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01.02.2007 | Schadenhöhe

Vom Versicherungsgutachter „kaputt geschrieben“ – eigener Gutachter unter 130 Prozent

Es ist ein offenes Geheimnis, dass für die Versicherung tätige Gutachter gern „aus dem Vollen schöpfen“, wenn eine Reparatur im Rahmen der „130-Prozent-Möglichkeiten“ im Raum steht. Dann werden die höchsten begründbaren Stundenverrechnungssätze herangezogen, UPE-Aufschläge fehlen nicht, Verbringungskosten und Wertminderung auch für ein altes Auto sind selbstverständlich. Und die Parole lautet: Erneuern vor Instandsetzen. Ball paradox!  

 

So ging es einem Geschädigten im Urteilsfall vor dem AG Kassel. Der Pkw des Geschädigten hatte einen Wiederbeschaffungswert (WBW) von 2.800 Euro. Reparaturkosten wurden in Höhe von 4.988 Euro errechnet. Daraufhin ließ der Geschädigte das Fahrzeug durch einen neutralen Gutachter besichtigen. Ergebnis: Reparaturkostenprognose 3.530 Euro. Und die Werkstatt lag nach erfolgter Reparatur noch knapp darunter. Die Versicherung meinte, es komme auf ihr Gutachten an. Sie müsse nur „WBW minus Restwert“ abrechnen.  

 

Das AG Kassel sah das zu Gunsten des Geschädigten anders: Die vollständige, fachgerechte Reparatur lag im „130-Prozent-Rahmen“. Nur darauf komme es an. Auch die Kosten für das zweite Gutachten sprach das AG dem Geschädigten zu (Urteil vom 11.1.2007, Az: 413 C 4772/06; Abruf-Nr. 070349; mitgeteilt von RA Steding, Essen). 

 

Unterschiedliche Fallgruppen

Die vom AG Kassel beantwortete Frage ist umstritten. Folgende Fallgruppen sind zu unterscheiden. 

 

  • Gibt es objektive Gründe für die Unterschreitung, kommt es wohl auf die tatsächlich entstandenen Reparaturkosten an. Beispiel: Die Werkstatt hat niedrigere Stundenverrechnungssätze als die vom Gutachter kalkulierten. Oder sie berechnet nie UPE-Aufschläge.
  • Liegen die Unterschreitungsfaktoren aber im „subjektiven“ Bereich (Pauschalpreis oder „ausnahmsweise“ ohne UPE-Aufschlag oder gar ein „Sonderangebots-Stundenverrechnungssatz“), ist das Ergebnis eines Rechtsstreits kaum vorhersehbar. Das LG Oldenburg zum Beispiel betont, dass es auf objektive Schadenbemessungs-kriterien ankommt (Urteil vom 20.12.2005, Az: 9 S 772/05).

 

Abweichungen vom gutachterlich vorgesehenen Reparaturweg sind kritisch. Der BGH: Die „130-Prozent-Reparatur“ muss „im Umfang der gutachterlichen Feststellungen“ erfolgen. Was auch nicht geht, ist der Verzicht des Geschädigten auf einzelne Schadenpositionen. Stellt der Gutachter zu Recht eine Wertminderung fest und wird die „130-Prozent-Grenze“ dadurch gesprengt, ist es keine Lösung, dass der Geschädigte die Wertminderung nicht beansprucht. 

Quelle: Ausgabe 02 / 2007 | Seite 11 | ID 98038