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06.05.2008 | Leserforum

Abrechnung der Lackmaterialkosten

Ein Leser fragt: „Wir haben bei einer Unfallschadenreparatur das Lackmaterial wie üblich mit einem pauschalen Zuschlag auf den Stundenverrechnungssatz für die Lackierarbeit berechnet. Der Haftpflichtversicherer stellt sich nun auf den Standpunkt, das sei unzulässig. Der Hersteller der betroffenen Fahrzeugmarke sehe eine Abrechnung nach lackierter Fläche vor. Hängt die Abrechnungsweise wirklich von der Herstellervorgabe ab?“ 

 

Unsere Antwort: Soviel vorweg: Die Antwort auf diese Frage ist sehr vielschichtig. Dabei sind auch einige kritische Anmerkungen notwendig.  

 

Die Abrechnung des Lackmaterials als Zuschlag zum Stundenverrechnungssatz des Lackierers gehört nämlich zu den Kuriositäten der deutschen Schadenpraxis. Verbraucht der Lackierer in Berlin wirklich viel mehr Lack als der in der Uckermark? Wird in Köln oder München wirklich erheblich dicker lackiert als in der Eifel oder im Bayerischen Wald? Soll heißen: Warum eigentlich wird einem Lackierer mit hohen Stundenverrechnungssätzen mehr Geld für Lackmaterial zugestanden, als einem mit niedrigen Verrechnungssätzen? 

 

Ein Blick in die Historie

Um das zu verstehen, muss man weit zurückgehen. Bis 1995 war der Kraftfahrtversicherungsmarkt reguliert. Kraftfahrtversicherer durften drei Prozent Gewinn machen. Darüber hinausgehende Gewinne wurden als „Beitragsrückvergütung“ an die Versicherungsnehmer im Folgejahr zurückbezahlt. Dies führte zum gegenteiligen als vom Gesetzgeber erhofften Effekt:  

 

Versicherungen hatten seinerzeit durchaus auch ein Interesse an ständig steigendem Schadenniveau. Ganz vereinfacht dargestellt: Je höher die Summe aller Schäden, desto größer ist ein drei-prozentiger Gewinn in absoluten Zahlen. In jenen Jahren waren Versicherungen also „großzügig“.  

 

Denn mit steigendem Schadenverlauf wurden im Folgejahr höhere Prämien durch den Treuhänder beim damaligen Versicherungsaufsichtsamt genehmigt. Aus der Zeit stammen alle Tendenzen, dass rund um den Schaden alles etwas teurer sein dürfe. Auch der Unfallersatztarif beim Mietwagen hat in der damaligen Zeit seinen – sogar im Interesse der Versicherungen liegenden – Ursprung. 

 

Und damals wurde auch die Pauschalierung des Lackmaterials als Zuschlag auf den Stundenverrechnungssatz des Lackierers erdacht. Das machte die Sache einerseits sehr einfach, denn es brauchten keine komplizierten Verbrauchsberechnungen angestellt werden. Andererseits führte das ständig steigende Lohnniveau auch zum Mitsteigen der Lackkosten und damit zum gewünschten jährlichen Anstieg des Schadenniveaus. 

 

Schadenrecht ist der Maßstab

Seitdem nach Ende des regulierten Marktes die Preisschlacht unter den Versicherungen ausgebrochen ist, ist die Interessenlage dort eine andere. Seither bemüht man sich, die Kosten für das Lackmaterial am echten Verbrauch festzumachen. Die jahrzehntelange anders geartete Übung hält sich jedoch beharrlich. Das ist die eine Seite der Medaille.  

 

Die andere: Wir bewegen uns im Schadenersatzrecht. Dabei stellt sich stets die Frage, ob der Geschädigte bei Beauftragung einer Werkstatt zunächst Erkundigungen einziehen muss, wie diese denn das Lackmaterial abzurechnen gedenke. Eine solche Anforderung an den Geschädigten ist schlicht absurd. Vom Geschädigten kann nicht im Ansatz erwartet werden, dass er überhaupt eine Vorstellung davon hat, dass es unterschiedliche Abrechnungsweisen gibt.  

 

Wenn das Unfallopfer eine Werkstatt beauftragt, die die Kosten für das Lackmaterial aufgrund jahrzehntelanger Übung und durchaus noch gegebener Marktüblichkeit am Stundenverrechnungssatz für die Lohnkosten orientiert, ist das schadenersatzrechtlich nicht zu beanstanden. 

 

Wenn Sie als Werkstatt den Schaden mit der gegnerischen Haftpflichtversicherung abrechnen, dann rechnen Sie den abgetretenen Schadenersatzanspruch Ihres Kunden ab. Man kann sich mit der gesamten Problematik folglich „hinter dem Schadenersatzrecht verstecken“. Bei Kaskoschäden gilt prinzipiell dasselbe. Soweit versicherungsvertraglich keine Werkstattbindung vereinbart ist, muss der Geschädigte vor Vergabe des Reparaturauftrags auch nicht nach der Abrechnungsweise fragen. Denn auch dort wäre dies eine völlige Überforderung des Laien.  

 

Die Relevanz von Herstellervorgaben

Schlussendlich zielt Ihre Frage auf die „Herstellervorgaben“. Bei echten technischen Fragen („Darf eine Lenkung repariert werden?“) mag die Sachkenntnis des Herstellers bezogen auf das Produkt ein deutliches Licht auf die „Erforderlichkeit“ im Sinne des § 249 BGB werfen. Dass der Hersteller jedoch verbindlich erklären können soll, nach welcher Berechnungsmethode das Lackmaterial im Hinblick auf die „Erforderlichkeit“ berechnet wird, erscheint eher zweifelhaft.  

 

Erst recht löst es ein gewisses Stirnrunzeln aus, wenn sich die Werkstatt nur bezüglich Verteuerungen auf den Hersteller beruft, in anderen Punkten jedoch nicht. 

Quelle: Ausgabe 05 / 2008 | Seite 13 | ID 119185