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·Fachbeitrag ·Kasko/Haftpflicht

Quotenunfälle mit Vollkasko und Haftpflicht vorteilhaft abrechnen

| In der Praxis wird eines sehr oft übersehen: Bei Fällen mit beidseitiger Haftungsquote, also bei solchen Vorgängen, bei denen die Haftungslage nicht „Hundert zu Null“ ist, ist es geschickt und völlig legitim, den Schaden sowohl mit dem Vollkaskoversicherer des Kunden als auch mit dem gegnerischen Haftpflichtversicherer abzurechnen. Erfahren Sie, in welchen Konstellationen eine solche Abrechnung möglich ist und wie Sie dabei das Optimum herausholen. |

 

Sie werden feststellen, wenn Sie das Thema „kombinierte Abrechnung“ in der Regulierungspraxis ansprechen: Davon wird offenbar selten Gebrauch gemacht. Sogar Versicherungssachbearbeiter haben nie davon gehört. Und beim AG Castrop-Rauxel war gar ein Richter damit so überfordert, dass er im Urteil zum Ergebnis kam: Wer mit der Vollkaskoversicherung abgerechnet habe, hätte doch schon mehr bekommen, als ihm nach Quote zustünde. Das LG Dortmund hat die Sache in der Berufungsinstanz wieder lehrbuchartig geradegebogen (LG Dortmund, Urteil vom 21.3.2012, Az. 21 S 15/11, Abruf-Nr. 121283). Das sollte Sie aber keinesfalls darin hindern, selbst mehr zu wissen.

Drei verschiedene Konstellationen sind möglich

Hatte Ihr Kunde einen Unfall, gibt es wegen der Haftung drei Möglichkeiten:

 

  • 1. Der Unfallgegner haftet voll: Es wird mit der gegnerischen Haftpflicht abgerechnet.
  •  
  • 2. Abrechnung: Der Kunde hat keinen Unfallgegner (Alleinunfall) oder er haftet wegen eines Fahrfehlers voll: Es wird, wenn vorhanden, mit der Vollkasko abgerechnet.
  •  
  • 3. Den Kunden trifft eine Mithaftung, den Unfallgegner auch. Hat der Kunde keine Vollkaskoversicherung, bleibt nur die Abrechnung nach Quote mit der gegnerischen Haftpflichtversicherung. Hat er jedoch eine Vollkaskoversicherung, wird oft ein Fehler gemacht: Der Schaden wird nur mit der Kasko abgerechnet. Das ist falsch, denn die nach der Kaskoabrechnung verbliebenen offenen Schadenpositionen können teils ganz und teils nach Quote mit der gegnerischen Haftpflichtversicherung abgerechnet werden.

 

Ohne Anwalt geht es nicht

Dieser Beitrag befasst sich mit der „hohen Schule“ der Schadenabrechnung. Eine der Grundfragen dabei ist zunächst die Bestimmung der Haftungsquote. Das ist stets eine Sache für einen qualifizierten Anwalt. Der Beitrag dient allein dem Zweck, dass die Möglichkeit der kombinierten Abrechnung überhaupt erkannt wird. Wenn Sie den Kunden nicht auf den richtigen Weg schicken, kommt er von selbst nicht auf die Idee.

 

Beispiel aus dem Lehrbuch

Die folgende Beispielberechnung basiert auf einem gedachten Fall mit einer Haftungsquote „Fifty-fifty“. Die Zahlen verschieben sich bei realen Fällen, wenn andere Quoten anzusetzen sind. Aber bei den Fällen aus der Praxis ist das Ergebnis fast immer, dass der Kunde trotz der Mithaftung in der Regel seinen Schaden nahezu vollständig ausgeglichen bekommt.

 

Abrechnung mit zwei Versicherungen ist legal

Stellen Sie sich vor, der Kunde hätte gar keine Vollkasko. Dann würde man doch die Hälfte aller Schadenpositionen mit dem Versicherer des Unfallgegners abrechnen. Zweifellos müsste die im Rahmen der Quote auch bezahlen. Warum soll man die jetzt ungeschoren davonkommen lassen, nur weil es eine Vollkasko gibt?

 

Selbstverständlich darf man keine Schadenposition doppelt abrechnen. Aber davon abgesehen gilt folgender Grundsatz: Die private und freiwillige Vorsorge, eine Vollkaskoversicherung zu unterhalten, hat nicht das Ziel, den Schädiger zu entlasten. Das einzige Ziel ist, auch dann einen gewissen Schutz zu haben, wenn bzw. soweit kein Dritter zahlen muss.

 

Es ist eine weit verbreitete, aber eben völlig falsche Ansicht, dass man nur entweder mit der einen oder aber mit der anderen Versicherung abrechnen könnte. Richtig dagegen ist, die beiden Versicherungstypen in der Regulierung geschickt miteinander zu kombinieren.

 

Der Beispielfall in den verschiedenen Varianten

Wir denken uns eine Vollkaskoversicherung mit einer Selbstbeteiligung von (zum leichteren Rechnen) 1.000 Euro. Am Beispiel eines Reparaturschadens stellen wir uns folgende Schadenpositionen insgesamt vor:

 

  • Beispiel 1

Reparaturkosten

10.000 Euro

Wertminderung

1.000 Euro

Sachverständigenkosten

1.000 Euro

Abschleppkosten

1.000 Euro

Nutzungsausfallentschädigung

800 Euro

Schadenpauschale

20 Euro

Gesamt

13.820 Euro

 

 

Hätte der Kunde keine Vollkasko, könnte nur hälftig beim gegnerischen Haftpflichtversicherer abgerechnet werden. Es gäbe dann nur 6.910 Euro. Der gleiche Betrag bliebe offen.

 

Halbwissende machen da lieber die Rechnung (nur) mit der Vollkaskoversicherung auf:

 

  • Beispiel 2

Reparaturkosten abzüglich Selbstbeteiligung

9.000 Euro

Wertminderung

0 Euro

Sachverständigenkosten

0 Euro

Abschleppkosten

1.000 Euro

Nutzungsausfallentschädigung

0 Euro

Schadenpauschale

0 Euro

Gesamt

10.000 Euro

 

 

Die Gutachtenkosten will die Kasko hier nicht übernehmen, weil der Geschädigte den Gutachter selbst bestellt hat. So bleibt der Kunde „nur“ auf 3.820 Euro sitzen. Dazu kommt noch sein Rückstufungsschaden aus dem Verlust des Schadenfreiheitsrabatts. Zweifellos ist das besser, aber lange nicht gut.

 

Jetzt kommt die Stunde der Könner: In der oben gewonnenen Erkenntnis, dass die Abrechnung mit der Kasko nicht das Ziel hat, den Schädiger zu entlasten, wird der Restschaden (nach der Abrechnung mit der Kasko) so weit wie möglich dem Haftpflichtversicherer des Schädigers belastet.

 

Noch einmal zum Verständnis: Eigentlich wäre die ja mit dem halben Schaden (also im Beispiel 1 mit 6.910 Euro) verpflichtet, wenn der Kunde seine Kasko nicht in Anspruch nähme oder gar keine hätte. Jetzt kann sie sich freuen, nur noch mit dem Restschaden konfrontiert zu werden.

 

Falsch wäre es aber jetzt, vom Restschaden den 50-Prozent-Anteil einzufordern. Bezüglich der offen gebliebenen Schadenpositionen ist nämlich zu unterscheiden: Einzelne Positionen muss der Haftpflichtversicherer in voller Höhe (also über die Quote hinaus, deshalb heißt das „quotenbevorrechtigt“) übernehmen, andere muss er nur im Rahmen der Quote ausgleichen.

Ganz oder nach Quote, das ist jetzt die Frage

Wer jetzt sortieren muss, welche der Positionen quotenbevorrechtigt sind und welche nicht, hält sich an folgende Formel als Eselsbrücke:

 

  • Eselsbrücke zum Quotenvorrecht

Schadenpositionen, die das Blech berührt haben, sind quotenbevorrechtigt. Schadenpositionen ohne Blechberührung sind nur nach Quote zu erstatten.

 

Bildhaft gesprochen: Die Selbstbeteiligung ist der noch nicht bezahlte Rest des „verbogenen Blechs“. Für die Wertminderung gilt das Gleiche. Der Abschlepphaken wird auch „am Blech“ befestigt. Und für den Fall, dass der Geschädigte im Irrglauben an einen reinen Haftpflichtschaden selbst einen Gutachter bestellt hatte, gilt: Der Sachverständige kann kein Schadengutachten erstellen, ohne das Blech anzufassen. Mindestens muss er die Haube öffnen, um das Fahrzeug zu identifizieren (Sorry, das ist nur eine Eselsbrücke).

 

Nutzungsausfallentschädigung dagegen ist eine Position ausschließlich in der Geldbörse ohne unmittelbaren Fahrzeugbezug (Mietwagen als „Mobilität“ auch), und die Schadenpauschale ist für Porto, Telefon und Lauferei.

 

Der Anspruch gegen den Haftpflichtversicherer

Nach dieser Faustformel wird jetzt sortiert, und so muss der gegnerische Haftpflichtversicherer bezahlen:

 

  • Das muss der Haftplichtversicherer erstatten

Selbstbeteiligung voll

1.000 Euro

Wertminderung voll

1.000 Euro

Gutachten voll

1.000 Euro

Nutzungsausfallentschädigung halb

400 Euro

Schadenpauschale halb

10 Euro

Gesamt

3.410 Euro

 

 

Die verbleibende Lücke ist jetzt bis auf „fehlende“ 410 Euro (halber Nutzungsausfall, halbe Schadenpauschale) geschlossen. Bedenkt man, dass das sozusagen „weiches Geld“ ist, also Geld, das gar nicht ausgegeben wurde, sieht das doch gut aus. Besser geht es nicht.

 

An den Rückstufungsschaden denken

Jetzt gilt es noch, den Rückstufungsschaden im Schadenfreiheitsrabatt der Vollkasko zu regeln. Der findet bildhaft gesprochen „blechlos“ im Rechner des Versicherers statt. Folglich muss die Gegenseite den nur nach Quote erstatten.

 

Den Rabattverlust in der Vollkasko (aber nicht den in der eigenen Haftpflicht, der entstanden ist, weil die ja nach Quote an den Gegner bezahlt hat) muss folglich der gegnerische Haftpflichtversicherer auch nur nach Quote übernehmen.

 

Problematisch ist dessen Berechnung. Er schleppt sich ja über Jahre. Der Versicherer wird einwenden, dass der Kaskovertrag gar nicht so lange aufrechterhalten bliebe oder dass der Geschädigte später vielleicht ein Fahrzeug einer niedrigeren Typklasse fahre.

 

PRAXISHINWEIS | In der Regulierungspraxis hat sich eingebürgert, dass man die Höhe des Rabattverlusts, wie er über die Jahre anfallen wird, schätzt und sich vernünftig einigt. Ist der Versicherer zu einer solchen vernünftigen Einigung nicht bereit, muss der Anwalt auf Feststellung klagen.

 

Zum Schluss noch eine Kontrollrechnung

Am Ende ist immer noch eine Kontrollrechnung zu machen: Der gegnerische Haftpflichtversicherer darf nämlich nicht höher belastet werden, als es bei einer ausschließlichen ihm gegenüber erfolgenden Haftpflichtschadenabrechnung nach Quote der Fall wäre. Soll heißen:

 

Im Beispiel beträgt der Gesamtschaden 13.820 Euro. Unterstellt, der Gegner müsse nur mit 20 Prozent haften, der eigene Kunde also mit 80 Prozent, fielen dem Haftpflichtversicherer nur 2.764 Euro zur Last (20 Prozent von 13.820 Euro). Die Summe aus den bei der kombinierten Abrechnung von Haftpflichtversicherer voll zu übernehmenden Positionen Selbstbeteiligung, Wertminderung und Gutachterkosten beträgt im Beispiel aber 3.000 Euro. Dann wird bei 2.674 Euro (Obergrenze) gekappt. Aber das ist doch besser, als nichts!

 

Im Beispiel oben mit 50 Prozent Haftungsquote würde nichts gekappt. Denn der gegnerische Haftpflichtversicherer wäre mit 6.910 Euro im Boot, und die nach der Vollkaskoabrechnung verbleibende Restforderung wäre kleiner.

Und wenn das Kind schon im Brunnen liegt?

Kunden sind manchmal bockig: „Nein, das kann nicht sein mit der Mithaftung. Der andere war es, ich mache beim Autofahren keine Fehler.“ Und wenn es nicht ganz so heftig ist, dann war es nur eine Fehleinschätzung. Die Folge: Es wurde zunächst mit dem gegnerischen Haftpflichtversicherer versucht. Erst nach der Einsicht, dass das nichts wird, kommt der Gedanke an die Vollkasko.

 

Die erste Hürde ist da die Meldefrist. Die Klausel E.1.1.1 der Musterbedingungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, die vermutlich alle Gesellschaften wortgleich übernommen haben, lautet:

 

  • E.1.1.1

Sie sind verpflichtet, uns jedes Schadenereignis, das zu einer Leistung durch uns führen kann, innerhalb einer Woche anzuzeigen.

 

So scharf wenden die Versicherer die Klausel in der Regel nicht an. Jedoch: Das OLG Koblenz hat in einem ähnlichen Fall einen Vollkaskoversicherer leistungsfrei gestellt, weil der Schaden erst mit sechs Monaten Verzögerung gemeldet wurde (OLG Koblenz, Beschluss vom 4.9.2008, Az. 10 U 318/08).

 

Leistungsfrei wird der Versicherer aber nur, wenn ihm durch die späte Schadenmeldung ein Nachteil entsteht. Der Versicherer wird sich darauf berufen, er könne nun den Zustand des unreparierten Fahrzeugs nicht mehr prüfen. Ob er damit durchkommt ist zwar fraglich, doch das ist ein Streitschauplatz. Daher ist es bei auch nur etwas zweifelhaften Haftungslagen immer ratsam, dem Kaskoversicherer jedenfalls vorsorglich den Schaden sofort zu melden mit dem Hinweis, der Versicherungsnehmer komme ggf. darauf zurück.

Quotenvorrecht geht auch rückwärts

Von der Fristfrage abgesehen, kann auch nach teilweiser Regulierung mit dem Haftpflichtversicherer vorgegangen werden, wie oben beschrieben. Das Ergebnis ist dann das Gleiche. Der Kaskoversicherer wird versuchen, von seiner Zahlung die Selbstbeteiligung abzuziehen. Das darf er aber bei der Abrechnung nach Quotenvorrecht nicht.

 

Quelle: Ausgabe 02 / 2016 | Seite 13 | ID 43828021