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·Fachbeitrag ·Gutachten

Sind „Ferngutachten“ der neue Weg?

| Ein Leser fragt: Ein weit von uns weg ansässiges Sachverständigenbüro hat uns kontaktiert. Der Vorschlag: Wir sollen für einen vierstelligen Euro-Betrag eine Kamera und weiteres Equipment kaufen. Wenn für ein verunfalltes Fahrzeug eines unserer Kunden ein Gutachten erforderlich ist, sollen wir dort anrufen. Einer unserer Mitarbeiter werde dann über Telefon „gesteuert“, er bekomme also gesagt, wie er das Auto und die Schäden mit einer Videokamera ablichten solle. Die Bilder werden gleichzeitig zu dem Sachverständigen übertragen, der fertigt auf dieser Grundlage ein Schadengutachten an. Er berechnet der Versicherung das Gutachtenhonorar, an dem wir wegen unseres Anteils an der Arbeit deutlich partizipieren sollen. Das sei „die Zukunft“. Was ist davon zu halten? |

 

UNSERE ANTWORT | Der schadenersatzrechtliche Anspruch des Geschädigten auf ein Schadengutachten lebt nicht zuletzt von der Neutralität des Gutachters. Versuche der „Optimierung“ und des Mitverdienens der Werkstatt an der Gutachtenleistung hat es schon oft gegeben. Sie dürfen aber alle als gescheitert gelten.

Die bisherigen Entwicklungsstufen

Da waren die „Sachverständigeninstitute“, die mit „Gutachter-in-drei-TagenOfferten“ unterwegs waren. Das Versprechen an den Werkstattmeister lautete: Werde unter Deiner Privatadresse Dein eigener Gutachter, dann kannst Du den Reparaturweg selber bestimmen und verdienst das Geld, das bisher der Gutachter einsteckt, selbst.

 

BEACHTEN SIE | Eine solche Interessenverquickung macht die Rechtsprechung nicht mit. Fliegt sie auf (und die Versicherer enttarnen so etwas sehr schnell), gibt es erstens massive Schwierigkeiten mit der Regulierung und zweitens muss der Versicherer die Gutachtenkosten nicht erstatten (AG Köln, (Az: 123 C 340/94) sowie AG Gemünden (Urteil vom 16.01.1997, Az: 10 C 1172/96).

 

Da war der Sachverständige, der sein „Schmiergeld“ steuerlich absetzen wollte. Also bot er in einem Rundschreiben den Kundendienstmeistern im Umfeld an, er wolle sie als geringfügig Beschäftigte (400-Euro-Job) anstellen. Dafür müssten sie - das ähnelt dem aktuellen Vorgang - bei der Schadenaufnahme helfen. Und natürlich fleißig Aufträge vermitteln. Das wurde sehr schnell wettbewerbsrechtlich gestoppt. Und die Versicherer haben sich den Namen des Sachverständigen gut und nachhaltig gemerkt.

 

Das Verfahren ist ein alter Hut ...

Die Idee mit den „Bildern aus der Ferne“ ist alles andere als neu. Nur waren es in der Frühzeit der elektronischen Kommunikation die Versicherer, die den Weg gehen wollten. Die bekannten Firmen, die die Kalkulationsdaten liefern, stellten dafür die Technik zur Verfügung. Die Versicherung wollte dann mit eigenen Mitarbeitern den Schaden aus der Ferne beurteilen.

 

... kommt aber heute aus der anderen Ecke

Dass der Ihnen unterbreitete Vorschlag mit der heutigen hoch entwickelten Technik „handwerklich“ funktionieren kann, ist offensichtlich. Jedoch leidet er an der massiven Schwäche, dass der, der für das Gutachten verantwortlich zeichnet, das Auto nie wirklich gesehen hat, und dass dem Werkstattmitarbeiter als dessen „Auge vor Ort“ der im Sinne der Rechtsprechung neutrale Blick auf das Auto fehlt.

 

Den Manipulationsmöglichkeiten sind Tür und Tor geöffnet. Dass man heute keinem übermittelten Bild mehr trauen kann, weil digitale Fotos und Videos ganz leicht verändert werden können, ist eine Binsenweisheit. Das soll nicht unterstellen, dass alle Werkstätten manipulieren. Aber wegen der hohen Manipulationsgefahr ist das Verfahren nach unserer Einschätzung sehr leicht angreifbar.

Gutacher wird zum untauglichen Zeugen im Prozess

Schon deshalb werden sich die Versicherer dagegen wehren. Macht das Schule und wird das quantitativ bemerkbar (der Name des Gutachtenbüros wird auffallen), werden die Gegenstrategien entwickelt. Es wird Prozesse um die Verwertbarkeit solcher Gutachten geben und unsere Prognose lautet: Die Versicherer werden gute Karten haben.

 

In den Prozessen wird der Ferngutachter als Zeuge geladen. Er wird - der Versicherer kennt ja die Antwort w- gefragt, ob er das Auto je mit eigenen Augen gesehen habe. Dann werden Sie als Zeuge geladen, und Sie werden den Entstehungsprozess des Gutachtens erläutern müssen. So ist dann der Reparateur als Hilfskraft des Sachverständigen eingespannt gewesen, und mit der Neutralität des Gutachtens ist es wieder vorbei.

 

Nett wird es auch werden, wenn gar nicht wegen des Gutachtenprinzips, sondern davon unabhängig gestritten wird. Geht es dabei um Zweifel hinsichtlich der Schadenhöhe, wird auch des Öfteren der Gutachter als Zeuge geladen. Auch dann wird herauskommen, dass er das Auto nie gesehen hat.

 

Fazit |

Die klare Trennung zwischen der gutachterlichen Leistung und der Werkstattarbeit hat ihren guten Sinn. Die Tätigkeitsbereiche zu verquicken, entwertet das Gutachten massiv. Von der konkreten schadenrechtlichen Unbrauchbarkeit solcher Gutachten gehen dann auch für den Werkstattkunden Risiken aus. Und am Ende droht die Gefahr, dass die Gerichte das Schadengutachten als solches immer abschätziger betrachten, was den Wert des Gutachtens insgesamt schmälert. Nachdem Versicherer ohnehin regelmäßig versuchen, den neutralen Sachverständigen herauszudrängen, sollte insoweit nicht noch Öl ins Feuer gegossen werden.

 
Quelle: Ausgabe 09 / 2011 | Seite 10 | ID 28783190