logo logo
Meine Produkte: Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen. Anmelden
Menu Menu
MyIww MyIww
Jetzt testen

04.12.2008 |Aktuell für die Wildschadensaison

Der Wiederbeschaffungswert begrenzt eine Kaskoreparatur nicht

Alle Jahre wieder stellt sich zur Wildschadensaison ein Abrechnungsproblem bei der Teilkasko: Was ist, wenn die Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert (WBW) übersteigen?  

 

Wichtig: Die Fragestellung wäre für Vollkaskofälle identisch zu beantworten. Nur stellt sie sich dort viel seltener. Denn überwiegend die jungen Fahrzeuge sind vollkaskoversichert, und wenn dabei die Reparaturkosten den WBW übersteigen, wird so gut wie nie die Reparaturentscheidung getroffen. Zumal nicht selten auch noch eine Leasinggesellschaft ein Wort mitzureden hat. 

 

Bei Wildschäden allerdings greift die Teilkaskoversicherung, und unter deren Schutz stehen auch viele ältere und ganz alte Autos. Da überschreiten dann schnell die Reparaturkosten den WBW, obwohl in technischer Hinsicht nicht viel passiert ist. Und dann möchte der Betroffene das Auto gerne behalten, auch um den Preis einer Zuzahlung aus eigener Tasche.  

 

Das Interesse der Versicherung ist genau umgekehrt. Sie macht sich, gestützt auf ihr Weisungsrecht bei der Restwertveräußerung, auf die Suche nach einem möglichst guten Gebot für das verunfallte Fahrzeug und präsentiert dann eine Abrechnung nach dem Muster „WBW 2.000 ./. Restwert 1.600 ./. Selbstbeteiligung (SB) 150 = Zahlbetrag 250 Euro“. Ob das so richtig ist, hängt von den Fakten ab. 

Die Klausel

Eine weit verbreitete Klausel in den AKB, die vom OLG Düsseldorf jüngst gebilligt wurde (Urteil vom 29.4.2008, Az: I-4 U 145/07; Abruf-Nr. 083658), lautet: 

 

Klausel in AKB

„Bei Beschädigung des Fahrzeugs ersetzt der Versicherer bis zu dem sich nach Abschnitt 1. bis 4. ergebenden Betrag die erforderlichen Kosten der Wiederherstellung (Reparatur oder Ersatzbeschaffung). Bis zum Nachweis einer vollständigen Reparatur in einer Fachwerkstatt für den Versicherungsnehmer beschränkt sich die Höchstentschädigung auf die Differenz zwischen Wiederbeschaffungswert und Restwert. Ohne konkreten Nachweis einer Reparatur gelten mittlere, ortsübliche Stundenverrechnungssätze als erforderlich.“ 

Beachten Sie: Zum Verständnis müssen Sie wissen: In den in Bezug genommenen Abschnitten 1 bis 4 ist als Leistungshöchstgrenze für die hier in Rede stehende Fallgestaltung der WBW genannt. 

Klausel ist sehr werkstattfreundlich

Wenn diese Klausel auch im Versicherungsvertrag Ihres Kunden enthalten ist, gleichgültig ob identisch oder nur inhaltsgleich, liegen die Dinge wie folgt: 

 

  • Repariert Ihr Kunde gar nicht, ist die Abrechnung des Versicherers richtig.
  • Repariert Ihr Kunde selbst oder lässt er irgendwo „unter der Hand“ reparieren, ist die Abrechnung auch richtig.

 

Insoweit ist die Klausel also hochgradig werkstattfreundlich. Denn nur bei einer nachgewiesenen Reparatur in einer Fachwerkstatt kann die Leistungsgrenze „WBW minus Rest minus SB“ überschritten werden. 

Reparatur im Auftrag des Kunden

Der Kunde muss also den Reparaturauftrag geben. Ein Ankauf durch Sie und spätere Reparatur im eigenen Interesse funktioniert nicht. Denn es muss nicht nur in einer Fachwerkstatt repariert werden, sondern auch „für den Versicherungsnehmer“.  

 

Wenn der Kunde durch Sie reparieren lässt, muss er vollständig reparieren lassen. Eine – technisch ja durchaus naheliegende – Behelfsreparatur genügt also auch nicht. Wird in vollem Umfang gegen Rechnung für den Kunden repariert, ist die Leistungsgrenze „WBW ./. Rest ./. SB“ geknackt.  

 

Leistungshöchstgrenze ist dann der WBW minus SB. Übersteigen dabei die Reparaturkosten den WBW, schadet das nicht. Jedoch gibt es – anders als im Haftpflichtschadenrecht – im Kaskofall keine 130-Prozent-Grenze, also keine Dehnung der Leistungspflicht des Versicherers nach oben. Das heißt im Ergebnis: Alles, was über WBW minus SB hinausgeht, muss der Kunde selbst bezahlen. Ein solches Splitting ist zulässig, anders, als man es bei 130-Prozent-Überschreitungen bei Haftpflichtschäden gewohnt ist. 

Taktisches bei Hindernissen

Regelmäßig findet bei Kaskoschäden die Begutachtung des Schadens durch einen von der Versicherung entsandten Sachverständigen statt. Auch ohne allzu großes Misstrauen kann davon ausgegangen werden, dass der, bietet der Schaden die Chance dazu, sein Ermessen in Richtung WBW-Überschreitung ausüben wird.  

 

Oft liegt der Schaden nur knapp über dem WBW, weil man bei den Versicherungen die Erfahrung gemacht hat, dass dann aus Unsicherheit nicht repariert wird. 

 

Unser Tipp: Übertreibt der Sachverständige aber und bläst den Schaden mächtig auf, ist das ein Fall für ein Sachverständigenverfahren. Bis zu dessen Abschluss kann das Fahrzeug gegebenenfalls provisorisch fahrbereit und verkehrssicher gemacht werden. Dann empfiehlt sich die ausdrückliche Erklärung gegenüber der Versicherung, dass diese Reparatur eine vorläufige ist.  

 

Beachten Sie: Das Sachverständigenverfahren birgt Risiken. Keinesfalls ist das gewünschte Ergebnis sicher vorhersehbar, im Übrigen bleibt das Kostenrisiko (zu Einzelheiten siehe Ausgabe 9/2007, Seite 9). Diesen Schritt sollten Sie sich also sorgfältig überlegen. 

Beschädigung versus Zerstörung

Ein gerne angewandter Trick der Versicherung ist auch folgender: Die Klausel gilt nach ihrem Wortlaut für Fälle der Beschädigung. Wenn die Reparaturkosten oberhalb des WBW liegen, behauptet mancher Versicherer, dass sei nun keine Beschädigung mehr. Vielmehr sei nun das Stadium der Zerstörung erreicht.  

 

Das ist aber sachlich falsch. Der Versicherungssenat des BGH hat schon vor fast 40 Jahren entschieden (NJW 1969, 256), dass eine Zerstörung im versicherungsvertraglichen Sinne erst dann vorliegt, wenn eine Reparatur technisch nicht mehr möglich ist. Der Zerstörungsbegriff ist also keine wirtschaftliche Kategorie. Also ist die Beschädigungsklausel im obigen Sinne anzuwenden. 

Sonderfall „Sportversicherung“

Ein seltener, aber im Einzelfall zu beachtender Sonderfall ist der der Versicherung, die viele Sportvereine für ihre ehrenamtlichen Helfer abgeschlossen haben. Fahren ehrenamtliche Helfer (zum Beispiel Trainer, Betreuer oder ein Kindertransportfahrdienst) im Auftrag des Vereins und erleidet einer von ihnen auf der Fahrt einen selbst verschuldeten Unfall, tritt dafür eine spezielle Versicherung ein.  

 

Die Police des Marktführers auf diesem Gebiet enthält die Einschränkung, dass die Entschädigungshöchstgrenze in jedem Fall „WBW minus Restwert“ ist. Die Klausel ist zulässig, weil es sich bei dieser Art der Versicherung nicht um eine Sachversicherung handelt, sondern um eine Vermögensschadenversicherung. 

 

Die Einschränkung greift nicht nur in den Fällen, in denen die Reparaturkosten den WBW, sondern bereits wenn sie die Differenz aus WBW und Restwert überschreiten. Reparaturen sind also nur bei eindeutigen Reparaturfällen möglich. 

 

Unser Tipp: Beachten Sie den Textbaustein 103 sowie die Textbausteine 196 und 197 zu den weiteren, in diesem Beitrag angesprochenen Fragen. 

 

Quelle: Ausgabe 12 / 2008 | Seite 13 | ID 123225