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  • ·Fachbeitrag ·Umfrage unter 496 Steuerberatungskanzleien

    Welche Chancen und Risiken birgt eine automatisierte Finanzbuchführung?

    von Maximilian Oblak, B. A., Dorsten

    | Digitalisierung ‒ ein Begriff, der die Unternehmenswelt in den letzten Jahren prägte, wie kaum ein anderer. Während es dabei zu Beginn insbesondere um die Überführung analoger Geschäftsprozesse auf eine digitale Ebene ging, rückt in dieser dynamischen Entwicklung aktuell zunehmend der Einsatz von künstlicher Intelligenz in den Fokus. Dieser Prozess macht auch vor der Steuerberatung nicht halt. |

    1. Der Status quo in Steuerberatungskanzleien

    In der Steuerberatungsbranche sticht insbesondere die Finanzbuchführung als der Treiber für digitale Prozesse heraus. Cloud-basierte Kollaborationslösungen, wie z. B. DATEV Unternehmen online bieten die Möglichkeit, die Zusammenarbeit mit dem Mandanten völlig neu zu gestalten und machen damit analoge, papierbasierte Arbeitsweisen obsolet. Auch der Gesetzgeber trägt dieser Entwicklung Rechnung und hat daher bereits vor einigen Jahren den Weg für den digitalen Wandel geebnet.

     

    Die Buchhaltung als Digitalisierungstreiber ist nun auch die erste Anlaufstelle für den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Steuerberatung. Durch Machine Learning können Systeme auf der Basis von bestehenden Daten selbstständig Wissen aufbauen und dieses im zweiten Schritt auch anwenden. Die Vision, den gesamten Erstellungsprozess einer Finanzbuchführung automatisieren zu können, stößt heute noch auf diverse Grenzen und Restriktionen. Nichtsdestotrotz ist es bereits heute möglich, durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz einzelne Prozesse zu automatisieren. Ergebnisse müssen dabei stets von einer Fachkraft auf Richtigkeit überprüft und bei Bedarf korrigiert werden. Insbesondere bei neuen Sachverhalten kann es zudem nötig sein, einzelne Parameter, für die keine Datenbasis zur Verfügung steht oder die Datenqualität des Belegs unzureichend ist, manuell zu erfassen. Diese Korrekturen und Ergänzungen fließen anschließend wieder mit in den Lernprozess ein und steigern damit die Qualität in der Zukunft.

     

    Welche konkreten Vorteile bzw. Nachteile mit dem Einsatz einer solchen Technologie verbunden sein können, hat der Verfasser im Rahmen einer zu Beginn des Jahres 2020 durchgeführten Studie, an der 496 Kanzleien teilgenommen haben, erörtert. Dieser Artikel behandelt die wichtigsten darin gewonnenen deskriptiven Erkenntnisse.

    2. Umsatzpotenziale in der Steuerberatung

    Schaut man sich an, womit Steuerberatungskanzleien heute ihr Geld verdienen, stellt man schnell fest, dass sich der Umsatz zu einem großen Teil aus deklaratorischen Tätigkeiten, wie der Erstellung der Buchführung, zusammensetzt. Beratenden Tätigkeiten kommt dabei nur eine untergeordnete Bedeutung zu.

     

    Diverse Prognosen zeigen, dass das Honorarpotenzial deklaratorischer Tätigkeiten künftig abnehmen wird. Diese Tatsache ist bereits einem Großteil, jedoch längst nicht allen Akteuren der Branche bewusst.

     

     

    Um sinkende Umsätze für deklaratorische Tätigkeiten zu kompensieren, bedarf es eines Ausbaus der beratenden Tätigkeiten. Die Mehrheit im Berufsstand hat diese Tendenz erkannt und sieht im Bereich der betriebswirtschaftlichen Beratung Wachstumspotenzial für die nächsten fünf Jahre.

     

    3. Rund um Digitalisierung und Automatisierung

    Insgesamt lautet also die Devise, freie Ressourcen zu schaffen, um das Thema Beratung weiter vorantreiben zu können. Der wichtigste Hebel ist hierbei die Effizienz der Prozesse. Durch die Etablierung digitaler bzw. automatisierter Prozesse in der Finanzbuchführung und der damit verbundenen Reduktion von Prozessbrüchen lassen sich solche Effizienzgewinne realisieren. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass bereits ein großer Teil der Kanzleien eine Online-Plattform nutzt, um Belege digital verbuchen zu können. Dabei wird im Schnitt bereits jeder dritte Mandant digital gebucht. Beachtlich ist, dass sich 77,8 % der Befragten grundsätzlich vorstellen können, künstliche Intelligenz einzusetzen, um die Finanzbuchführung ihrer Mandanten automatisiert zu erledigen. Die große Zustimmung zeigt, dass der Berufsstand neuen Entwicklungen und Technologien offen gegenübersteht und sich diesen Veränderungen nicht verschließt.

    4. Vorteile und Chancen ‒ Nachteile und Risiken

    Die Einführung automatisierter Prozesse durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Finanzbuchführung bietet auf der einen Seite zahlreiche Chancen, birgt jedoch auf der anderen Seite Risiken. In den folgenden Tabellen wird die Relevanz einzelner Items aus Perspektive des Berufsstandes dargestellt. Hierzu wurde das arithmetische Mittel je Item bestimmt und anhand der Ausprägung auf der Intervallskala (1 = trifft voll und ganz zu bis 6 = trifft überhaupt nicht zu) wie folgt eingruppiert:

     

    1: +++

    = sehr hohe Relevanz

    4: ‒

    = geringe Relevanz

    2: ++

    = hohe Relevanz

    5: ‒‒

    = sehr geringe Relevanz

    3: +

    = mäßige Relevanz

    6: ‒‒‒

    = keine Relevanz

     

    Insgesamt überwiegt die Relevanz der Vorteile gegenüber den Nachteilen, da sie von den Teilnehmern insgesamt als signifikant zutreffender bewertet werden. Den Nachteilen und Risiken kommt demnach eine geringere Bedeutung zu.

     

    ÜBERSICHT / Vorteile und Chancen sowie Nachteile und Risiken

    • Relevanz der Vorteile und Chancen
    Vorteil/Chance
    Relevanz

    sehr hohe Relevanz

    Effizienzsteigerungen beim Buchführungsprozess

    +++

    hohe Relevanz

    Optimierung der Arbeitsbelastung durch zeitnahes, unterjähriges Buchen

    ++

    Prozessoptimierungen in der Zusammenarbeit mit dem Mandanten

    ++

    Steigerung der Kanzleiattraktivität aus der Sicht potenzieller Mitarbeiter

    ++

    Erweiterung der Dienstleistungen um „Betriebswirtschaftliche Beratung“

    ++

    Schnellere Abwicklung der Jahresabschlusserstellung

    ++

    Qualitätssteigerung in der Finanzbuchführung

    ++

    Einsparungspotenzial bei Personalkosten

    ++

    • Relevanz der Nachteile und Risiken
    Nachteil/Risiko
    Relevanz

    hohe Relevanz

    Notwendigkeit für IT-Kenntnisse

    ++

    Softwareprobleme

    ++

    Erhöhter Marktdruck

    ++

    Fehlende Veränderungsbereitschaft bei den Kanzleimitarbeitern

    ++

    Umsatzeinbußen durch Honorardiskussionen

    ++

    Rechtssicherheit und Datenschutz

    ++

    Organisatorischer Mehraufwand

    ++

    mäßige Relevanz

    Kontrollverlust

    +

    Angst vor unbekanntem Neuen

    +

    Kein Mehrwert gegenüber herkömmlicher Buchführung

    +

    geringe Relevanz

    Verlust des Arbeitsplatzes

     
    Quelle: Ausgabe 12 / 2020 | Seite 327 | ID 46986249