· Aufgeben trotz Erfolg
Mehrheit der Betriebe verschwindet leise

von Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung
In Deutschland stellen so viele Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit ein wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Dies zeigt eine gemeinsame Untersuchung der Creditreform Wirtschaftsforschung und des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Betroffen sind zunehmend auch gesunde Betriebe. Damit verliert Deutschland an wirtschaftlicher Substanz.
1. Immer mehr Unternehmen werden geschlossen
Die deutsche Wirtschaft befindet sich 2026 weiterhin in einer schweren Krise. Laut DIHK hat sich die Geschäftslage gegenüber Jahresbeginn deutlich verschlechtert: Nur 23 % der Unternehmen bewerten ihre Lage noch als gut, 26 % als schlecht. Auch die Erwartungen sind stark negativ: Ein Drittel rechnet mit schlechteren Geschäften, nur 13 % mit einer Verbesserung.
Die Folgen zeigen sich zunehmend bei den Unternehmen: 2025 stiegen die Insolvenzen mit 23.900 Fällen auf den höchsten Stand seit 10 Jahren. Mit 12.900 Insolvenzen allein im ersten Halbjahr 2026 zeichnet sich ein weiterer Rekord ab. Zugleich wurden 2025 rund 188.000 Unternehmen geschlossen – 10 % mehr als im Vorjahr.

2. Selbst gute und mittlere Bonität schützt nicht
Die Krisendynamik frisst sich mittlerweile durch die gesamte Breite der Wirtschaft. Die Zahl der Marktaustritte steigt deutlich an. Große Unternehmen und Konzerne beherrschen derzeit die Nachrichten. Die Zahl der kleinen und mittleren Unternehmen, die leise verschwinden, ist aber um ein Vielfaches größer.
Außerdem müssen mittlerweile auch Unternehmen mit guter oder zumindest mittlerer Bonität schließen. Dazu muss man wissen: Zu den Schließungen zählen auch Insolvenzen, allerdings machen sie nur etwa 13 % aller Schließungen aus. Das heißt umgekehrt: Die meisten Schließungen erfolgen „freiwillig“. Wobei dieses Wort es nicht ganz trifft. Gemeint ist: Insolvenzanmeldungen werden aufgrund des Verschuldungsgrades eines Unternehmens vom Gesetzgeber erzwungen. In allen anderen Fällen entscheiden die Unternehmer selbst, ob sie schließen.
Diese Entscheidung fällt inzwischen immer häufiger. Denn anders als in früheren Jahren beenden nun auch eigentlich gesunde Firmen ihre Geschäftstätigkeit. In der aktuellen Untersuchung von Creditreform Wirtschaftsforschung und ZEW fällt auf, dass 2024 und nun auch 2025 die Kreditwürdigkeit derjenigen Unternehmen, die geschlossen wurden, im Durchschnitt höher war als in den Jahren davor. Laut dem Schließungsreport hatte Creditreform die Bonität von Unternehmen vor ihrer Schließung im Durchschnitt als schwach oder noch schlechter eingestuft. 2024 und 2025 schloss jedoch auch eine Reihe von Unternehmen mit mittlerer oder gar guter Bonität. Die durchschnittliche Bonitätsnote bei Schließungen lag 2025 bei „mittlerer Bonität“
Mit anderen Worten: Es wurden vermehrt Unternehmen geschlossen, die noch nicht in unmittelbaren Zahlungsschwierigkeiten steckten, also in finanzieller Hinsicht durchaus hätten fortgeführt werden können. Dieser Trend lässt sich nicht allein auf Finanzierungsschwierigkeiten zurückführen. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: technologischer Wandel, zunehmender Wettbewerbsdruck und Arbeitskräftemangel. Hinzu kommen die stark gestiegenen Energie- und Personalkosten. Gleichzeitig sei der Fachkräftemangel in vielen Branchen ein Problem, das insbesondere für kleinere Unternehmen sogar zur Aufgabe der Geschäftstätigkeit führen kann. Als weiteren Grund für die steigende Zahl der Firmenschließungen nennt die Untersuchung von Creditreform und ZEW die demografische Entwicklung. „Immer mehr Betriebe schließen, weil Firmeninhaber in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. Fast ein Drittel aller freiwilligen Schließungen erfolgt mittlerweile aus Altersgründen – deutlich mehr als noch vor 10 oder 15 Jahren“, sagt Dr. Sandra Gottschalk, Senior Researcher beim ZEW Mannheim (Creditreform Wirtschaftsforschung: Schließungszahlen: Deutschland verliert zu viele gesunde Betriebe, PM 18.8.26, www.iww.de/s16212, Abruf 25.8.26).
Tatsächlich wollen so viele Unternehmer wie nie zuvor ihren Betrieb übergeben (vgl. zu diesem Absatz DIHK: Unternehmensnachfolge-Report 2025, www.iww.de/s16213, Abruf 26.9.26). Damit entwickelt sich das Thema Unternehmensnachfolge laut Deutscher Industrie- und Handelskammer zu einer der größten Strukturfragen des deutschen Mittelstands. Denn: Die Lücke zwischen abgabebereiten Betrieben und geeigneten Übernehmern wird größer. Laut DIHK-Unternehmensnachfolge-Report 2025 hat sich der Abstand zwischen verfügbaren Unternehmen und geeigneten Nachfolgeinteressierten zwischen 2019 und 2024 nahezu verdoppelt.
3. Gut 11.000 Industrieunternehmen gaben auf
Die Zahl der Unternehmensschließungen stieg 2025 in zahlreichen Branchen weiter an. Im Verarbeitenden Gewerbe stellten gut 11.000 Unternehmen ihren Betrieb ein (+ 10 %), im Baugewerbe waren es rund 24.000 (+ 12 %).
Besonders stark betroffen war das Gastgewerbe: Etwa 15.000 Betriebe aus Gastronomie und Beherbergung schlossen, 15 % mehr als im Vorjahr. Der reduzierte Mehrwertsteuersatz konnte die Lage offenbar nicht verbessern. Als Ursachen gelten insbesondere Fachkräftemangel, stark gestiegene Kosten, eine zurückhaltende Verbrauchernachfrage sowie der Wettbewerb durch Lieferdienste. Auch im Handel nahmen die Schließungen wieder zu, um 8 %.
4. Auch die Gesundheitsbranche kränkelt
Im Gesundheitswesen stiegen die Unternehmensschließungen 2025 erneut deutlich: Rund 11.000 Marktaustritte bedeuten ein Plus von 12 % gegenüber dem Vorjahr und etwa doppelt so viele Schließungen wie 2008. Besonders betroffen waren Arztpraxen, deren Zahl der Schließungen um 23 % auf knapp 5.500 zunahm. Überdurchschnittlich hoch war die Schließungsrate zudem bei Gesundheitsdiensten im ländlichen Raum.
Die Entwicklung verschärft die ohnehin angespannte Versorgungslage: Trotz einer alternden Bevölkerung nimmt die flächendeckende medizinische Versorgung, etwa durch Apotheken und Fachärzte, weiter ab.
5. Handel: Spürbar mehr Schließungen
Eine weitere Branche mit spürbar mehr Schließungen ist der Handel. Rund 37.000 Unternehmen wurden 2025 geschlossen, was einem Anstieg von 8 % entspricht.
Gerade die steigenden Schließungszahlen im Handel sind öffentlich gut sichtbar, nämlich beim Bummel durch Deutschlands Innenstädte. „15 % – so hoch ist mittlerweile der durchschnittliche Leerstand an Geschäften in deutschen Innenstädten“, berichtete das ZDF im August. In Vor-Corona-Zeiten sei die Lage noch deutlich besser gewesen: Die Leerstandsquote habe damals deutschlandweit bei rund 10 % gelegen (zdfheute: Zahlen des Schreckens für den Einzelhandel – Kampf gegen Leerstand in Innenstädten, 10.8.26, www.iww.de/s16214, Abruf 10.9.26)
Bereits im März 2026 hatte der Handelsverband Deutschland (HDE) mitgeteilt, dass im Jahr 2026 4.900 Geschäfte in Deutschland verloren gehen werden (vgl. Handelsverband Deutschland: Schlechte Nachrichten für die Innenstädte – HDE-Prognose für 2026: Einzelhandel in Deutschland verliert 4900 Geschäfte“, PM 23.3.26, www.iww.de/s16215, Abruf 10.9.26). Neueröffnungen seien bereits gegengerechnet. Bereits seit zehn Jahren verliert Deutschland der Pressemitteilung zufolge jährlich mindestens 4.500 Geschäfte oder mehr. Ende 2026 könnten es laut HDE-Prognose noch 296.600 Geschäfte bundesweit sein – gegenüber 366.800 vor zehn Jahren.
FAZIT — Insgesamt zeigt die Untersuchung: Unternehmen verschwinden nicht zwangsläufig, weil ihr Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Die Gründe sind vielfältig – und plausibel. Hier zeigen sich erhebliche strukturelle Probleme, die von der Politik dringend angegangen werden müssen, wenn die Wirtschaft in Deutschland endlich wieder genügend Wasser unterm Kiel haben soll. |