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01.12.2007 | Ärztliche Organisation

Der Facharztstandard: Was jeder Chefarzt hierzu wissen sollte

von RA und FA Arbeits- und Steuerrecht Norbert H. Müller, Kanzlei Klostermann, Dr. Schmidt, Monstadt, Dr. Eisbrecher, Bochum

Jeder Chefarzt weiß, dass die Nichteinhaltung des sogenannten „Facharztstandards“ gravierende haftungsrechtliche Folgen haben kann. Doch welche sind das im Einzelnen? Und wie definiert sich der Facharztstandard? Der nachfolgende Beitrag gibt dem Chefarzt hierzu einen kurzen und umfassenden Überblick (siehe weiteren Beitrag zum „Facharztstandard“ im Chefärzte Brief Nr. 1/2007, S. 13) 

Die drei Ärztegruppen in der Abteilung des Chefarztes

Der Facharztstandard verlangt nicht eine Behandlung nur durch Ärzte mit sogenannten „Facharztpatenten“. Vielmehr ist eine tatsächliche Behandlung, die objektiv den Kenntnissen und Erfahrungen eines Facharztes entspricht, im Sinne eines Facharztstandards erforderlich. Der Chefarzt, dem die Leitung seiner Abteilung obliegt, muss diesem Standard durch eine entsprechende Dienstplangestaltung Rechnung tragen. Grundsätzlich sind drei unterschiedliche Ärztegruppen in seiner Abteilung zu unterscheiden: 

 

1. Der Berufsanfänger

Der Berufsanfänger-Arzt (etwa der noch junge Assistenzarzt oder der festangestellte Arzt ohne die notwendige Erfahrung) kann allein niemals den Facharztstandard gewährleisten. Durch organisatorische Maßnahmen muss er langsam und schrittweise an die Behandlungsabläufe mit sich steigernden Schwierigkeitsstufen herangeführt werden. 

 

Ihm darf die eigenverantwortliche Durchführung einer Operation erst übertragen werden, wenn aufgrund objektiver Kriterien als ärztlich vertretbares Ergebnis ohne Zweifel feststeht, dass die eigenständige Operation für den Patienten kein zusätzliches Risiko birgt. Bis dahin darf er Operationen – abgesehen von organisatorisch nicht vorhersehbaren Notfallsituationen – nur unter Überwachung durchführen. Nach der Rechtsprechung muss der Berufsanfänger-Arzt von einem Arzt mit nachgewiesener formeller Facharztqualifikation überwacht werden, um den Facharztstandard zu gewährleisten. 

 

2. Der Weiterbildungsassistent

Der erfahrene und bewährte Arzt ohne formelles Facharztpatent kann selbstständig operieren und zugleich den materiellen Facharztstandard wahren. Es empfiehlt sich nicht, diese Kompetenz und Verantwortung vorschnell zu übertragen. Vielmehr muss sich der Facharztstandard anhand objektiver Kriterien (insbesondere Anzahl und Schwierigkeit von Operationen, Fortbildungen, Kontrollen, Ausbildungsstand) belegen lassen. Ein bewährter Arzt darf ohne formelles Facharztpatent trotz gleicher oder besserer Befähigungen niemals einen Berufsanfänger-Arzt überwachen. Zur Wahrung des Facharztstandards – auch zu Bereitschaftsdienstzeiten – ist daher eine verbindliche Dienstanweisung des Chefarztes erforderlich, dass der Altassistent die Behandlung unmittelbar von dem Berufsanfänger übernimmt, statt diese nur zu überwachen. 

 

3. Der Facharzt

Der Arzt mit formellem Facharztpatent darf zusätzlich auch den Berufsanfänger bei Operationen überwachen. Der Chefarzt darf allein aufgrund der Qualifikation vom Facharztstandard ausgehen, muss diesen auch nicht im Prozess beweisen. Lediglich dann, wenn sich konkrete Zweifel an den Fähigkeiten ergeben (beispielsweise Verdacht einer Alkoholsucht, mehrmalige Versäumnisse oder Komplikationen bei identischen Operationen), ist der Facharztstandard trotz formellen Facharztpatents nicht gegeben und der Chefarzt muss insoweit organisatorische Maßnahmen ergreifen. 

Die Folgen bei Nichteinhaltung des Facharztstandards

Die Nichteinhaltung des Facharztstandards hat große haftungsrechtliche Konsequenzen: Sie führt zu einer Umkehr der Beweislast. Das heißt: Bei Komplikationen wird vermutet, dass diese auf den unzureichenden Behandlungsstandard zurückzuführen sind. Dann muss also nicht der Patient beweisen, dass die Komplikationen auf ärztlichem Fehlverhalten beruhen, sondern es muss von ärztlicher Seite dargelegt werden, dass auch ein Facharzt den Schaden nicht hätte vermeiden können. Lässt sich diese Vermutung nicht widerlegen, kann der Chefarzt wegen mangelnder Organisation haften. 

 

Das bedeutet nicht, dass die Übertragung medizinischer Leistungen auf „Nichtfachärzte“ in jedem Fall einen Organisationsfehler darstellt. Es ist anerkannt, dass Nichtfachärzte medizinische Leistungen erbringen dürfen. Dies gilt, wenn der Chefarzt aufgrund des bisherigen Ausbildungsstands darauf vertrauen konnte, dass der Nichtfacharzt die ihm übertragenen Leistungen ordnungsgemäß und fehlerfrei erbringen kann. Der überwachende und ausbildende Chefarzt braucht nicht ständig anwesend zu sein, wenn nachgeordnete Nichtfachärzte medizinische Leistungen erbringen. Wichtig ist, dass er sich ein Bild vom Leistungsstand des eingeteilten Arztes gemacht hat und davon ausgehen konnte, dass er die Leistung erbringen kann. Hier muss die Kontrolle und Dokumentation der bisherigen Tätigkeiten sowie des Ausbildungsstands des einzelnen Arztes besonders hoch sein. 

 

Auch umfasst die Organisationspflicht des Chefarztes die Bereitstellung bestimmter Medikamente sowie Untersuchungsmöglichkeiten und entsprechende Behandlungsapparate. Er muss auch für einen Ersatz während eines Personalausfalls sorgen. 

Quelle: Ausgabe 12 / 2007 | Seite 10 | ID 116072