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01.01.2006 | Kasko und Haftpflicht

Kombinierte Abrechnung mit Kasko und Haftpflicht bei Quotenunfällen

Der folgende Beitrag befasst sich mit der „hohen Schule“ der Schadenabrechnung. Eine der Grundfragen dabei ist zunächst die Bestimmung der Haftungsquote. Aus dieser Frage sollten Sie sich als Werkstatt dringend heraushalten! Das ist eine Sache für einen qualifizierten (!) Anwalt. Der Beitrag soll Ihnen helfen, die Möglichkeit der kombinierten Abrechnung überhaupt zu erkennen. 

 

Wenn Sie den Kunden nicht auf den richtigen Weg schicken, kommt er selbst oft auch nicht auf die zielführende Idee. Ihr Vorteil liegt darin, dass Sie die lästige Forderung des Kunden, die Selbstbeteiligung nicht zahlen zu wollen, locker parieren können: Die zahlt nämlich dabei die gegnerische Haftpflichtversicherung! Außerdem: Vielleicht reicht die Wertminderung ja zum Beispiel für die neuen Reifen, die der Kunde bald braucht. Oder für das Navigationssystem … 

Haftpflicht oder Kasko?

Bei Unfällen mit klarer Haftungslage zu Gunsten des eigenen Kunden gibt es nur einen richtigen Weg: Die Abrechnung mit der gegnerischen Haftpflichtversicherung. Bei Schadensfällen, die der eigene Kunde klar selbst verursacht hat, gibt es auch keine Zweifel: Sie werden mit der Vollkaskoversicherung reguliert.  

 

Es gibt aber auch Schadenereignisse, bei denen beiden Beteiligten eine Verantwortlichkeit zur Last fällt. Grob geschätzt ist das in etwa 20 Prozent aller Unfälle mit mehr als einem Beteiligten so. 

 

Geteilte Haftungsquote

Ist ein Unfall zu bearbeiten, bei dem der eigene Kunde ebenso eine Haftungsquote zu tragen hat wie der Gegner, wird oft ein krasser Fehler gemacht. Allzu häufig wird auch in diesen Fällen nur mit der Haftpflichtversicherung des Kunden abgerechnet. Die Folgen dieser Vorgehensweise:  

 

  • Dem Kunden fehlen die Wertminderung, die Nutzungsausfallentschädigung und die Schadenpauschale.

 

  • Die Selbstbeteiligung in der Vollkaskoversicherung trägt ebenfalls der Kunde (und erwartet oft forsch, dass das doch auch irgendwie anders gehen muss ...).

 

  • Letztlich schlägt auch der Verlust des Schadenfreiheitsrabatts zu Buche.

 

Gefühlsmäßig erscheint es vielen sogar richtig, dass am Kunden „was hängen bleibt“, immerhin trifft ihn ja auch eine Mithaftung am Unfallgeschehen. 

 

Das allerdings ist die falsche Sicht der Dinge: Stellen Sie sich vor, der Kunde hätte gar keine Vollkaskoversicherung. Dann würde man doch die Hälfte aller Schadenpositionen mit der Versicherung des Unfallgegners abrechnen. Zweifellos müsste die im Rahmen der Quote auch bezahlen. Warum soll man sie jetzt ungeschoren davonkommen lassen? 

 

Selbstverständlich darf man keine Schadenposition doppelt abrechnen. Aber davon abgesehen gilt folgender Grundsatz: Die private und freiwillige Vorsorge, eine Vollkaskoversicherung zu unterhalten, hat doch nicht das Ziel, den Schädiger zu entlasten. Das einzige Ziel ist, auch dann einen gewissen Schutz zu haben, wenn bzw. soweit kein Dritter zahlen muss. 

 

Kombination der Versicherungstypen bei der Regulierung

Es ist eine weit verbreitete, aber eben völlig falsche Ansicht, dass man nur entweder mit der einen oder aber mit der anderen Versicherung abrechnen könnte. Richtig dagegen ist, die beiden Versicherungstypen in der Regulierung geschickt miteinander zu kombinieren. Und das geht so: 

 

Beispiel

Es geht um einen Unfall mit jeweils hälftiger Mithaftung. Das heißt: Der eigene Kunde haftet zu 50 Prozent und der Gegner spiegelbildlich ebenfalls zu 50 Prozent. Die Vollkaskoversicherung sieht eine Selbstbeteiligung von 1.000 Euro vor. Am Beispiel eines Reparaturschadens sehen die Schadenpositionen wie folgt aus:  

Reparaturkosten 

10.000 Euro 

Wertminderung  

1.000 Euro 

Sachverständigenkosten 

1.000 Euro 

Abschleppkosten 

1.000 Euro 

Nutzungsausfallentschädigung 

800 Euro 

Schadenpauschale 

20 Euro 

Gesamt 

13.820 Euro 

Hätte der Kunde keine Vollkaskoversicherung, bliebe nur der Biss in den sauren Apfel – der hälftigen Anspruchstellung bei der gegnerischen Haftpflichtversicherung. Das bittere Zwischenergebnis: Dann gäbe es nur 6.910 Euro, der gleiche Betrag bliebe offen. 

 

Halbwissende machen da lieber die Rechnung (nur) mit der Vollkaskoversicherung auf. Die zahlt die zumindest die Reparaturkosten (abzüglich Selbstbeteiligung) und die Abschleppkosten. Die Gutachterkosten übernimmt die Kaskoversicherung hier nicht, weil der Geschädigte den Gutachter selbst bestellt hat.  

 

Ergebnis: Der Kunde bleibt „nur“ auf 3.820 Euro (statt 6.910 Euro) sitzen, zusätzlich auch auf seinem Rückstufungsschaden aus dem Verlust des Schadenfreiheitsrabatts. Zweifellos besser, aber lange nicht gut! 

 

Ganz anders der „Könner“: Er weiß, dass die Abrechnung mit der Kasko nicht das Ziel hat, den Schädiger zu entlasten. Deshalb wird der Restschaden so weit wie möglich der Haftpflichtversicherung des Schädigers belastet. Noch einmal zum Verständnis: Eigentlich wäre die ja mit dem halben Schaden (also im Beispielsfall mit 6.910 Euro) verpflichtet, wenn der Kunde seine Kasko nicht in Anspruch nähme oder gar keine hätte. Jetzt kann sie sich freuen, nur noch mit dem Restschaden konfrontiert zu werden. 

 

Falsch wäre es jetzt, vom Restschaden den 50-Prozent-Anteil einzufordern. Bezüglich der offen gebliebenen Schadenpositionen ist nämlich zu unterscheiden: Einzelne der Positionen muss der Haftpflichtversicherer in voller Höhe (also über die Quote hinaus, deshalb heißt das „quotenbevorrechtigt“) übernehmen, andere hat er nur im Rahmen der Quote auszugleichen. 

Formel für Quotenbevorrechtigung

Wer jetzt sortieren muss, welche der Positionen quotenbevorrechtigt sind und welche nicht, hält sich am besten an folgende Formel als „Eselsbrücke“: 

 

Formel Quotenbevorrechtigung

„Schadenpositionen, die das Blech berührt haben, sind quotenbevorrechtigt, Schadenpositionen, die nicht das Blech berührt haben, sind nur nach Quote zu erstatten.“ 

 

Bildhaft gesprochen: Die Selbstbeteiligung ist der noch nicht bezahlte Rest des „verbogenen Blechs“. Für die Wertminderung gilt das Gleiche. Der Abschlepphaken wird auch „am Blech“ befestigt.  

 

Und für den Fall, dass der Geschädigte im Irrglauben an einen reinen Haftpflichtschaden schon selbst einen Gutachter bestellt hatte, gilt: Der Sachverständige kann auch kein Schadengutachten erstellen, ohne das Blech anzufassen. Mindestens muss er die Haube öffnen, um das Fahrzeug zu identifizieren – das ist ja nur eine „Eselsbrücke“.  

 

Nutzungsausfallentschädigung dagegen ist eine Position ausschließlich in der Geldbörse ohne unmittelbaren Fahrzeugbezug (Mietwagen als „Mobilität“ auch), und die Schadenpauschale ist für Porto, Telefon und Lauferei. 

 

Im Beispielsfall ergibt sich nach dieser Faustformel folgende „Sortierung“: 

 

Fortführung des Beispiels (Sortierung Quotenbevorrechtigung)

Selbstbeteiligung voll 

1.000 Euro 

Wertminderung voll 

1.000 Euro 

Gutachten voll 

1.000 Euro 

 

 

Nutzungsausfallentschädigung nach Quote 

400 Euro 

Schadenpauschale nach Quote 

10 Euro 

Gesamt 

3.410 Euro 

Die verbleibende Lücke ist jetzt bis auf „fehlende“ 410 Euro (halber Nutzungsausfall, halbe Schadenpauschale) geschlossen. Bedenkt man, dass das sozusagen „weiches Geld“ ist, also Geld, das gar nicht ausgegeben wurde, sieht das doch gut aus! Besser geht es nicht.  

Rückstufungsschaden

Jetzt ist noch der Rückstufungsschaden im Schadenfreiheitsrabatt der Vollkaskoversicherung zu regeln. Der findet bildhaft gesprochen „blechlos“ im Rechner der Versicherung statt und ist folglich von der Gegenseite nur nach Quote zu erstatten. 

 

Der Rabattverlust in der Vollkaskoversicherung ist folglich von der gegnerischen Haftpflichtversicherung auch nur nach Quote zu übernehmen. 

 

Beachten Sie: Es geht nur um den Rabattverlust in der Vollkaskoversicherung, nicht auch um den aus der eigenen an den Gegner nach Quote zahlenden Haftpflichtversicherung! 

 

Problematisch ist die Berechnung des Rabattverlusts. Der Rabattverlust schleppt sich ja über Jahre. Die Versicherung wird einwenden, dass der Kaskovertrag gar nicht so lange aufrechterhalten bleiben oder dass der Geschädigte später vielleicht ein Auto einer niedrigeren Typklasse fahren werde. 

 

In der Regulierungspraxis hat sich daher eingebürgert, dass man die Schadenhöhe schätzt und sich vernünftig einigt. Ist der Versicherer zu einer solchen Einigung nicht bereit, muss der Anwalt auf Feststellung klagen. 

 

Kontrollrechnung

Am Ende ist immer noch eine Kontrollrechnung zu machen: Der gegnerische Haftpflichtversicherer darf nämlich nicht höher belastet werden, als es bei einer ausschließlichen Abrechnung des Haftpflichtschadens nach Quote der Fall wäre.  

 

Das bedeutet für den Beispielsfall Folgendes. 

 

Fortführung des Beispiels

Der Gesamtschaden beträgt 13.820 Euro. Wenn man unterstellt, dass der Gegner nur mit 20 Prozent haftet, der eigenen Kunde also mit 80 Prozent, fielen dem Haftpflichtversicherer 20 Prozent von 13.820 Euro, also nur 2.764 Euro zur Last.  

 

Die Summe aus den bei der kombinierten Abrechnung von Haftpflichtversicherer voll zu übernehmenden Positionen Selbstbeteiligung, Wertminderung und Gutachterkosten beträgt im Beispielsfall aber bereits 3.000 Euro. Dann wird bei der Obergrenze von 2.674 Euro gekappt. Aber das ist doch besser, als nichts! 

Schäden aus der Vergangenheit neu bearbeiten

Sollten Ihnen jetzt Fälle aus der jüngeren Vergangenheit in den Sinn kommen, bei denen Ihr Kunde diese Abrechnungs-Chance verpasst hat, ist es meistens noch nicht zu spät. Denn: Der Haftpflichtschadenanspruch verjährt erst nach drei Jahren.  

 

Wer die kombinierte Abrechnung bisher nicht kennt, dem mag sie kompliziert erscheinen. Wer aber einmal beobachtet hat, wie gut das geht, wenn ein kompetenter Anwalt eine solche Abrechnung „durchzieht“, wird für die Zukunft Freude daran finden. Allerdings zeigt die Praxis, dass nicht jeder Anwalt das Thema „kombinierte Abrechnung“ beherrscht. Bei Fachanwälten für Verkehrsrecht gehört das Thema jedoch zum Ausbildungsprogramm, auch Verkehrsrechtsspezialisten ohne Fachanwaltsqualifikation beherrschen es. Letztlich ist eine solche Abrechnung für Sie ein guter Test, die Spreu vom Weizen zu trennen. 

 

Gefahr des Verstoßes gegen das RBerG

Aber noch einmal: Wenn Sie dabei selbst agieren, stehen Sie mit mindestens einem Bein im Verstoß gegen das RBerG – eher sogar mit beiden Beinen! 

 

Ihren Kunden diesen Tipp mit der Aufteilung der Haftung zu geben, das ist allerdings erlaubt. Denn dabei handelt es sich ja nicht um eine umfassende und abschließende Rechtsberatung. 

Quelle: Ausgabe 01 / 2006 | Seite 7 | ID 97782