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01.12.2004 | Qualitätsmanagement in der Medizin, Teil 2

Vorurteile gegenüber dem Qualitätsmanagement - was ist Mythos, was Realität?

Im ersten Teil ("Chefärzte Brief" Nr. 11/2004, Seite 12) der zweiteiligen Serie zum Thema "Vorurteile gegenüber Qualitätsmanagement (QM)" wurden elf weit verbreitete Vorurteile bereits besprochen. In diesem zweiten Teil werden noch einmal acht weitere Argumente, die uns teilweise auch von Lesern des "Chefärzte Brief" genannt wurden, aufgenommen.

"Kliniken sind verpflichtet, sich zertifizieren zu lassen"

Ein mit beträchtlichen Kosten verbundenes Zertifikat ist nicht unbedingt nötig. Die gesetzliche Verpflichtung für Krankenhäuser, sich zertifizieren zu lassen, besteht nicht. Das Sozialgesetzbuch V verpflichtet alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen lediglich, ein internes QM einzuführen. Eine Zertifizierung ist nicht gefordert. Eine Klinik kann ihr bestehendes QM-System zum Beispiel auch im Internet darstellen oder den Patienten in Form eines Info-Heftes zur Kenntnis bringen. Auch der ab dem nächsten Jahr geforderte Qualitätsbericht bietet gute Möglichkeiten, die eigenen Aktivitäten nach außen darzustellen.

"Die im QM geforderte Mitarbeiterorientierung ist nicht mehr zeitgemäß und bedeutet Anarchie"

Nur eine Klinik, deren Ärzte, Schwestern und alle Mitarbeiter von dem, was sie tun, überzeugt sind, kann die geforderten Leistungen erbringen. Eine höhere Fluktuation ist auch teuer. So werden im industriellen Bereich etwa vier bis sechs Monatsgehälter für die Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters veranschlagt. In Kliniken werden sich die Kosten wohl nicht sehr von diesen Werten unterscheiden.

Hierarchien werden durch QM nicht angetastet. Der Chef einer Abteilung bleibt selbstverständlich der Chef und die Oberärzte bleiben Oberärzte. Was aber von jedem Mitarbeiter gefordert wird, ist die Begründbarkeit seiner Entscheidungen. Auch wird ein hoher Grad an Transparenz im Unternehmen über Rechte, Zuständigkeiten und Pflichten gefordert. Sie müssen für jeden Mitarbeiter genau definiert und aufgezeichnet werden. Bei jedem Prozessschritt muss bekannt sein, wer die Verantwortung für den reibungslosen Ablauf trägt.

"Kundenorientierung heißt, auf alle Wünsche einzugehen"

Unternehmen, die QM betreiben, dürfen Aufträge ablehnen, wenn sie die geforderten Leistungen nicht erbringen wollen. Dies gilt selbstverständlich auch für unangemessene Forderungen eines möglichen Kunden. Niemand verlangt von einer Klinik, auf jede noch so obskure Forderung eines Patienten oder eines Kostenträgers einzugehen. Aber: Wenn man eine Tätigkeit übernimmt, muss sie so ausgeführt werden, wie es zuvor mit dem Patienten bzw. Kunden besprochen wurde.

"Ziel einer QM-Einführung ist das Zertifikat"

Die Marketingwirkung eines Zertifikats wird fast immer überschätzt. Die wenigsten Patienten wählen bisher ihre Klinik anhand von Qualitätszertifikaten aus. Auch Kostenträger haben bisher nur in Ausnahmefällen darauf bestanden, dass ein Leistungserbringer sich zertifizieren lässt. Die Kosten und Mühen der QM-Einführung werden ihre Rendite in Form verbesserter Abläufe und einer höheren Arbeitsplatzzufriedenheit einbringen.

"Nach der DIN EN ISO 9001 kann man eine Fabrik für Beton-Schwimmwesten zertifizieren"

Das ist durchaus möglich. Das QM-System soll ja nicht in die Fachkompetenz des Unternehmers eingreifen. Voraussetzung für die Zertifizierung einer solchen Fabrik wäre also nur die ordnungsgemäße Erstellung der Betonschwimmwesten und das Wissen der Kunden darüber, was sie kaufen. Wenn auch die übrigen Bedingungen erfüllt sind, kann das Zertifikat erteilt werden.

Das Gleiche gilt selbstverständlich auch in der Medizin. Die Behandlungsform bestimmen die Ärzte. Die DIN schreibt lediglich vor, dass die Wahl begründet ist und so umgesetzt wird, dass eine Zielerreichung möglich ist.

"Als Auditor kommt vielleicht ein Maschinenbauer in die Klinik"

Die Auditoren erhalten im DIN-System ihre Zulassung für bestimmte Branchengruppen. In medizinische Einrichtungen kommen nur Auditoren im Bereich Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen - und das sind in aller Regel keine Maschinenbauer, sondern Ärzte oder Krankenpfleger mit entsprechender Zusatzausbildung.

"Vieles aus der ISO 9001 hat nur für die Industrie einen Wert"

Wenn die Anwendbarkeit einer Forderung der DIN im medizinischen Bereich angezweifelt wird, fehlt im Allgemeinen nur die entsprechende Übersetzung: Sich um die vom "Kunden beigestellten Produkte" zu kümmern, macht im Hinblick auf verlorene Zahnprothesen, die häufigster Anlass für Haftpflichtfälle in Kliniken sind, sehr wohl einen Sinn.

Quelle: Ausgabe 12 / 2004 | Seite 12 | ID 96938