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31.07.2008 | Leserforum

Gibt es eine Wertminderungsgrenze von 72 Monaten?

Ein Leser fragt: „Unser Kunde hat ein sehr gepflegtes sechseinhalb Jahre altes Mittelklassefahrzeug mit nur 46.000 km Laufleistung. Der Sachverständige verneint trotz erforderlicher Richtarbeiten an den Längsträgern eine Wertminderung. Als wir schriftlich reklamierten, schrieb er zurück: ,Die ehemalige Grenze für Wertminderung von 100.000 km Laufleistung und einem Alter von 60 Monaten wurde nach aktueller Rechtsprechung auf 72 Monate Fahrzeugalter nach Erstzulassung geändert. Sicherlich ist diese Grenze insofern nicht fest, als dass in Ausnahmefällen bei besonders seltenen oder wertvollen Fahrzeugtypen auch bei höherem Alter eine merkantile Wertminderung in Betracht kommt. Bei dem hier in Rede stehenden Fahrzeug handelt es sich jedoch weder um ein seltenes noch um ein in besonderem Maße wertvolles Fahrzeug.‘ Ist das Schreiben inhaltlich richtig?“ 

 

Unsere Antwort: Fragen sie den Sachverständigen nach einem Beleg für die „aktuelle Rechtsprechung“, wonach die Grenze bei 72 Monaten zu ziehen sei. Und wenn er Urteile vorlegt, achten Sie darauf, dass sie jünger sind als aus Anfang 2005. Da nämlich hat der BGH sein Urteil veröffentlicht, mit dem er das Vorliegen jeglicher schematischer Grenzen für die Zu- oder Aberkennung einer Wertminderung verneint.  

 

Starre Grenzen hat es nie gegeben

Der BGH verweist zu Recht darauf, dass er nie eine starre Grenze gezogen hat (Urteil vom 23.11.2004, Az: VI ZR 357/03; Abruf-Nr. 050015). Wörtlich sagt er dazu: 

 

„In einer späteren Entscheidung vom 18. September 1979 – VI ZR 16/79 hat der Senat zwar erwogen, bei Personenkraftwagen könne im allgemeinen eine Fahrleistung von 100.000 km als obere Grenze für den Ersatz eines merkantilen Minderwerts angesetzt werden. Diese Einschätzung stützte sich jedoch unter Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse auf dem Gebrauchtwagenmarkt auf die Überlegung, dass solche Pkw im Allgemeinen nur noch einen derart geringen Handelswert hätten, dass ein messbarer Minderwert nach Behebung der Unfallschäden nicht mehr eintrete. Die Beurteilung war mithin nicht allein auf die Laufleistung des Fahrzeuges bezogen, sondern maßgeblich auf deren Bedeutung für seine Bewertung auf dem Gebrauchtwagenmarkt.  

 

Diese Bedeutung kann sich im Laufe der Zeit mit der technischen Entwicklung und der zunehmenden Langlebigkeit der Fahrzeuge (zum Beispiel infolge längerer Haltbarkeit von Motoren, voll verzinkter Karosserien etc.) ändern. Ein entsprechender Wandel auf dem Gebrauchtwagenmarkt spiegelt sich insbesondere in der Bewertung von Gebrauchten durch Schätzorganisationen wie Schwacke und DAT wider, die in ihren Notierungen inzwischen bis auf zwölf Jahre zurückgehen und ausdrücklich darauf hinweisen, dass sich sämtliche Marktnotierungen auf unfallfreie Fahrzeuge beziehen.“ 

 

Die Ausführungen des BGH gelten für Alter und Laufleistung

Die Altersfrage thematisiert der BGH nicht ausdrücklich. Dennoch verweist er auf die Langlebigkeit moderner Karosserien und betont, dass die typischen Bewertungsprogramme bis zu einem Fahrzeugalter von zwölf Jahren zwischen unfallfreien und unfallbehafteten Fahrzeugen unterscheiden. 

 

So geht es eben nicht um das Alter eines Fahrzeugs an sich, sondern um die Bedeutung des Alters für die Bewertung des Fahrzeugs im konkreten Alter auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Erst, wenn das Fahrzeug so weit gealtert oder abgenutzt ist, dass sich ein reparierter Unfallschaden nicht mehr auf die Wertbildung auswirkt, entfällt die Wertminderung. Das ist aber keine juristische Frage, sondern eine marktseitige. 

 

Frage des Einzelfalls

Im Einzelfall kann es also richtig sein, die Wertminderung bei einem älteren Fahrzeug zu verneinen. Jedoch behauptet der Sachverständige ja eine Rechtsprechung, wonach bei 72 Monaten „Schluss sei“ und nur in engen Ausnahmefällen das Tor noch offen sei. Ein solcher Ausnahmefall läge nicht vor. 

 

Vor dem von Ihnen geschilderten Hintergrund des guten Pflegezustands einerseits und vor allem der außergewöhnlich niedrigen Laufleistung andererseits erscheint es uns aus der „Ferndiagnose“ heraus als zweifelhaft, dass ein Interessent nicht mehr wertbeeinflussend nach der Unfallfreiheit fragt. 

 

Und wenn es eine Gebrauchtwagenbewertung wäre?

Vielleicht bitten Sie den Sachverständigen einmal, das Auto als Gebrauchtwagen im unbeschädigten Zustand zu bewerten. Dabei möge er ausdrücklich den Unfallschaden als reparierten Vorschaden in das System eingeben. Spannend – und vorhersehbar! – ist, was dabei wohl herauskommt.  

 

Ausreißerurteile mag es geben

Wir können nicht ausschließen, dass ein einzelnes Gericht entschieden hat, wie vom Sachverständigen behauptet. Die maßgebliche Rechtsprechung jedoch sieht das im obigen Sinne. 

 

Unser Tipp: Beachten Sie den Textbaustein 180. 

Quelle: Ausgabe 08 / 2008 | Seite 13 | ID 120777