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·Fachbeitrag ·Schadenabwicklung

Der Wettlauf der Unfalldienstleister um den Geschädigten ist voll im Gange

| Der Wettlauf der Unfalldienstleister um den Geschädigten ist voll im Gange: Versicherer, Rechtsanwälte, Gutachter, Kfz-Hersteller, Abschleppunternehmer und Reparaturwerkstätten lassen nichts unversucht, um möglichst als erster Kontakt zum Unfallgeschädigten zu bekommen. Solange dabei die Spielregeln eingehalten werden, ist daran auch nichts auszusetzen. |

 

Das alles dient nur einem Ziel: Wer beim Haftpflichtschaden als erster Kontakt zum Unfallgeschädigten hat, kann beratend und im Idealfall steuernd auf ihn Einfluss nehmen. In durchaus weit gesteckten Grenzen ist es auch legitim, dass die Beteiligten dabei ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen im Auge haben. Gerne wird das Wohl des Geschädigten argumentativ in den Vordergrund gestellt. Letztlich ist das aber allenfalls ein - sehr ehrenwertes - begleitendes Motiv

Die Netze der Unfalldienstleister ...

Um Ihr Ziel zu erreichen, haben die Unfalldienstleister ihre Netze engmaschig ausgelegt. Um nur die Wichtigsten zu nennen:

 

  • Notrufsäulen längs der Autobahn, die auf das Callcenter des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft aufgeschaltet sind.
  • Autos, die mit den aktuellen Kommunikationsmitteln ohne Zutun des Fahrers dem Hersteller melden, dass und wo sie gerade verunfallt sind.
  • Unfall-Apps schießen wie Pilze aus dem Boden.
  • Die Versicherer loben Lotterien aus, in die jeder Versicherungsnehmer mit einem Los hineinkommt, der den von ihm angerichteten Schaden noch von der Unfallstelle aus meldet.

... und deren Motive

Die Motive der Beteiligten liegen auf der Hand:

 

  • Die Versicherung möchte die Schadenabwicklung so lenken, dass ihre Zahlung möglichst niedrig ausfällt.
  • Der Rechtsanwalt möchte das Mandat.
  • Der Sachverständige möchte seinen Gutachtenauftrag.
  • Der Hersteller möchte das Fahrzeug in „seinem“ Servicebetrieb.
  • Die Werkstatt möchte den Reparaturauftrag.
  • Das Autohaus möchte das Ersatzkaufgeschäft.

 

WICHTIG | Solange beim Buhlen darum keine Rechtsverstöße begangen werden und auch die Grundsätze geschäftlicher Moral nicht verletzt werden, sollte jede Seite der anderen das auch zugestehen.

 

Regiehinweise der Versicherungen

Die Versicherer haben zunehmend, aber noch längst nicht immer, beim Wettlauf die Nase vorn. Das kann man zum Beispiel daran erkennen, dass sie dem Geschädigten schnellstmöglich schreiben und in dem Erstbrief bereits Regiehinweise zu geben versuchen.

 

Regiehinweise insbesondere im Mietwagengeschäft

Am deutlichsten ausgeprägt ist das zurzeit bei den Hinweisen zu den Mietwagenkosten, die jedoch von den Gerichten unterschiedlich bewertet werden. Manche Gerichte verlangen analog der Restwertrechtsprechung des BGH, dass ein Hinweis auf einen Vermieter nicht genügt, sondern dass ein annahmefähiges Angebot übersandt werden müsste.

 

Zunehmend genügt es den Amtsgerichten aber, dass der Vermieter benannt, seine Adresse und Telefonnummer angegeben und die Eckdaten des Mietvertrags inklusive Nebenkosten und Versicherungsumfang genannt werden. Dann sei der Hinweis konkret genug, und der Geschädigte dürfe nun nicht mehr ohne erfolglose Kontaktaufnahme mit dem genannten Vermieter woanders teurer mieten (aktuell zum Beispiel AG Köln, Urteil vom 21.12.2011, Az. 266 C 18/11, Abruf-Nr. 120284; AG Langenfeld, Urteil vom 11.1.2012, Az. 11 C 107/11, Abruf-Nr. 120285).

 

PRAXISHINWEIS | Dass es solche Hinweise auch im Hinblick auf Stundenverrechnungssätze geben wird, ist nur noch eine Frage der Zeit.

Spezialisten treiben Restwert in die Höhe

Im Restwertrennen ist es seit Jahren so, dass die Versicherer Spezialisten zu finden versuchen, die den Restwert aus dem Gutachten überbieten. Die BGH-Rechtsprechung dazu ist eindeutig: Liegt dem Geschädigten ein höheres ausreichend konkretes Angebot mit der Offerte zur baldigen Fahrzeugabholung gegen Barzahlung vor, bevor er den verunfallten Wagen verkauft hat, darf er ihn nicht mehr zum gutachterlich festgestellten Restwert verwerten.

 

Das zeigt: Die Regieversuche der Versicherer sind auch in den Augen der Rechtsprechung nicht von vornherein aussichtslos. Und massenhaft funktionieren sie ganz pragmatisch und ohne jede rechtliche Kontrolle.

Die positive Kehrseite der Medaille

Betrachtet man die obigen Ausführungen aus der umgekehrten Perspektive, kommt man zu folgendem Ergebnis: Solange der gegnerische Haftpflichtversicherer noch nichts von dem Schadenereignis weiß, kann er sich auch nicht einmischen:

 

  • Hat der Geschädigte bereits einen Sachverständigen beauftragt, kann ihm der Versicherer keinen seiner Experten mehr aufdrängen.
  • Hat der Geschädigte zu einem marktgerechten Preis angemietet, kommt der abweichende Hinweis zu spät.
  • Hat er den Unfallwagen verkauft, kommt das Überangebot zu spät.
  • Und hat er - im Hinblick auf das Zukunftsszenario - den Reparaturauftrag erteilt, kommt auch der Hinweis auf eine preiswertere Werkstatt zu spät.

 

PRAXISHINWEIS | Im Rahmen der Schadenminderungspflicht wird vom Geschädigten weder eine intensive Marktforschung verlangt noch die Suche nach dem ultimativ billigsten Anbieter. Es genügt, dass er sich im Rahmen „des Üblichen“ bewegt.

In der täglichen Werkstattpraxis kommt es jedoch aus falscher Routine oder aus diffusen Ängsten heraus immer wieder dazu, dass dieser Vorteil leichtfertig verspielt wird. Wenn ein Geschädigter, dem die gegnerische Versicherung noch nicht auf den Fersen ist, nach dem Unfall bei der Werkstatt erscheint, wird das Notwendige abgefragt.

 

  • Wann, wie und wo geschah der Unfall? Das ist eine auch zu diesem Zeitpunkt wichtige Frage, denn sie dient der Ersteinschätzung „Haftpflicht oder Kasko“.

 

  • Dann kommt die Frage nach dem Unfallgegner und dessen Versicherung.
    • Weiß der Kunde, wo der Schädiger versichert ist, folgt - und das ist ein Fehler! - der sofortige Anruf bei der gegnerischen Versicherung.
    • Weiß er es nicht, folgt - auch das ist ein Fehler! - der Anruf beim Zen-tralruf, und der stellt zum Versicherer durch. Und schon läuft die Beeinflussungsmaschinerie an.

 

PRAXISHINWEIS | Klüger ist nach unserer Auffassung, erst alle Geschäfte „einzutüten“. Wenn der Versicherer danach von dem Unfall erfährt, ist es immer noch früh genug. Das kann dann durchaus mal drei oder vier Tage dauern, nämlich solange, bis das Gutachten vorliegt und der Unfallwagen zum gutachterlich festgestellten Restwert gekauft oder der Reparaturauftrag unterzeichnet ist.

Gibt es Unfallmeldefristen?

Vielfach glauben die Beteiligten, es sei die Pflicht des Geschädigten, die gegnerische Versicherung schnellstmöglich zu informieren. Das ist aber eindeutig nicht richtig.

 

Zwar gibt es die Pflicht, die eigene Versicherung unverzüglich über einen angerichteten Schaden in Kenntnis zu setzen. Und auch der Kaskoversicherer muss, soll er in Anspruch genommen werden, so schnell wie möglich informiert werden. Aber der gegnerische Versicherer kann das alles nicht verlangen. Die Grenze wird ihm gegenüber nur durch die dreijährige Verjährungsfrist gesteckt.

 

Und wenn man es als legitim erachtet, dass Versicherungen durch schnellstmögliche Kontaktaufnahme zum Geschädigten den eigenen Vorteil suchen, ist es spiegelbildlich ebenso legitim, auf Werkstattseite durch eine Politik der ruhigen Hand ebenfalls bestmöglich im Geschäft zu bleiben.

 

Was treibt denn die „Nervösen“?

In Seminaren zum Unfallrecht hören wir oft verschiedene Argumente, die für eine schnelle Kontaktaufnahme sprechen sollen. Das erste Argument ist in Wahrheit keines, denn das lautet: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Das zweite Argument lautet: Wir wollen wissen, welche Versicherung das ist, denn die einen regulieren so, die anderen so, und da passen wir uns an.

 

PRAXISHINWEIS | Das Schadenersatzrecht ist jedoch (im Unterschied zu den Vollkaskofällen!) für alle Versicherer gleich. Für die rechtliche Durchsetzbarkeit von Ansprüchen kommt es also nicht darauf an, wer der Versicherer ist. Wer im Interesse schlankester Abläufe jedoch vorsorglich einknickt („Was dürfen wir für den Mietwagen aufschreiben?“), muss sich tatsächlich keine Sorgen um Nachteile durch die Versicherer-Regie machen, denn er nimmt sie ja freiwillig auf sich.

Das dritte Argument klingt bedenkenswert, ist es bei Licht besehen aber nicht. Es geistert oft die Sorge herum, der Schädiger könne ja ohne Versicherungsschutz unterwegs sein. Und wenn der Kunde auch nicht zur Zahlung in der Lage sei, gehe man leer aus.

 

PRAXISHINWEISE | Dieses Argument hat etwas Irrationales an sich. Dass nicht versicherte Fahrzeuge unterwegs sind, ist so selten, wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Und wenn man die findet, ist es noch lange nicht vorbei:

  • Oft ist der frühere Versicherer noch in der sogenannten Nachhaftung. Oder die Zulassungsstelle haftet, weil sie trotz des Hinweises vom Versicherer nicht schnell genug Stilllegungsmaßnahmen durchgesetzt hat.
  • Und wenn wirklich gar nichts mehr geht, ist ja oft noch die Vollkaskoversicherung des Kunden als Auffanglösung da.

Einzuräumen ist: Der Fall des unversicherten Schadens ist niemals völlig auszuschließen. Die Wahrscheinlichkeit, durch die Insolvenz eines Servicekunden Geld zu verlieren, dürfte aber dramatisch höher sein. Und dennoch wird nicht jeder Servicekunde im Vorfeld jeweils aktuell per Wirtschaftsauskunft durchleuchtet.

Jedenfalls, solange es keine konkreten Anhaltspunkte gibt (Auto ohne oder ohne gestempeltes Nummernschild, Moped mit abgelaufenem Versicherungskennzeichen etc., stadtbekannter Habe- und Taugenichts als Schädiger) scheint uns das Risiko des frühen und den Kunden unnötig verunsichernden Hineingrätschens der Versicherer in alle Unfallsachen weit höher als die Chance, den Phantomfall des unversicherten Schädigers durch die regelmäßig zu frühe Kontaktaufnahme mit dem Versicherer auszusortieren.

Weiterführender Hinweis

  • Beitrag „Wie weit reichen die „Regiemöglichkeiten“ der Versicherung des Schädigers?“, UE 10/2011, Seite 10 bis 14
Quelle: Ausgabe 02 / 2012 | Seite 8 | ID 31464210