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·Fachbeitrag ·Virtuelle Währungen

Kryptowährungen auf dem Vormarsch: Bitcoin statt EUR

von Dipl.-Bw. Christel Spielmann, Arnsberg

| 2008 - wohl nicht ganz zufällig auf dem Höhepunkt der Finanzkrise - wagten einige Digitalbegeisterte den Blick in die Zukunft: Ist es möglich, ein digitales Geld zu schaffen, das nur vom Markt, nicht aber von einer übergeordneten Institution kontrolliert wird? Ein Geld, das unabhängig von Großbanken und Staaten ist? Ein Geld, welches gefeit ist gegen sämtliche Maßnahmen der finanziellen Repression? Kurz gesagt: Gesucht wurde eine digitale Version des Goldstandards. Das Ergebnis hieß Bitcoin! |

1. Das Konzept

Der Bitcoin wurde 2009 von Satoshi Nakamoto erschaffen. Bis heute ist nicht klar, wer sich hinter diesem Namen verbirgt s- es steht noch nicht einmal fest, ob es eine Person oder ein Team ist. Das ist allerdings auch nicht so wichtig. Wichtiger hingegen ist das Konzept, das dahinter steht. Denn Satoshi Nakamoto hatte sich tatsächlich den Goldstandard zum Vorbild genommen.

 

Er wollte ein digitales Geld entwickeln, das

  • wertbeständig und fälschungssicher ist,
  • dessen Wert - auch gegenüber anderen Währungen - ausschließlich durch den Markt bestimmt wird,
  • allen Nutzern gleichberechtigten Zugang eröffnet, und keiner Interessengruppe einen marktbeherrschenden Einfluss ermöglicht,
  • seinem Nutzer - ähnlich wie bei Barzahlungsvorgängen - Privatsphäre und Anonymität (und damit Freiheit) zusichert und
  • eine schnelle Abwicklung von Transaktionen (auch internationalen) zu geringen Kosten ermöglicht.

 

Wie wurden diese Anforderungen nun umgesetzt?

 

  • Wertbeständigkeit und Fälschungssicherheit: Sämtliche Transaktionen werden in einer Art elektronischem Register, der sogenannten Blockchain, erfasst. So lassen sich Herkunft und bisherige Verwendung jedes einzelnen Bitcoins nachvollziehen. Wer dies einmal in Echtzeit erleben möchte, dem sei die folgende Internet-Seite empfohlen: https://blockchain.info.

 

  • Außerdem ist die Höchstzahl aller Bitcoins auf 21 Millionen begrenzt. Damit steht der Bitcoin in einem krassen Gegensatz zu den „gesetzlichen“ Zahlungsmitteln wie EUR, USD oder JPY: Während diese durch die Maßnahmen der jeweiligen Zentralbanken kräftig „inflationiert“ werden (der letzte Vorschlag - kein Scherz - lautet „Helikopter money“, sprich: Das Geld wird frisch gedruckt, und unter der Bevölkerung verteilt, ohne dass es durch einen Gegenwert gedeckt ist), ist der Bitcoin deflationär ausgerichtet. Denn der Höchstzahl von 21 Mio. Bitcoins steht eine stetig wachsende Menge an Gütern und Dienstleistungen gegenüber. Der Wert eines einzelnen Bitcoins - gemessen in Gütern und Dienstleistungen - dürfte also steigen, sobald die Höchstmenge an Bitcoins im Umlauf ist. (Nur als Anhaltspunkt: Derzeit sind knapp 16 Mio. im Umlauf).

 

  • Marktsouveränität: Da der Bitcoin ausschließlich über die Blockchain kontrolliert wird, keiner Regulierung durch eine übergeordnete Institution unterliegt, darüber hinaus unabhängig von Großbanken und anderen Interessengruppen ist, wird der Preis durch Angebot und Nachfrage geregelt.

 

  • Wer Bitcoins erwerben oder verkaufen möchte, kann das über eine traditionelle Devisenbörse oder eine internet-basierte Börse speziell für Kryptowährungen in die Wege leiten. Das Währungskürzel für Bitcoin lautet BTC. Derzeit erhält man für 1 EUR 0,0018 BTC (www.finanzen.net). Auf Anycoin (https://anycoindirect.eu) kostet ein BTC 556,41 EUR.

 

  • Immer häufiger werden Bitcoins anstelle der Offline-Währungen von Geschäften (und neuerdings sogar Behörden) akzeptiert. Im Internet kursieren verschiedene Listen mit Akzeptanzstellen (z. B. https://bitcoinblog.de). Die Stadt Zug in der Schweiz z. B. hat sich mit Wirkung vom 1.7.16 in die Reihe der Bitcoin-Akzeptanzstellen eingereiht.

 

  • Anonymität der Benutzer: Zur Eröffnung eines Bitcoin-Kontos (sog. Wallets), werden E-Mail-Adressen, Namens- und Adressdaten sowie ein Passwort angefordert. Man erhält dann eine Bitcoin-Adresse (quasi die Kontonummer) zugewiesen. Unter dieser Bitcoin-Adresse werden sämtliche Transaktionen erfasst. Der Kontoinhaber wird nicht genannt.

 

  • Schnelle Abwicklung von Transaktionen zu geringen Kosten: Da Bitcoins direkt von einem Wallet zum nächsten transferiert werden können, lassen sich auch internationale Zahlungen schnell abwickeln. Für eine Transaktion werden durchschnittlich 10 Minuten benötigt. Die Transaktionskosten halten sich in Grenzen. Für viele Transaktionen werden keine Gebühren berechnet, allerdings gibt es Bagatellgrenzen (ca. 5,50 EUR): Für Transaktionen, die diese Grenze unterschreiten, werden Gebühren erhoben.

2. Wie werden Bitcoins generiert?

Bitcoins entstehen durch einen komplizierten Prozess: das Mining. Die Assoziation zum Bergbausektor, welcher unter schwierigen Bedingungen die lang-lebigsten Währungen (nämlich Gold und Silber) fördert, kommt nicht von ungefähr. Sie soll die Wertbeständigkeit und Fälschungssicherheit unterstreichen.

 

Zum Mining ist eine spezielle Hard- und Software notwendig. Die Kosten sind mittlerweile so hoch, dass es für Privatnutzer uninteressant ist, selbst nach Bitcoins zu „schürfen“. Denn die neu geschürften Bitcoins werden ebenfalls in die oben genannte Blockchain eingetragen. Das Blockchain-Protokoll wird aber durch die Nachverfolgung aller Transaktionen immer umfangreicher und benötigt allein deshalb mehr Zeit zur Informationsverarbeitung. Werden nun noch neue Bitcoins geschürft, müssen sie in das Blockchain-Protokoll integriert werden.

 

Hinzu kommt: Zwar erhalten Schürfer für das Mining einen Ertrag auf ihrem Wallet gutgeschrieben. Aber mit steigender Anzahl Bitcoins im Umlauf sinkt der Ertrag. Auch das macht das Mining für Einzelkämpfer zunehmend uninteressant.

3. Entwicklung des Bitcoin

Bis ca. Januar 2013 führten Bitcoins ein Schattendasein. Damals war ein Bitcoin ca. 10 EUR wert. Im Laufe des Jahres 2013 explodierten die Preise und schossen auf über 740 EUR hoch (per 5.1.14). Im Laufe des Jahres 2014 gab der Kurs um fast zwei Drittel nach und erreichte im September 2015 mit 203 EUR einen Tiefpunkt. Mittlerweile setzte eine Erholung ein, und der BTC notiert bei ca. 550 EUR.

 

Die rasante Entwicklung lockte zahlreiche Softwareunternehmen auf den Plan, die neue Bitcoin-bezogene Dienstleistungen anboten (Software für Wallet-eröffnung, Apps für die Nachverfolgung von Transaktionen, Bitcoin-Börsen). Und auch in Sachen Mining tat sich etwas: Konnten die ersten Bitcoin-Schürfer noch als Einzelkämpfer auftreten, schoss der Preis für die spezielle IT-Ausrüstung derart in die Höhe, dass es heute für Privatpersonen uninteressant ist, als Bitcoin-Miner aufzutreten. Stattdessen wird heute gemeinsam in einer Cloud geschürft: Die für das Mining erforderliche Ausrüstung wird von einem externen Unternehmen in einer Cloud zur Verfügung gestellt, der Ertrag aus dem Miningprozess auf alle Cloud-Teilnehmer verteilt.

 

Zusätzliches Momentum erhielt der Bitcoin durch ein steigendes Interesse der Banken an der Blockchain-Technologie. Dies geschah wohl auch, um der Konkurrenz von Direktzahldienstleistern Paroli zu bieten und die weitere Entwicklung mitbestimmen zu können. Schließlich darf man nicht vergessen, dass der Bitcoin ein Konkurrenzprodukt zu ihrer Hauswährung, dem EUR, ist. Und wie bei jedem Trend spornten zunehmende mediale Aufmerksamkeit und ein erhöhter Bekanntheitsgrad die Nachfrage an.

 

Stellt der Bitcoin also eine Anlagealternative dar? Wohl eher für Mutige. Denn die Fallstricke sind mannigfach: Sie reichen von „technischem“ Versagen über Hacking bis hin zur Monopolstellung einzelner Bitcoin-Nutzer.

4. Zunehmende Kritik am Bitcoin-Konzept

Bitcoin-Nutzer benötigen eine gewisse Infrastruktur, um Transaktionen ausüben zu können: Schäden an der Infrastruktur - seien es Stromausfälle, Blitzschäden an der Telefonanlage, Schäden an der EDV - alle können Wallets unerreichbar machen. Wohl dem, der sich dann per Handy und App zu helfen weiß! Oder über einen gewissen Bargeldvorrat verfügt!

 

In letzter Zeit wurde vermehrt über Hacking von Bitcoin-Börsen und Diebstählen von Bitcoins berichtet. Auch Geldwäsche scheint ein Thema. Was die Fragen aufbringt: 1. Wie sicher ist die Blockchain? 2. Wer steckt dahinter?

 

Der Bitcoin steht in Konkurrenz zu den gesetzlichen Zahlungsmitteln und ermöglicht es, sich den geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken zu entziehen, woran diese wiederum kein Interesse haben. Das Gerücht will nicht weichen, wonach manche zu außergewöhnlichen Gegenmaßnahmen greifen (www.btcgermany.de/bitcoin-org-warnt-vor-staatlichen-angriffen/).

 

  • Cloud-Mining wird von Bitcoin-Nutzern der ersten Stunde durchaus kritisch gesehen, denn es führte zu einer Konzentration im Markt, die der Bitcoin-Philosophie zuwider läuft: Statt vieler Schürfer treten wenige Cloud-Plattformen als Bitcoin-Miner auf, die wiederum marktbeherrschenden Einfluss gewinnen können.

5. Und zum Schluss ein Vergleich: Bitcoin versus EUR

Allen Kritikpunkten zum Trotz kann der Bitcoin gegenüber den offiziellen Währungen in einigen Aspekten punkten - was allerdings weniger in seiner „digitalen“ Eigenschaft als vielmehr in dem ursprünglichen Konzept eines dezentral verwalteten Geldes angelegt ist. Hier einmal ein kurzer Vergleich zwischen Bitcoin und EUR:

 

  • Geldfunktion: Diese wird dem Bitcoin durch den Markt verliehen, während EUR, USD und Co. den Status als Zahlungsmittel qua Gesetz erhalten haben. Das macht einen Unterschied, denn sämtliche „gesetzliche“ Zahlungsmittel werden von Zentralbanken reguliert, während ein marktgebundenes Geld nur vom Markt reguliert wird. Da die Marktkräfte eher greifen können, fallen Preiskorrekturen moderater aus. Boom-and-Bust-Zyklen in einem freien Markt? Schwer vorstellbar.

 

  • Währungswettbewerb: Kryptowährungen stehen im Wettbewerb zu anderen Geldformen - fürchten ihn aber nicht!

 

  • Technische Anforderungen: Kryptowährungen setzen eine digitale Infrastruktur voraus. Dies ist sicherlich ein Nachteil.

 

  • Anonymität der Nutzer: Kryptowährungen haben sich den Schutz der Privatsphäre auf die Fahne geschrieben. Für EUR u. Ä. gilt das nur für Transaktionen mit Bargeld. Für unbare Transaktionen ist die Anonymität schon deutlich eingeschränkt.

 

  • Geldpolitische Ausrichtung: Der größte Unterschied liegt möglicherweise in der Philosophie. Während der Bitcoin deflationär ausgerichtet ist, zeigen EUR und alle anderen offiziellen Währungen eine inflationäre Prägung. Man sollte diesen Unterschied nicht unterschätzen, denn Wirtschaften in einem deflationären Umfeld gehorcht ganz anderen Gesetzen als in einem inflationären Umfeld.

 

Weiterführende Hinweise

  • Informationen zum Bitcoin findet man auf den folgenden Seiten:
Quelle: Ausgabe 10 / 2016 | Seite 274 | ID 44271874