logo logo
Meine Produkte: Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen. Anmelden
Menu Menu
MyIww MyIww
Jetzt testen

·Fachbeitrag ·Haftungsrecht

Amoklauf von Winnenden: Gericht verweigert Schadenersatz, bejaht aber Behandlungsfehler

von Rechtsreferendar Peter Janus, armedis Rechtsanwälte, Hannover, www.armedis.de

| Aufatmen bei den behandelnden Therapeuten, Ärzten und der Klinik, die den Amokläufer von Winnenden vor seiner Tat behandelt hatten: Sie müssen keinen Schadenersatz leisten. Doch eine faustdicke Überraschung hielten die jetzt veröffentlichten Entscheidungsgründe des Urteils des Landgerichts Heilbronn vom 26.04.2016 dennoch parat: Die Richter urteilten, dass durchaus Fehler bei der Behandlung gemacht worden waren. Die vom Gericht aufgestellten Rechtssätze sind besonders für Psychiater wichtig, wenn sie sich bei ähnlichen Fällen vor Gericht verantworten müssen. |

Der Sachverhalt

Nachdem Tim K. Anfang 2008 begann, sich psychisch schlecht zu fühlen und in die örtliche Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie überwiesen wurde, fand ein erstes Gespräch mit einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin statt. Die Ärztin verfügte zum Zeitpunkt der Behandlung erst seit etwa einem halben Jahr über die ärztliche Approbation.

 

Täter berichtete von Gewaltfantasien

In seinem ersten Gespräch berichtete Tim K., dass er unter Stimmungsschwankungen leide und Hassgefühle auf die gesamte Menschheit habe. Er äußerte, dass er andere Menschen umbringen wolle, und sprach davon, „alle erschießen“ zu wollen. Diese Tötungsfantasien wiederholte er in späteren Gesprächen jedoch nicht mehr.

 

Im weiteren Verlauf der Therapie wurde der spätere Täter u. a. einem Persönlichkeitstest nach dem „Freiburger Persönlichkeitsinventar“ unterzogen. Eine Diplom-Pädagogin führte diese Untersuchung durch. Sie wurde jedoch - wie sich später herausstellte - fehlerhaft ausgewertet.

 

Vater nahm seinen Sohn mit auf den Schießstand

Tim K. hatte nicht nur Gewaltfantasien; er spielte auch regelmäßig sog. Ego-Shooter und wurde von seinem Vater, einem Sportschützen, mit auf den Schießstand genommen. Die Behandler waren hierüber zwar informiert, erkundigten sich jedoch nicht, ob Tim K. solche Waffen zur Verfügung habe. Ihre abschließende Diagnose lautete: „Soziale Phobie“.

 

Beachten Sie | Der Vater von Tim K. war der Anischt, die Behandler hätten erkennen müssen, dass sein Sohn gefährlich ist, und ihn entsprechend informieren müssen. Hintergrund seiner Klage: Er selbst muss Schadenersatz an Opfer, Hinterbliebene, die Stadt Winnenden sowie die Unfallkasse zahlen. Der Vater des Täters klagte daher gegen die Behandler, damit diese die Hälfte des von ihm zu zahlenden Schadenersatzes übernehmen.

Die Entscheidungsgründe

Das Gericht geht in seinem Urteil davon aus, dass zunächst Fehler bei der Diagnostik vorlagen, die im Ergebnis jedoch nicht mitursächlich für die Bluttat geworden sind.

 

Gericht: Therapeutin fragt nicht präzise genug

Nach der Auffassung des Gerichts hätte die Therapeutin präzisere Nachfragen stellen müssen:

 

  • 1. Welcher Natur waren die im Kopf von Tim K. kreisenden Gedanken?
  • 2. Womit will der Patient Menschen erschießen?
  • 3. Besteht für ihn die Möglichkeit, an Waffen zu kommen?
  • 4. Weshalb und seit wann hat der Patient so eine Wut und Hass auf die Menschheit gehabt?
  • 5. Welcher Natur sind die zur Ablenkung genutzten PC-Spiele gewesen?

 

Anschließend hätte die Therapeutin eruieren müssen, inwieweit der Patient die Wut- und Hassgedanken in Tathandlungen umzusetzen gedenke.

 

Befunderhebungsfehler war nicht ursächlich für die Tat

Diese Befunderhebungsfehler - so das Gericht - seien aber nicht mitursächlich für die Bluttat geworden. Es lasse sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, welche Antworten auf die o. g. Nachfragen gegeben worden wären.

 

Es wäre insbesondere möglich gewesen, dass der spätere Amokläufer bei einer intensiveren Befragung den Fragen ausgewichen wäre oder diese unzutreffend beantwortet hätte. Es lagen somit keine „Ankündigungshinweise“ des Patienten vor, die jedoch in der Mehrzahl solcher Fälle zu finden sind.

 

Diagnose „Soziale Phobie“ war noch vertretbar

Auch hinsichtlich der fehlerhaften Auswertung des Persönlichkeitstests nach dem „Freiburger Persönlichkeitsinventar“ liege zwar ein Diagnosefehler vor. Dieser sei aber ebenfalls nicht mitursächlich, da die korrekte Auswertung ein weitgehend unauffälliges Profil ergeben habe. Des Weiteren sei auch die Diagnose „Soziale Phobie“ aufgrund der Patientenangaben und Begleiterscheinungen noch vertretbar gewesen.

 

Zu dem Umstand, dass die den Patienten behandelnde Kinder- und Jugendpsychotherapeutin relativ unerfahren war und erst ein halbes Jahr vor der Beratung von Tim K. ihre ärztliche Approbation erworben hatte, bemerkten die Richter: Die Behandlung der Therapeuten setze nur eine Approbation voraus, nicht jedoch eine bestimmte Tätigkeitsdauer oder Erfahrung.

 

FAZIT | Bemerkenswert ist, dass das Landgericht Heilbronn durchaus Behandlungsfehler der Therapeuten und Ärzte bejaht hat. Auch wenn die Klage im konkreten Fall keinen Erfolg hatte, da eine Kausalität zwischen Behandlungsfehler und späterer Tat nicht vorlag, ist eine Haftung der behandelnden Psychiater in solchen Fallkonstellationen keineswegs ausgeschlossen, wie das Urteil zeigt.

 
Quelle: Ausgabe 12 / 2016 | Seite 14 | ID 44392110