Krankenhauses 

Leistungsbereitschaft 

Arbeitsbereitschaft 

Arbeitsbefähigung (Belastbarkeit, intellektuelle Fähigkeiten/Fachkenntnisse/Weiterbildung) 

Arbeitsweise 

Arbeitserfolg (Arbeitsmenge, Tempo, Qualität) 

Besondere Erfolge 

Fachwissen/Weiterbildungsmotivation 

Mitarbeiterführungskompetenz (Gruppenleistung/Mitarbeiterzufriedenheit) 

Zusammenfassende Leistungsbeurteilung (Zufriedenheitsaussage) 

Hierbei gilt folgende Notenskala:  

 

1.„stets/immer zu unserer vollsten Zufriedenheit“ = sehr gute Leistung
2.„stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ = gute Leistung
3. „stets zu unserer Zufriedenheit“ oder „zu unserer vollen Zufriedenheit“ = befriedigende Leistung
4.„zu unserer Zufriedenheit“ = ausreichende Leistung
5.„insgesamt (im Großen und Ganzen) zu unserer Zufriedenheit“ = mangelhafte Leistung
6.„hat sich bemüht“ = ungenügende Leistung

Verhaltensbeurteilung 

Verhalten gegenüber Vorgesetzten/Kollegen/Patienten 

Weitere persönliche und soziale Verhaltensaspekte 

Zusammenfassende Verhaltensbeurteilung 

Hierbei gilt folgende Notenskala: 

 

1. „Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern war stets einwandfrei/vorbildlich“ = sehr gut
2.„Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern war einwandfrei/vorbildlich“ = gut
3.„Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern war gut“ = befriedigend
4.„Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern war befriedigend“= ausreichend

Abschluss  

Gründe für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses (von wem ging die Initiative aus?) 

Dankens-/Bedauerns-Formel (gegebenenfalls Empfehlung/Wiedereinstellungsaussage) 

Zukunftswünsche 

Ausstellungsort und Datum mit Unterschrift 

Achtung: Auf Ausschlussfristen und Verjährung achten!

Der Anspruch auf Erteilung eines Zeugnisses unterliegt der Verjährungsfrist von drei Jahren. Bereits vorher kann der Krankenhausträger die Ausstellung eines Arbeitszeugnisses verweigern, wenn der Anspruch nicht während einer angemessenen Zeit nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses geltend gemacht wird. Dies gilt auch, wenn Sie die Berichtigung Ihres fehlerhaften Zeugnisses wünschen. 

 

Im Rahmen der Rechtsprechung ist umstritten, welcher Zeitraum als „angemessen“ anzusehen ist. Wenn Sie erst fünfzehn Monate nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses den Anspruch geltend machen, führt dies nach der Rechtsprechung regelmäßig zu einer Verwirkung. Bereits eine Geltendmachung nach einem Zeitraum von zehn Monaten wird als verspätet anzusehen sein.  

Die Bedeutung der sogenannten Geheimcodes

Mittlerweile ist es ein offenes Geheimnis, dass Arbeitszeugnisse hinsichtlich der Zufriedenheit und der Leistung bzw. einzelner Verhaltensaspekte des Chefarztes Geheimcodes enthalten können. Dieses Wissen sorgt für Verwirrung, da oft auch Vorgesetzten diese Formulierungen nicht im Einzelnen bekannt sind. Anbei eine Übersicht über typische Formulierungen und ihre wahre Bedeutung:  

 

Übersicht über die wichtigsten Formulierungen

„... erledigte alle Arbeiten mit großem Fleiß und Interesse“  

Bedeutung: Eifer ja, aber kein Erfolg 

 

„... hat alle übertragenen Arbeiten ordnungsgemäß erledigt “ 

Bedeutung: Ein Bürokrat ohne Eigeninitiative 

 

„... war wegen seiner Pünktlichkeit stets ein gutes Vorbild“ 

Bedeutung: Ein Totalversager 

 

„... haben wir als umgänglichen Kollegen kennengelernt“ 

Bedeutung: Der Laden lief besser, wenn er nicht da war 

 

„... trug durch Geselligkeit zur Verbesserung des Betriebsklimas bei“ 

Bedeutung: Ein Alkoholiker 

 

„... bewies Einfühlungsvermögen in die Belange der Belegschaft“ 

Bedeutung: Suchte Sexkontakte bei Mitarbeiterinnen 

 

„... bewies umfassendes Einfühlungsvermögen für die Belegschaft“ 

Bedeutung: Homosexuelle Veranlagung 

 

„... galt im Kollegenkreis als toleranter Mitarbeiter“ 

Bedeutung: Aber nicht für Vorgesetzte, für die er ungenießbar war. 

 

Quelle: Ausgabe 04 / 2008 | Seite 14 | ID 118520