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·Fachbeitrag ·Chefarzt an der Uniklinik

„60 Prozent Medizin, 30 Prozent Management und 10 Prozent Forschung und Lehre“

| Die Aufgaben des Chefarztes an einem Universitätsklinikum sind vielfältig: Zur reinen Medizin und dem Management einer Abteilung kommen Forschung und Lehre hinzu - zudem wollen die Studenten betreut werden. Wir haben Prof. Dr. Gerd Geerling, den Chefarzt der Augenklinik des Universitätsklinikums Düsseldorf, gefragt, wie er diesen Strauß an Aufgaben bewältigt. Das Interview führte unser Redakteur Dr. Lars Blady. |

 

DR. LARS BLADY (REDAKTEUR): Herr Prof. Geerling, worin bestehen die besonderen Herausforderungen für einen Chefarzt an einer Uniklinik? 

 

PROF. DR. GERD GEERLING: Zunächst geht es auch bei uns primär um die Versorgung der Patienten: Naturgemäß sind die Fälle an einer Universitätsklinik komplexer als woanders. Wir behandeln viele multimorbide Patienten, was einen höheren Aufwand bedeutet. Kurzum: Es gibt im Verhältnis zu anderen Krankenhäusern wenig Standard- und viele Sonderfälle.

 

REDAKTEUR: Und wie gestaltet sich die Personalführung an einer großen Klinik wie der Augenklinik in Düsseldorf? 

 

PROF. GEERLING: Unsere Augenklinik hat zahlreiche Assistenzärzte, die der Chefarzt zu führen und weiterzubilden hat. Hinzu kommen die Medizin-Studenten, die ebenfalls einen Anspruch darauf haben, eine festgelegte Stundenzahl unterrichtet zu werden. Zu guter Letzt gehört auch die „sonstige“ Führung von Klinikmitarbeitern zu meinen Aufgaben. Hier muss man lernen, sich mit der Vertretung des nicht-wissenschaftlichen Personals im Kontext der Regelungen zum Arbeitsschutz und zur Arbeitszeit zu arrangieren. Über allem steht aber in Zeiten der selbstständigen Universitätskliniken das finanzielle Ergebnis des Unternehmens. Die größte Herausforderung besteht darin, immer mehr Aufgaben mit immer weniger Personal zu bewältigen - das gilt insbesondere für den ärztlichen Bereich, wo die Vertragslaufzeiten kurz sind. Nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter sind oft durch unbefristete Verträge zunächst einmal gesichert.

 

REDAKTEUR: Zu Ihrer täglichen Arbeit: Wie hoch ist jeweils der Anteil in den Bereichen Medizin, Management/Personalführung sowie Forschung/Lehre? 

 

PROF. GEERLING: Etwa zu 60 Prozent bin ich mit Medizin beschäftigt, zu 30 Prozent mit Aufgaben des Managements einschließlich Personalführung und zu jeweils 5 Prozent mit Forschung und Lehre.

 

REDAKTEUR: Ein zusätzlicher Aufwand durch Forschung und Lehre sowie die komplexeren Fälle sind demnach die Hauptunterschiede der Arbeit eines Chefarztes an der Universitätsklinik im Vergleich zu anderen Krankenhäusern. Haben Sie hierfür noch konkrete Beispiele? 

 

PROF. GEERLING: Hier am Standort musste der Bereich der Forschung völlig neu aufgebaut werden. Dank guter Mitarbeiter ist das in Form eines grundlagenwissenschaftlichen Forschungslabors und einer klinischen Studienambulanz rasch gelungen. Zudem hat sich die medizinische Fakultät Düsseldorf zur Etablierung eines Modellstudiengangs entschlossen. Die daraus folgenden organisatorischen Umstellungen - also weniger Vorlesungen und viel mehr praktische Ausbildung - müssen umgesetzt werden. Das ist ein längerer Erfahrungs- und Lernprozess.

 

REDAKTEUR: Das erfordert sicherlich gute Management-Fähigkeiten. Wie versuchen Sie bei der täglichen Arbeit, allen Akteuren gerecht zu werden? 

 

PROF. GEERLING: Es ist nicht leicht, bei all den Aufgaben den Überblick zu behalten. Ich versuche, abends meinen Schreibtisch aufgeräumt zu verlassen, um morgens frisch starten zu können. Zudem muss man als Chefarzt lernen, auch einmal „Nein“ zu sagen. Da habe ich allerdings noch Entwicklungsbedarf. Zudem darf man sich selbst nicht vergessen bei all der Arbeit - auch hierbei versuche ich zur Zeit, mich zu entwickeln ...

 

REDAKTEUR: Viele Ärzte klagen, wegen der vielen Organisationsarbeit und dem „Papierkram“ kaum mehr dazu zu kommen, was sie als ihre eigentliche Berufung ansehen - nämlich Medizin zu machen. Wie ist das bei Ihnen? 

 

PROF. GEERLING: Bis vor drei Jahren war ich Leitender Oberarzt in Würzburg - durch meinen Funktionswechsel haben sich natürlich die Verwaltungsaufgaben erheblich erweitert. Das fängt bei Jahresgesprächen an und geht bis zu den gestiegenen Anforderungen an das Qualitätsmanagement. Da bleibt zwar leider weniger Zeit für die Medizin, aber das ist nun mal die Natur der Position, die mir jedoch nach wie vor Freude macht.

 

REDAKTEUR: Anderes Thema: In letzter Zeit sind die Boni für Chefärzte in der Diskussion. Führt dies zu einem Vertrauensverlust, wenn Patienten hinter einer Diagnose das pekuniäre Interesse des Chefarztes vermuten? 

 

PROF. GEERLING: Persönlich habe ich das noch nicht erlebt. Wenn man sich auf die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Patienten konzentriert, wird man als Arzt keine unnötigen Maßnahmen vorschlagen. Ich denke, durch eine gute Arzt-Patienten-Kommunikation kann ein Vertrauensverlust vermieden werden.

 

REDAKTEUR: Wenn Sie heute noch einmal vor der Wahl stünden: Würden Sie wieder Arzt werden? 

 

PROF. GEERLING: Die Arbeit als Arzt macht mir weiterhin viel Freude. Ich komme nicht aus einer Medizinerfamilie, bin daher nicht „vorbelastet“ - und sehr froh, dass ich diesen Beruf trotzdem gewählt habe. Meine Tätigkeit als Chefarzt hat von der Krankenversorgung über Forschung und Lehre bis hin zu Management-Aufgaben viele Facetten.

 

REDAKTEUR: Herr Prof. Geerling, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: Ausgabe 11 / 2014 | Seite 8 | ID 42858046