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·Fachbeitrag ·Schadenabwicklung

Schritt für Schritt erklärt: Wenn ein Unfallkunde in die Werkstatt kommt

| Woran muss der Unfallsachbearbeiter in der Werkstatt denken, wenn der Unfallkunde in die Werkstatt kommt, und welche Schritte sind in welcher Reihenfolge sinnvoll? Diese Fragen, die auf den Anregungen einiger „UE“-Leser beruhen, beantwortet der folgende Beitrag. |

Erstkontakt mit dem Kunden

Wenn der Kunde nicht in die Werkstatt kommt, sondern „die Werkstatt zum Kunden“ (Hol- und Bringservice, Abschleppvorgang etc.), ist die Frage zu klären, ob eine Widerrufsbelehrung erforderlich ist. Hier gilt:

 

  • Sie ist notwendig, wenn bei einer „Außer-Haus-Aktivität“ Ihr Kunde als Verbraucher handelt (siehe UE 5/2014, Seite 9).
  • Nur wenn Ihr Verbraucher-Kunde im Formular unterzeichnet, dass er in Kenntnis seines Widerrufsrechts den sofortigen Arbeitsbeginn wünscht, ist der Werklohn für Ihre bis zu einem Widerruf geleistete Arbeit gesichert.
  • Handelt Ihr Kunde als Unternehmer oder kommt er als Verbraucher, ist bei der Auftragsannahme keine Widerrufsbelehrung erforderlich.

 

Bei Flottenfahrzeugen müssen Sie in der Regel Kontakt mit dem Flottenverantwortlichen aufnehmen. Bei Leasingfahrzeugen empfiehlt sich dasselbe mit der Leasinggesellschaft, obwohl das eigentlich die Pflicht Ihres Kunden ist.

Unfallschilderung anhören und Weichen stellen

Die Grundfrage ist stets: Hat Ihr Kunde den Schaden (auch nur teilweise) selbst verschuldet oder haftet ein Unfallgegner in vollem Umfang?

 

Beachten Sie | Bei quotaler Haftung wäre die Aktivität der Werkstatt zur Haftungsdiskussion mit dem Unfallgegner bzw. dessen Versicherer ein glatter Verstoß gegen das Rechtsdienstleistungsgesetz. Raten Sie Ihrem Kunden vielmehr, sich von einem Anwalt kompetent beraten und unterstützen zu lassen. Ein solcher Rat ist angesichts des rauen Regulierungsklimas bei Haftpflichtschäden stets sinnvoll (siehe UE 10/2014, Seite 10).

 

PRAXISHINWEISE |  

  • Mit seiner Kaskoversicherung muss der Kunde selbst abrechnen, wobei Sie der Bote sein dürfen.
  • Bei quotaler Haftung und bei Vorliegen einer Vollkaskoversicherung kann mit beiden Versicherern abgerechnet werden. Am besten erst mit der Vollkasko, und im Nachgang mit dem gegnerischen Haftpflichtversicherer. Das muss unbedingt ein Anwalt tun, denn es kommt ja auf die Quote an. In der Regel erhält der Kunde bei dieser Kombination nahezu vollständigen Ersatz seines Schadens inklusive der Selbstbeteiligung und der Wertminderung (siehe UE 1/2010, Seite 6).
 

Partnerversicherer zuständig?

So ungern wir es schreiben: Wenn der zuständige Versicherer ein mit Ihrer Werkstatt wie auch immer verbandelter Versicherer ist, können Sie hier aufhören zu lesen. Dann gelten die vereinbarten Spielregeln, die Sie besser kennen als wir. Das Recht ist dadurch verdrängt (und damit auch mancher Anspruch Ihres Kunden - außer er passt selbst gut auf).

 

Zentralruf wegen Abfrage des zuständigen Versicherers (Haftpflicht)

In vielen Betrieben geht der erste Griff zum Telefon, um den zuständigen Versicherer über den Zentralruf der Autoversicherer zu ermitteln. Doch manchmal ist es sinnvoll, gerade das nicht zu überstürzen. Es gibt bei der Haftpflicht (anders als bei Kasko!) keine Pflicht, den Unfall sofort an den Versicherer zu melden.

 

PRAXISHINWEIS | Das beste Beispiel dafür ist der Restwert. Droht ein Totalschaden und kann es interessant sein, das verunfallte Fahrzeug zu kaufen, geht planvolles Handeln vor Aktionismus. Denn bekanntlich ist ein Überangebot, das hinsichtlich des Restwerts vom Versicherer beschafft wird, der Höhe nach zu beachten, wenn es vor dem Verkauf des Unfallfahrzeugs beim Geschädigten eingeht. Ein Versicherer, der von nichts weiß, kann auch nicht überbieten.

Also kann Folgendes richtig sein: Erst Gutachten abwarten, dann gegebenenfalls das Unfallfahrzeug kaufen und dann den Versicherer informieren.

 

PRAXISHINWEIS | Dasselbe gilt hinsichtlich des Mietwagens: Die rechtlich umstrittenen Versuche der Versicherer, Vorgaben hinsichtlich des Preises zu machen, setzen voraus, dass er von dem Vorgang Kenntnis hat. Auch hier scheint sinnvoll: Erst vermieten, dann Versicherer informieren. Das schützt nicht davor, dass der Versicherer schon vom Schädiger informiert wurde und schnell reagiert. Doch schlafende Hunde muss man ja nicht unbedingt wecken.

 

Gibt es nichts mehr abzuwarten, kann der Zentralruf kontaktiert werden.

 

Sondersituation: Schädiger kommt aus dem europäischen Ausland

Kommt der Schädiger aus dem europäischen Ausland und hat sich der Unfall auf deutschem Boden ereignet, ist der Ansprechpartner das Deutsche Büro Grüne Karte e.V., und nicht der Zentralruf. Das benennt einen deutschen Versicherer als Korrespondenzversicherer, der dann so reguliert, als sei der Ausländer bei ihm versichert.

 

Wichtig | Raten Sie Ihrem Kunden in einem solchen Fall, unbedingt einen Rechtsanwalt einzuschalten.

 

Sondersituation: Der Schaden ereignete sich im europäischen Ausland

Das ist eindeutig eine Sache für eine anwaltliche Unterstützung. Denn es gilt das Recht des Landes, in dem sich der Unfall ereignet hat. Allerdings hat jeder europäische Versicherer einen Regulierungsbeauftragten in Deutschland (wie auch in jedem anderen europäischen Land).

 

Bei Kasko sofortige Meldung an den Versicherer

Bei Kaskoschäden besteht die Obliegenheit des Kunden (die Werkstatt kann dabei Bote sein), den Versicherer schnellstmöglich zu informieren.

 

Beachten Sie | Das ist auch deshalb sinnvoll, weil es inzwischen ungezählte Bedingungswerke gibt, die dem Versicherer gewisse oder umfangreiche Regierechte geben. Im Grunde genommen können Sie keinen Kaskoschaden bearbeiten, ohne Einsicht in den Vertrag genommen zu haben, so schwer das im Alltag auch fallen mag.

 

RKÜ- und Abtretungsformular

Will der Kunde nicht selbst in Vorkasse treten, muss die Unterschrift unter das ausgefüllte RKÜ- und Abtretungsformular eingeholt werden.

 

PRAXISHINWEISE |  

  • Ist Ihr Kunde anwaltlich vertreten, schicken Sie das unterzeichnete Formular an den Anwalt, und nicht an den Versicherer.
  • Ist der Kunde nicht anwaltlich vertreten oder liegt ein Kaskoschaden vor, geht das Formular an den Versicherer. Bei Haftpflichtschäden gilt aber das oben unter „Zentralruf“ Gesagte: Manchmal schadet Eile!
 

Bei Haftpflichtschäden: Gutachten oder Kostenvoranschlag

Eine Grobabschätzung der Schadenhöhe stellt die Weiche für die Frage, ob ein Kostenvoranschlag erstellt wird oder ob der Kunde (gegebenenfalls durch Sie als Bote) ein Schadengutachten in Auftrag gibt.

 

Wichtig | Die Bagatellgrenze, bei deren Nichterreichen nur ein Kostenvoranschlag eingeholt werden darf, sehen die Gerichte bei etwa 750 Euro brutto, im Premiumsegment vielleicht bei 1.000 Euro brutto.

 

PRAXISHINWEIS | Kommt bei Ihrer Grobabschätzung heraus, dass ein Kostenvoranschlag das Mittel der Wahl ist, sollten Sie Ihren Kunden unbedingt einen Auftrag zur Erstellung eines kostenpflichtigen Kostenvoranschlags unterzeichnen lassen. Nur dann können Sie den Aufwand dafür berechnen (§ 632 Abs. 3 BGB).

 

Der Normalfall sollte sein, dass Sie sich mit Ihrem Kunden abstimmen und als dessen Bote einen Sachverständigen mit der Erstellung eines Schadengutachtens beauftragen. Dann wird der Kunde nicht um die ihm gegebenenfalls zustehende Wertminderung geprellt. Und der Kunde darf den Auftrag „Reparieren, wie im Gutachten vorgesehen“ erteilen. Das hat nur Vorteile (siehe UE 4/2015, AG Fürstenwalde/Gummidichtung in dieser Ausgabe).

 

PRAXISHINWEIS | Der Versicherer muss nicht um seine Zustimmung gebeten werden. Das Schadengutachten soll ja gerade dessen Wissensüberlegenheit ausgleichen. Der Geschädigte entscheidet also - beraten durch Sie - ganz allein, ob er ein Gutachten wünscht.

 

Wenn der Schadengutachter durch Demontagearbeiten oder anderweitig ernsthaft unterstützt wurde, sollten Sie die Rechnungstellung nicht vergessen. Zur Frage, an wen der Aufwand berechnet wird, siehe UE 2/2015, Seite 2).

 

Bei Haftpflichtschäden: Die Warnpflicht immer im Auge behalten

Wann immer durch Verzögerungen im Ablauf Schadenerweiterungen drohen, muss der Versicherer gemäß § 254 Abs. 2 BGB gewarnt werden. Schadenerweiterungen drohen insbesondere hinsichtlich des Ausfallschadens und der Standgelddauer bei

  • Ersatzteilrückstand,
  • fehlenden finanziellen Mitteln des Geschädigten oder
  • wenn Sie die Herausgabe des Fahrzeugs aufgrund Ihres Werkunternehmerpfandrechts verweigern.

 

Durch den Warnhinweis soll der Versicherer wissen, dass er durch eine schnelle Zahlung den erweiterten Schaden vermeiden kann. Wurde er nicht gewarnt, muss er nur für die normalen Zeitabläufe eintreten. Jede Verzögerung muss also ein erneutes Alarmsignal zum Handeln sein.

 

Wichtig | Der (unterlassene) Warnhinweis kann zu erheblichen Konflikten mit Ihrem Kunden führen, wenn nicht eindeutig geklärt ist, wer den Warnhinweis gegenüber dem Versicherer abgibt. Das gilt insbesondere, wenn Sie Ihrem Kunden ein „Wir kümmern uns um alles“ zugesagt haben (siehe UE 1/2015, Seite 10). Stimmen Sie daher mit Ihrem Kunden ab, wer wann wen informiert.

 

Bei Totalschaden: Baldmöglichst die Abmeldung veranlassen

Will der Kunde das Fahrzeug wegen des Unfalls abstoßen, sollte es baldmöglichst abgemeldet werden. Denn weiterlaufende Kosten wie Steuer und Versicherung muss der gegnerische Haftpflichtversicherer nur so lange übernehmen, wie dem Geschädigten keine Trödelei vorzuwerfen ist.

 

Bei Haftpflichtschäden: Vorschusszahlung anfordern

Ist die Schadenersatzforderung des Kunden hinsichtlich der Reparaturkosten wirksam an Sie abgetreten, können Sie ohne weiteres eine Vorschusszahlung für die Reparaturkosten anfordern. Die Vorschusszahlung erfolgt nur netto, weil der Anfall der Mehrwertsteuer noch nicht nachgewiesen ist.

 

Beachten Sie | Erfolgreich arbeitende Anwälte tun das regelmäßig und auch mit Erfolg. Ob der Versicherer Sie als Werkstatt mit dieser Forderung ernst nimmt, hängt davon ab, ob er Sie bisher als durchsetzungsstark erlebt hat.

 

Bei Totalschäden, bei denen der Wiederbeschaffungsaufwand (WBW minus Restwert) für die Ersatzbeschaffung benötigt wird und an das Autohaus abgetreten ist, kann ebenso eine Vorschusszahlung angefordert werden. Bis zur nachgewiesenen Ersatzbeschaffung erfolgt auch die auf Nettobasis, weil das zunächst ein fiktiver Anspruch ist.

 

Bei Haftpflichtschäden: Fahrzeug herausgeben oder nicht?

Nun steht eine schwierige Frage an: Wird das fertige Fahrzeug herausgegeben, wenn noch keine Zahlung des Versicherers eingegangen ist? Mit der Herausgabe entfällt das einzige Druckmittel für eine schnelle Erledigung. Denn ist das Fahrzeug wieder in Kundenhand, weiß der Versicherer, dass Verzögerungen den Schaden nicht mehr verteuern.

 

Druck ausüben über das Werkunternehmerpfandrecht ist aber nur möglich, wenn der Kunde nicht aus eigenen Haben-Mitteln in Vorlage treten kann und der Versicherer entsprechend gewarnt wurde (siehe UE 1/2015, Seite 19).

 

Alternative: Unfallkredit aufnehmen?

Wenn der Kunde nicht aus dem Haben in Vorlage treten kann, darf er (muss er im Verhältnis zum Schädiger aber nicht!), wenn er das möchte, einen Unfallkredit aufnehmen. Zuvor muss der Versicherer aber unter Fristsetzung zur Zahlung vor den dadurch entstehenden Mehrkosten gewarnt werden. Durch die Mehrkosten entsteht auch etwas Druck, um eine schnelle Zahlung zu erreichen (siehe UE 2/2012, Seite 1).

 

PRAXISHINWEIS | Die Schwierigkeit beim Unfallkredit liegt darin, dass die Banken ein solches Darlehen, dessen Laufzeit nicht bekannt ist, wegen des bankinternen Aufwands nur ungern gewähren. Einfacher ist bei zwar nicht flüssigen, aber im Grundsatz solventen Kunden, eine geduldete Überziehung des eigentlichen Dispokredites. Nach Eingang der Zahlung des Versicherers muss der Kunde die Bank dann um eine Bescheinigung für die entstanden Zinsen bitten.

 

Bei Kaskoschäden kein ernst zu nehmendes Druckmittel möglich

Das alles funktioniert bei Kaskoschäden nicht. Denn zum einen muss der Versicherer für den Ausfallschaden allenfalls dann aufkommen, wenn er in Verzug ist. Zum anderen ist die Kaskozahlung erst zwei Wochen nach der „Feststellung“ der Schadenhöhe fällig. Durch Rückfragen kann der Versicherer den Fälligkeitszeitpunkt quasi nach Belieben herauszögern.

 

Standgeld nicht vergessen

Für die Zeiten, in denen das Fahrzeug nur verwahrt wurde (bis zur Auftragserteilung und nach Fertigstellung oder aber bis zur Restwertverwertung), kann die Werkstatt dem Kunden ein Standgeld berechnen (siehe UE 11/2013, Seite 8). Der gegnerische Haftpflichtversicherer muss diesen Betrag erstatten.

 

Weiterführende Hinweise

  • Beitrag „Wichtige Gesetzesänderung: Ab 13. Juni 2014 gelten neue Regeln zum Widerrufsrecht“, UE 5/2014, Seite 9
  • Beitrag „So überzeugen Sie den Geschädigten von der Einschaltung eines Anwalts“, UE 10/2014, Seite 10
  • Übersicht „Auf Unfallschadenregulierung spezialisierte Rechtsanwälte“ auf ue.iww.de→ Downloads → Arbeitshilfen
  • Beitrag „Kombinierte Abrechnung mit Kasko und Haftpflicht bei Quotenunfällen“, UE 1/2010, Seite 6
  • Beitrag „Auf wessen Rechnung gehen die Demontagekosten?“, UE 4/2015, Seite 2
  • Beitrag „Geschädigter will Werkstatt für fehlerhafte Schadenregulierung haftbar machen“, UE 1/2015, Seite 10
  • Beitrag „Zinsen für Unfallkredit erst nach Warnung an den Versicherer“, UE 2/2012, Seite 1
Quelle: Ausgabe 04 / 2015 | Seite 7 | ID 43279355