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01.01.2007 | Arzthaftungsrecht

Wann trifft den Chefarzt ein Organisationsverschulden für Fehler nachgeordneter Ärzte?

Der Chefarzt ist als Leiter einer Krankenhausabteilung für eine sachgerechte Organisation des Umgangs mit den Patienten verantwortlich. Dies bezieht sich unter anderem auf die Verabredung und Überwachung von Patiententerminen und die Aufklärung von Patienten. Darüber hinaus hat er für die Überwachung des nachgeordneten Personals zu sorgen, Kontrollverfahren einzuführen und bei Auswahl und Einsatz der Mitarbeiter auf deren Qualifikation zu achten. Er ist weiterhin verpflichtet, die Mitarbeiter über typische Fehler und Gefahren zu belehren und sie entsprechend anzuleiten. 

Dar Fall

Um diese Organisationspflichten des Chefarztes ging es in einem Urteil, das das Oberverwaltungsgericht in Nordrhein Westfalen in Münster am 10. Februar 2005 (Az: 6 A 2171/02 – Abruf-Nr. 063614) gefällt hat. Folgender Fall lag dieser Entscheidung zugrunde:  

 

Der beamtete Direktor der Kinderklinik eines Universitätsklinikums wurde vom Krankenhausträger wegen eines Behandlungsfehlers in Form eines Organisationsverschuldens verklagt. Das Kind war nach seiner Geburt künstlich beatmet worden, zum Teil mit reinem Sauerstoff. Nach seiner Verlegung auf die Früh- und Neugeborenenstation des Universitätsklinikums wurden durch hinzugezogene Augenärzte Kontrolluntersuchungen zur Früherkennung einer retrolentalen Fibroplasie durchgeführt. Der untersuchende Augenarzt empfahl eine Kontrolluntersuchung in drei Wochen. Der entsprechende Konsiliumsbericht wurde durch die Stationsärztin abgezeichnet.  

 

Nachdem das Kind in die Obhut der Eltern entlassen wurde, fand jedoch die empfohlene augenärztliche Kontrolluntersuchung nicht statt. Die Entlassung wurde durch die Stationsärztin durchgeführt. Zwei Monate nach der Entlassung bemerkten die Eltern, dass das Kind auf optische Reize nicht reagierte. Im Rahmen anschließender Untersuchungen wurden eine Frühgeborenenretinopathie an beiden Augen und eine – vollständige – Blindheit festgestellt.  

 

Die Eltern des Kindes verklagten daraufhin den Träger des Universitätsklinikums sowie die Stationsärztin. Das Landgericht verurteilte den Träger und die Stationsärztin als Gesamtschuldner zur Zahlung von Schadenersatz und Schmerzensgeld. Dagegen legte die Stationsärztin mit Erfolg Berufung ein. Die Berufung des Trägers jedoch wurde mit rechtskräftigem Urteil zurückgewiesen. Anschließend erhob der Träger Klage gegen den Direktor, um einen Regressanspruch in Höhe von mehr als 100.000 Euro zu erwirken. 

Die Entscheidung

Diese Klage wies das Oberverwaltungsgericht jedoch ab. Die Richter entschieden, dass sowohl das Versäumen der konsiliarisch empfohlenen Frist zur Kontrolluntersuchung als auch die unzureichende Instruktion der Eltern anlässlich der Entlassung des Kindes lediglich als Behandlungsfehler der mit der ärztlichen Versorgung betrauten Stationsärztin bzw. weiterer an der Heilbehandlung des Kindes beteiligter Kinderärzte der Früh- und Neugeborenenstation eingestuft werden könnten. Eine Dienstpflichtverletzung des beklagten Chefarztes liege nicht vor, da er mit der Therapie des Kindes nicht persönlich befasst war. 

 

Formalisiertes Verfahren zur Sicherung von Kontrolluntersuchungen

In der Kinderklinik gab es das folgende formalisierte Verfahren zur Sicherstellung der Durchführung von Kontrolluntersuchungen: Vorgesehen war die Vormerkung der notwendigen Maßnahmen im Krankenblatt für einen bestimmten Termin, die Hinzusetzung der Bezeichnung „a“ (für angemeldet) nach Bestätigung des Termins durch die Konsiliarärzte sowie die Hinzufügung eines „Hakens“ nach Durchführung und schriftlicher Dokumentierung der Untersuchung.  

 

Weitere Maßnahmen des Chefarztes nicht erforderlich

Dieses Verfahren entsprach – so das Gericht in der Urteilsbegründung – allgemeiner Übung. Danach übernimmt der verantwortliche Stationsarzt, der üblicherweise den Befundbericht abzeichnet, als approbierter Arzt die volle Verantwortung, dass die sich aus dem Befundbericht ergebenden Konsequenzen vollständig gezogen werden. Der Chefarzt sei rechtlich nicht gehalten gewesen, durch weitere organisatorische Maßnahmen die fristgerechte Verwirklichung der konsiliarärztlichen Behandlungsempfehlung sicherzustellen.  

 

Da die Therapieempfehlung von einem Arzt stammte, der gerade wegen seiner Spezialkenntnisse zu Rate gezogen worden war, sei das Befolgen dieses Vorschlages eine Selbstverständlichkeit gewesen. Es sei daher auch lebensfremd, dem beklagten Chefarzt weitere Kontrollpflichten als die bereits durchgeführten aufzuerlegen.  

 

Stationsärztin hatte nie Anlass zu Beanstandungen geboten

Hinzu komme, dass die Stationsärztin während der gesamten Zeit ihrer Beschäftigung in den medizinischen Einrichtungen der Hochschule nie Anlass zu irgendwelchen Beanstandungen gegeben habe. Sie könne als äußerst qualifizierte Ärztin bezeichnet werden, die ihre Arbeiten stets mit großer Umsicht, fachlicher Kompetenz und Gewissenhaftigkeit erledigt habe. Im übrigen – so die Richter – hätte sich sogar einem Berufsanfänger aufdrängen müssen, dass die Sicherstellung einer lückenlosen ambulanten Nachsorge durch hinreichend deutliche Belehrungen in diesem Fall unbedingt geboten war.  

 

Quelle: Ausgabe 01 / 2007 | Seite 2 | ID 86212