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·Fachbeitrag ·Arzthaftungsrecht

Ärztliches Konsil: Wann muss es eingeleitet werden und welche Sorgfaltspflichten gelten?

von Rechtsanwalt und Fachanwalt für Medizinrecht Rainer Hellweg, Kanzlei Schroeder-Printzen, Kaufmann & Kollegen, Hannover, www.spkt.de

| Ärzte stehen häufig vor der Frage, ob ein Kollege aus einem anderen Fachbereich konsiliarisch hinzugezogen werden soll. Mit seinem Beschluss vom 21. Mai 2012 (Az. 1 U 433/12, Abruf-Nr. 130704) hat das Oberlandesgericht (OLG) München klargestellt: Ob das Nichteinleiten eines Konsils einem Arzt als Behandlungsfehler anzulasten ist, kann allein nach dessen Sichtweise und der Kompetenz aus seinem eigenen Fachgebiet heraus beurteilt werden. Haftungsrisiken und zu beachtende Sorgfaltspflichten bei der Einholung ärztlicher Konsile beleuchtet der nachfolgende Beitrag. |

Die aktuelle Entscheidung des OLG München

Im Berufungsverfahren hatte das OLG München insbesondere über die ordnungsgemäße Auswahl des medizinischen Sachverständigen zu entscheiden. Hierbei war ein Gynäkologe verklagt worden. Die klagende Patientin hatte gerügt, dass ihre gynäkologischen Beschwerden nicht in den Zusammenhang einer Fruktose-Intoleranz gerückt worden seien.

 

Die Vorinstanz hatte eine Gynäkologin als Sachverständige mit der Begutachtung beauftragt. Die Patientin wandte ein, der sie behandelnde Gynäkologe hätte einen Internisten hinzuziehen müssen, was nur durch einen internistischen Sachverständigen hinreichend beurteilt werden könnte.

 

Gynäkologischer Sachverständiger für gynäkologischen Fall

Diesen Einwand der Patientin wies das OLG zurück. Es sei die ureigenste Kompetenz eines gynäkologischen Sachverständigen zu beurteilen, ob der behandelnde Gynäkologe einen Internisten hätte einschalten müssen, befand das Gericht. Dass die Behandlung im Falle der Einholung eines internistischen Konsils möglicherweise einen anderen Gang genommen hätte, sei nicht relevant. In diesem Zusammenhang verkannte das OLG ausdrücklich nicht, dass der Behandlungsverlauf mitunter erheblich danach differiere, aus der Sicht welcher Fachrichtung der Behandlungsansatz gewählt werde.

 

Beauftragter Arzt entscheidet über hinzugezogene Fachrichtung

Die Frage, ob lege artis ein Konsil eines Kollegen aus einem anderen Fachbereich einzuholen ist oder nicht, sei aber allein aus dem eigenen Fachgebiet heraus und den hiernach zu erwartenden Kenntnissen und Fähigkeiten zu beurteilen. Somit musste der behandelnde Gynäkologe nach Ansicht der Richter nicht voraussehen, welche Erkenntnisse ein internistisches Konsil bringen würde. Er habe lediglich abschätzen müssen, ob aus Sicht seines Fachgebietes die Hinzuziehung eines Internisten notwendig und weiterführend gewesen wäre. In ähnlicher Richtung argumentiert das OLG Hamm in der nachfolgend erörterten Gerichtsentscheidung.

 

OLG Hamm: Das fehlende neurologische Konsil

Mit Urteil vom 5. März 2010 (Az. 26 U 147/08, Abruf-Nr. 130705) hatte das OLG Hamm einen Fall zu entscheiden, in dem es ebenfalls um den Vorwurf eines Befunderhebungsfehlers ging. In einem Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie hatten die behandelnden Ärzte an der Diagnose des psychogenen Stupors festgehalten und es trotz festgestellter Sprach- und Schluckstörungen sowie einer nonverbalen Kontaktaufnahme durch Blicke und Kopfnicken oder Verneinen durch die Patientin unterlassen, eine neurologische Ursache in Betracht zu ziehen. Weder war ein neurologisches Konsil eingeholt noch entsprechende Diagnostik in die Wege geleitet worden.

 

Unterlassenes Konsil war Diagnosefehler

Im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass dies ein Diagnosefehler war. Tatsächlich hatte die Patientin ein Loch in der Herzscheidewand und einen embolischen bilateralen Thalamusinfarkt erlitten. Dieser führte letztlich zu bleibenden Sprachbeeinträchtigungen und Schluckstörungen, die nach dem Vorbringen der Patientin bei früherer adäquater Behandlung besser hätten therapiert werden können.

 

OLG verneinte groben Behandlungsfehler

Bei unterschiedlichen, widerstreitenden medizinischen Sachverständigengutachten verneinte das OLG Hamm jedoch einen groben Behandlungsfehler. Zwar hätten sich die behandelnden Ärzte im Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie in eine falsche Diagnoserichtung bewegt und seien erst verspätet zur Notwendigkeit einer neurologischen Befunderhebung gelangt. Ausdrücklich zugunsten der behandelnden Psychiater hob das Gericht jedoch hervor, dass an deren Wissen und Erkenntnisse andere Anforderungen zu stellen seien als an einen Facharzt der Neurologie.

 

PRAXISHINWEIS | Im Ergebnis liegt die Entscheidung des OLG Hamm auf einer Linie mit dem aktuellen Beschluss des OLG München. Somit gilt: Die Beurteilung eines fraglichen Behandlungsfehlers bei Nichteinholen eines Konsils ist nach den Kenntnissen und der Kompetenz zu beurteilen, die von einem Arzt aus der Fachgruppe des behandelnden Arztes erwartet werden kann.

OLG Koblenz: Das fehlerhafte neurologische Konsil

Zwar gilt bei horizontaler Arbeitsteilung der Vertrauensgrundsatz, wonach sich ein Arzt grundsätzlich darauf verlassen darf, dass ein konsiliarisch hinzugezogener Kollege einer anderen Fachrichtung seine Aufgaben sorgfältig erfüllt. Das Einholen eines Konsils führt aber nicht per se zur haftungsrechtlichen Entlastung: Bei ernsthaften Zweifeln an den erhobenen Befunden des konsiliarisch tätigen Kollegen muss der Arzt dem auf den Grund gehen.

 

Dies zeigt auch der Fall, den das OLG Koblenz mit Urteil vom 26. August 2003 (Az. 3 U 1840/00, Abruf-Nr. 130706) entschieden hat: Hierbei ging es um einen Patienten, der nach einer Prostataadenom-OP auf die innere Abteilung eines Krankenhauses verlegt worden war. Da Blasenentleerungsstörungen in der extremen Form einer Überlaufblase in Verbindung mit Lasègue’schem Zeichen, Nackensteife, Rückenschmerzen und Gangunsicherheit auftraten, zogen die behandelnden Internisten konsiliarisch einen Kollegen der Neurologie hinzu. Dieser schloss trotz weiterhin ungeklärter Ursache der Blasenentleerungsstörung eine zerebrale Störung aus und empfahl, den Patienten lediglich konservativ zu behandeln. Später wurde ein Rückenmarksangiom festgestellt, das zu einer Querschnittslähmung des Patienten führte. Hierfür wurden die vom Patienten verklagten Internisten haftbar gemacht.

 

Nach einer Begutachtung durch mehrere Sachverständige kam das Gericht zu dem Schluss, dass die Fehlerhaftigkeit der Empfehlung des neurologischen Kollegen durch die behandelnden Internisten aufgrund ihrer Ausbildung hätten erkannt werden müssen. Sie hatten jedoch argumentiert, im kollegialen Miteinander sei es normal, der Empfehlung des konsiliarisch hinzugezogenen Arztes zu folgen. Diesen Einwand wies das Gericht mit deutlichen Worten zurück: Selbst wenn es „normal“ sei, den konsiliarischen Ratschlag ungeprüft zu befolgen, sei ein solches Verhalten doch fahrlässig.

 

Maßstab der Fahrlässigkeit sei nicht die im Verkehr übliche, sondern die im Verkehr erforderliche Sorgfalt. Die behandelnden Internisten hätten über das eingeholte neurologische Konsil hinaus und entgegen dessen Empfehlung zumindest weitere diagnostische Maßnahmen in Bezug auf die Blasenentleerungsstörung des Patienten veranlassen müssen.

 

PRAXISHINWEIS | Sowohl den ein Konsil veranlassenden als auch den konsiliarisch tätigen Ärzten ist zu raten, die erhobenen Befunde und den Informationsaustausch im Zuge des Konsils umfassend in der Patientenakte zu dokumentieren. Hierdurch kann man bei einem späteren Prozess Beweisengpässe vermeiden und ist für lauernde Haftungsfallen gut gerüstet. Wichtig bei Einholung eines Konsils ist es zudem, die Frage und eine etwaige Verdachtsdiagnose sorgfältig zu formulieren und alles schriftlich zu dokumentieren. Hierbei empfiehlt es sich, den konsiliarisch hinzugezogenen Kollegen nicht durch eine voreilige Diagnosestellung einzuengen. Im Falle eines Diagnose- bzw. Befunderhebungsfehlers kann dies zulasten desjenigen Arztes gehen, der das Konsil veranlasst hat.

Exkurs: Besonderheiten in der Klinik

Im Klinikbereich - vor allem bei Maximalversorgern - könnten die Gerichte von haftungsrechtlichen Verschärfungen ausgehen. Grund: Hier kann ein Konsil leichter und schneller eingeholt werden als bei ambulanter Behandlung durch niedergelassene Ärzte. Zudem kann etwa bei Notfallpatienten bereits die Zuordnung zu einer bestimmten Abteilung haftungsträchtig sein, wenn so ein falscher Diagnose- oder Therapieweg eingeschlagen wird.

 

Weiterführende Hinweise:

  • Kann dem Chefarzt nach einem groben Behandlungsfehler gekündigt werden? Siehe hierzu CB 11/2012, Seite 4.
  • Zur Frage, ob der Patient nach einem Aufklärungs- und Behandlungsfehler sein Honorar zurückfordern kann, lesen Sie CB 10/2012, Seite 9.
Quelle: Ausgabe 03 / 2013 | Seite 10 | ID 37613260