logo logo
Meine Produkte: Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen. Anmelden
Menu Menu
MyIww MyIww
Jetzt testen

·Fachbeitrag ·Management/Haftung

Compliance Management System: Was haben Chefärzte damit zu tun?

von Babette Christophers LL.M., Fachanwältin für Medizin- und Sozialrecht, www.christophers.de

| Klinik-Skandale schlagen hohe Wellen. Sofort wird gefragt: Muss die Klinikleitung oder der Chefarzt für den Schaden geradestehen? Hätte der Skandal verhindert werden können? Hier setzt das Compliance Management System (CMS) des Krankenhauses an. Chefärzte sollten sich hiermit vertraut machen, um nicht haften zu müssen. |

Was ist ein Compliance Management System (CMS)?

Bei dem Begriff „Compliance“ wird der Arzt zuerst an das kooperative Mitwirken des Patienten bei der Therapie denken. Compliance im Sinne eines CMS bedeutet jedoch, dass Gesetze, Richtlinien und selbst auferlegte Kodizes eingehalten werden. Dabei geht es vor allem darum, strafrechtlich relevantes Mitarbeiterverhalten und damit Skandale sowie die Zahlung von Schadenersatz zu vermeiden, die das Haus finanziell ruinieren können. Daneben gilt es, alle rechtlichen Regelungen zu befolgen, die der Klinik auferlegt sind.

 

Aufbau eines Compliance-Programms

Der Weg zur Compliance startet von oben. Die „Kultur“ einer Klinik wird durch die Geschäftsleitung mitbestimmt. Daher kann ein Compliance-System nur funktionieren, wenn die Leitung und die führenden Köpfe von diesem System überzeugt sind und es vorleben. Dafür sollten zunächst Verhaltensprozeduren festgelegt werden. Darin werden Grundsätze formuliert, zudem wird auf geltende Gesetze und Krankenhausrichtlinien hingewiesen, um Mitarbeiter für rechtliche Risiken zu sensibilisieren. Jeder Mitarbeiter muss auf dieses schriftlich erstellte Compliance-Programm jederzeit zugreifen können.

 

Einbeziehung der Mitarbeiter

In einem zweiten Schritt werden diese Grundsätze an die Mitarbeiter regelmäßig kommuniziert; eine einmalige Schulung reicht hierfür nicht. Auch der Hinweis, jeder Mitarbeiter möge doch bitte die neuen Verhaltensregeln studieren, genügt nicht. Vielmehr ist ein regelmäßiges Trainingsprogramm nötig, damit jeder Mitarbeiter die vereinbarten Grundsätze verinnerlicht und den Sinn für das Krankenhaus und für sich persönlich nachvollziehen kann.

 

Anonymes Meldesystem - CIRS

Um auf Fehlverhalten von Mitarbeitern zu reagieren, sollte ein anonymes Hinweisgeber-System installiert werden. Dabei kann jeder Mitarbeiter - ohne Repressalien zu fürchten - Hinweise auf Personen, Abläufe oder besondere Vorfälle geben. Der Compliance-Beauftragte muss diesen Hinweisen sofort nachgehen und reagieren, um Schaden abzuwenden. Ein Beispiel hierfür ist CIRS („Critical Incident Reporting System“), das jedoch nur ein Hinweissystem für Fehler in der Behandlung von Patienten ist (vgl. www.kh-cirs.de).

Welche Rolle spielen Ärzte in einem CMS?

Für führende Klinikärzte bietet ein funktionierendes CMS die Möglichkeit,

  • das Risiko des Organisationsverschuldens zu verringern,
  • die Überwachung bestimmter Risiken zu delegieren und chefärztliche Organisationsaufgaben und Kompetenzen gegenüber der Klinikleitung klar abzugrenzen sowie
  • Fehler innerhalb der Abteilung aufzudecken und aufzuspüren, ob Mitarbeiter überfordert werden, sodass Burn-out-Symptome und krankheitsbedingte Ausfälle verringert werden.

Beispiel 1 - Die alkoholsüchtige Krankenschwester

Das erste Beispiel, das mithilfe eines funktionierenden CMS „gelöst“ wird, betrifft den Umgang mit einer alkoholsüchtigen Krankenschwester.

 

  • Der Fall

Chefarzt C hat durch seinen Chefarzt-Vertrag die ärztliche und fachliche Verantwortung für die Behandlung, Untersuchung und die sonstigen Dienstleistungen am Patienten in seiner Abteilung. Er hat die Überwachung des nachgeordneten Personals sicherzustellen und bei der Auswahl und dem Einsatz der Mitarbeiter auf ihre Qualifikation zu achten. Mitarbeiterin K ist eine gut ausgebildete Krankenschwester. Sie ist jedoch wegen einer Alkoholkrankheit, die niemandem bekannt ist, oft unkonzentriert. Den Kollegen fällt lediglich auf, dass es in ihren Schichten vermehrt zu Fehlern kommt, die nicht aufgeklärt werden. K ist bei ihren Kollegen beliebt - niemand will daher einen Verdacht äußern.

 

Bei diesem Beispiel können Mitarbeiter ihren Verdacht bei einer anonymen Hotline melden, die Bestandteil des CMS ist. So wird die Grundlage für weitere Ermittlungen geschaffen, ohne dass K direkt beschuldigt wird oder der anzeigende Kollege als Verräter dasteht. In Schulungen muss vermittelt werden, dass Loyalität gut ist - aber auch Grenzen hat. Sie sind dort zu ziehen, wo ein Verhalten Leib und Leben anderer gefährden kann. Dann muss sofort gehandelt werden, dieses gefährliche Verhalten abzustellen.

 

Wenn der Chefarzt nachweisen kann, dass regelmäßig zwischen ihm und den Mitarbeitern kommuniziert wird, es eine Hotline gibt und von dieser auch Gebrauch gemacht wird und die Mitarbeiter zudem regelmäßig geschult werden, kann dem Chefarzt nicht der Vorwurf gemacht werden, er habe seine Überwachungspflichten gegenüber dem nachgeordneten Personal verletzt.

Beispiel 2 - Ermächtigter Chefarzt delegiert an Oberarzt

Ein weiteres Beispiel zeigt, warum ein funktionierendes CMS sinnvoll ist.

 

  • Der Fall

Chefarzt D leitet eine neurologische Klinik und ist ermächtigt, auf Überweisung niedergelassener Ärzte Dopplersonografien der hirnversorgenden Gefäße durchzuführen. Die Sonografien werden über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) abgerechnet. Da viele Patienten betreut werden müssen und D zeitweise zu schwerstkranken Patienten gerufen wird, delegiert er die Dopplersonografien für bereits einbestellte Patienten an seinen Oberarzt O, der fachlich ebenso gut qualifiziert ist wie D. Mit der Zeit wird es zur Gewohnheit, dass O einen Teil der Patienten versorgt, die im Rahmen der Ermächtigung behandelt werden.

 

Die Abrechnung ärztlicher Leistungen dürfte in nahezu allen Krankenhäusern ein nicht zu unterschätzendes Risiko darstellen. Wird im Rahmen interner Kontrollen, die zum Compliance Management gehören, die Leistungserbringung und Abrechnung des Chefarztes im Rahmen der Ermächtigung hinterfragt, wird auffallen, dass O nicht befugt war, Patienten zu behandeln. Es droht die Honorarrückforderung der KV.

 

Chefarzt durfte Leistungen nicht an Oberarzt delegieren

Der persönlich ermächtigte Arzt darf seine Leistungen grundsätzlich nicht an ärztliche Mitarbeiter delegieren, weil er keine Ärzte anstellen oder Assistenten beschäftigen darf; insoweit ist er zur höchstpersönlichen Leistung verpflichtet. Chefarzt D muss daher die Delegation der Leistungserbringung sofort einstellen, um drohenden Schaden abzuwenden. Lediglich bei Krankheit, Urlaub, Fortbildung oder einer Wehrübung darf D delegieren.

 

Verfahren wegen Abrechnungsbetrug droht

Neben der Honorarrückforderung droht auch ein Disziplinarverfahren durch die KV sowie die Einleitung eines staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahrens wegen Abrechnungsbetrugs. Letzterer läge dann vor, wenn D vorsätzlich die von O erbrachten Leistungen über seine Ermächtigung abgerechnet hat und dabei wusste, dass keine Vertretung gem. § 32a Ärzte-Zulassungsverordnung vorlag (Krankheit, Urlaub, Fortbildung, Wehrübung) und O die Leistung nicht erbringen durfte.

 

Das Beispiel wirft die Frage auf, wie die Abrechnungsabteilung überwacht werden kann. Das CMS muss vorgeben, ob die Überwachung durch Mitarbeiter der eigenen Abteilung im Vier-Augen-Prinzip, durch Externe, durch eine - ggf. einzurichtende - Compliance-Abteilung oder durch den Vorgesetzten erfolgt. Allein die Festlegung dieser Prozedur kann komplex sein und ist im Hinblick auf Kosten und Effizienz gut zu überlegen.

 

FAZIT | Ein professionell eingerichtetes Compliance Management System (CMS) mit den drei Säulen „vorbeugen - aufdecken - reagieren“ bringt mehr Transparenz in die Klinik, wodurch Risiken offengelegt werden. Compliance erfordert also den Mut, sich den problematischen und fehlerbehafteten Bereichen in der Klinik anzunehmen. Daher ist die Einrichtung eines CMS gerade hier sinnvoll. Chefärzte haben als Führungspersonen zudem eine besondere Vorbildfunktion und ethische Verantwortung - sie sollten deshalb ein CMS aktiv vorantreiben und - falls vorhanden - ganz selbstverständlich anwenden.

 

Weiterführender Hinweis

  • Haben Sie weiterführende Fragen zum Aufbau eines CMS in Ihrer Klinik, nehmen Sie gern Kontakt mit der Verfasserin auf: kanzlei@christophers.de
Quelle: Ausgabe 05 / 2016 | Seite 15 | ID 43860889