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·Fachbeitrag ·Schadenabwicklung

Wann darf das verunfallte Fahrzeug verkauft oder repariert werden?

| Die Frage, wann das verunfallte Fahrzeug verkauft oder repariert werden darf, stellt sich häufig in Kfz-Servicebetrieben. Auslöser sind widersprüchliche Schreiben der Versicherer mit der wahlweisen Behauptung, das sei alles zu langsam gegangen, weshalb nicht der gesamte Ausfallschaden bezahlt werde oder es sei alles zu schnell gegangen, sodass dem Versicherer Einflussmöglichkeiten entgangen seien. |

 

FRAGE: Ein Versicherer schreibt: „Bedauerlicher Weise wurde uns durch Sie vorliegend nicht die üblicherweise zugestandene Frist zur Prüfung des Schadenfalls von mindestens 4 Wochen gewährt. Obwohl wir Ihnen nach Eingang des Gutachtens am 30.12.2011 per E-Mail mitgeteilt hatten, dass eine Prüfung der eingereichten Unterlagen erfolgen werde. Da die beabsichtigte Nachbesichtigung des verunfallten Fahrzeugs leider daran scheitert, dass der Verkauf zum Restwert erfolgte, bevor das Ergebnis der Gutachtenprüfung vorlag, bitten wir um ergänzende Übersendung der Kaufrechnung für das verunfallte Fahrzeug sowie der Fahrzeugbewertung durch den Sachverständigen incl. Korrekturblatt.“ Daraus ergeben sich für uns zwei Fragen: Muss das verunfallte Fahrzeug tatsächlich so lange aufbewahrt werden, bis der Versicherer das Gutachten abnickt? Und im Hinblick auf das Nachbesichtigungsverlangen: Darf das Fahrzeug durch eine Reparatur verändert werden, bevor der Versicherer zustimmt?

 

Unsere Antwort: Zu Ihrer ersten Frage lässt sich sagen: Nein, das Fahrzeug muss nicht so lange aufbewahrt werden, bis der Versicherer das Gutachten abnickt. Der Geschädigte hat seinen Pflichten genügt, wenn er dem Schädiger bzw. dessen Versicherer ein ordnungsgemäßes Schadengutachten vorgelegt hat. Dann kann er beginnen, den Schaden zu beseitigen. Das ist ja gerade ein wesentlicher Zweck des Gutachtens, dass die Fakten gesichert sind und daher Veränderungen am Objekt vorgenommen werden können.

 

Erhöhte Ausfallkosten bei Reparatur …

Stellen Sie sich vor, es ginge um eine Reparatur und der Geschädigte würde mit der Reparatur nicht beginnen, bevor der Versicherer seine Zustimmung signalisiert. Hinterher müsste er sich den Vorwurf anhören, er habe durch seine Zögerlichkeit zu hohe Ausfallkosten verursacht.

 

… und Restwerterlös ...

Nicht anders ist es beim Totalschaden. Der Restwert ist ein wesentlicher finanzieller Baustein auf dem Weg zur Wiederbeschaffung eines anderen Fahrzeugs. Also würden auch hier erhöhte Mietwagen- oder Nutzungsausfallkosten entstehen, wenn das Geld aus dem Wrackverkauf nicht alsbald realisiert wird. Oft dient der Erlös als Anzahlung. Im Übrigen hält sich auch ein potenzieller lokaler Restwertkäufer nur eine begrenzte Zeit an sein Angebot gebunden. Zu langes Warten führt dann zu Verwertungsproblemen.

 

… sowie sinnlose Standgeldkosten als Kehrseite der Medaille

Letztlich muss der verunfallte Wagen ja auch irgendwo diebstahl- und plünderungssicher aufbewahrt werden. Den gleichen Versicherer würden wir gerne hören, wenn Sie ihm die Standgeldrechnung für die „mindestens vier Wochen“ ab Gutachteneingang beim Versicherer präsentierten.

 

Nicht nur dürfen, sondern sogar müssen

Umgekehrt wird also ein Schuh daraus: Der Geschädigte darf nicht nur, er muss sogar schnellstmöglich mit der Schadenbeseitigung beginnen, will er sich nicht dem Vorwurf aussetzen, durch zu langsames Handeln den Schaden in die Höhe getrieben zu haben.

 

PRAXISHINWEIS | Nur, wenn der Versicherer klar und deutlich sagt, das Fahrzeug möge noch unverändert bleiben, könnte das relevant sein. Dass er dann aber auch für Schadenerweiterungen ohne Wenn und Aber einstehen muss, liegt auf der Hand.

Restwert steht

In Ihrem Fall wird ja nicht um die Höhe des Restwerts gestritten. Dennoch der Vollständigkeit halber: Der Geschädigte darf das Unfallfahrzeug ohne Rückfrage beim Versicherer zum gutachterlich festgestellten Restwert veräußern.

WBW und Nachbesichtigung

Offenbar will der Versicherer in Ihrem Fall die Nachbesichtigung, weil er dem gutachterlich festgestellten WBW misstraut. Jedoch hat der Versicherer kein generelles Recht zur Nachbesichtigung. Er muss deutlich begründen, warum er nachbesichtigen möchte und warum ihm das Gutachten im Einzelfall nicht ausreicht.

 

In Ihrem Fall hat er ja zunächst nur gesagt, er werde das Gutachten einer Prüfung unterziehen lassen. Das ist schon für sich genommen kein Nachbesichtigungsverlangen, und schon gar kein dezidiert begründetes. Warum der Versicherer nun interne Unterlagen des Sachverständigen haben möchte, bleibt unerfindlich. Er kann anhand des Gutachtens den Wert selbst prüfen. Und dann ist es sein Risiko, ob ihm bei Abweichungen ein Gericht folgen wird. Schon gar nicht hat der Kaufvertrag irgendetwas mit dem WBW zu tun. Auch ein in der Lotterie gewonnenes Auto hat einen WBW.

 

PRAXISHINWEIS | Verwenden Sie den Textbaustein 307, wenn Sie in einem solchen Fall Ansprüche aus abgetretenem Recht geltend machen.

Weiterführende Hinweise

  • Lesen Sie dazu auch den Beitrag „Recht zur Nachbesichtigung nach § 809 BGB?“ auf Seite 2 dieser Ausgabe. Es handelt sich dabei um die gleiche Versicherungsgesellschaft.
Quelle: Ausgabe 02 / 2012 | Seite 12 | ID 31379450