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06.10.2008 |Leserforum

Wiederbeschaffungswert oder Kaufpreis?

Ein Leser fragt: „Ein Kunde wurde unverschuldet in einen Verkehrsunfall verwickelt. Im Gutachten wurde ein WBW ermittelt, der über dem Kaufpreis lag, den der Kunden für das Fahrzeug gezahlt hatte. Es handelte sich um einen Jahreswagen, den der Kunde erst zwei Monate vor dem Unfall gekauft hatte. Die gegnerische Versicherung fordert nun vom Kunden die Fahrzeugrechnung an. Muss unser Kunde diese vorlegen? Wenn ja, darf dann die Versicherung zum niedrigeren Kaufpreis regulieren oder ist der WBW maßgebend?“ 

 

Unsere Antwort: Maßgeblich ist der WBW. Denn dem Kunden muss nicht der Kaufpreis erstattet werden, sondern er muss in die Lage versetzt werden, ein gleichwertiges Fahrzeug zu kaufen. Dass das nur so sein kann, zeigt die Umkehrung des Falles: Ein halbes Jahr nach Kauf ist der WBW deutlich gesunken. Der Geschädigte legt die Kaufrechnung vor und beharrt darauf. Das wäre absurd.  

 

Sonderfall ...

Im Einzelfall kann es durchaus möglich sein, dass der WBW über dem Kaufpreis liegt. Wenn zum Beispiel ein Händler sein Lager räumt und bewusst unter Wert verkauft, wird eine Wiederbeschaffung zum früheren niedrigen Kaufpreis nicht möglich sein. Gleiches gilt, wenn ein Neuwagen mittels einer Sonderunterstützung des Herstellers, die der Händler weitergegeben hat, künstlich verbilligt wurde und dieses Programm ausgelaufen ist. 

 

... oder fehlerhaftes Gutachten

Die Preis-/Wertdivergenz kann aber auch ein Hinweis auf einen vom Sachverständigen zu hoch bemessenen WBW, also schlicht auf ein fehlerhaftes Gutachten sein. Wenn die Versicherung dieser Auffassung ist, wird sie voraussichtlich nur einen gekürzten Betrag bezahlen, gleichgültig, ob ihr die Rechnung vorgelegt wird oder nicht. Um den Rest muss dann gestritten werden. Im Prozess wird ein vom Gericht ausgewählter Gutachter den Wiederbeschaffungswert festsetzen. Und sie wissen ja: Zwei Gutachter, drei Meinungen… 

 

Recht und Taktik

Rechtlich gibt es keine Pflicht zur Vorlage der Rechnung. Taktisch ist abzuschätzen, ob der höhere Wert richtig oder ob das Gutachten falsch ist. Dann ist abzuwägen, wie weit die Versicherung kürzen wird, wenn die Rechnung nicht vorgelegt wird. Geht die gekürzte Zahlung unter den Kaufpreis, sind das Steine statt Brot. Es bleibt auch der Weg, die Rechnung vorzulegen und zu erläutern, warum der WBW zurecht darüberliegt. Um die Differenz kann dann noch gestritten werden. Jedenfalls ist anzunehmen, dass die Versicherung dann mindestens den Kaufpreis erstattet. Sie sehen: Das ist eine Sache für einen versierten Anwalt. 

 

Quelle: Ausgabe 10 / 2008 | Seite 15 | ID 121997