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  • · Fachbeitrag · Praxistipps zum Umgang mit „Kleinigkeiten“ im ESG-Alltag

    Wie viele Körner ergeben einen Haufen und wie Nachhaltigkeitsmanager damit umgehen, wenn kleine Verstöße ein ESG-System kippen

    von Dipl.-Kfm. Thomas Schneider, Essen

    Wie viele kleine Regelverstöße verträgt ein Unternehmen, bevor sein ESG‑System kippt? Genau damit beschäftigt sich dieser Beitrag. Er zeigt, warum nicht Technik und Regulierung das größte Problem sind, sondern die Summe „kleiner“ Abweichungen im Arbeitsalltag: Was soll es ändern, wenn ich mit dem Dienstwagen etwas schneller fahre? Wenn die Hallentür einen Moment offen bleibt? Wenn die Büros ein Grad wärmer sind? Konkrete Handlungen wirken für sich genommen unbedeutend, erzeugen aber in der Masse messbare Risiken und Schäden. Wie können Nachhaltigkeitsmanager vor diesem Hintergrund argumentieren, ohne kleinkariert zu wirken?

    1. Ein uraltes Rätsel

    Wann wird aus einzelnen Körnern ein Haufen? Ein Korn ist keiner, zwei auch nicht, drei ebenso wenig – aber irgendwann liegt ein Haufen vor. Ab welcher Zahl, weiß niemand. Dieses Sorites‑Paradox beschäftigt Philosophen seit der Antike. Für ESG‑Manager ist es mehr als Spielerei. Die Frage betrifft jede Organisation: Wie viele kleine Abweichungen von Vorgaben braucht es, bis Wirkung und Risiko messbar werden – bei Nachhaltigkeit, Arbeitssicherheit oder Servicequalität?

    2. Viele kleine Abweichungen – kaum sichtbar, aber wirksam

    Ob die Büros zwei Grad über Solltemperatur liegen, der Dienstwagen an der Schranke weiterläuft oder das Hallentor im Winter fünf Minuten offen bleibt: Jede einzelne Abweichung erhöht den Energieverbrauch im Unternehmen nur minimal, oft unterhalb jeder Messbarkeit. Wo genau aus dem „Nicht‑Haufen“ ein Haufen wird, bleibt unklar – auch in der Energie- und Emissionsbilanz.

     

    Ähnlich auf Systemebene: Ein einzelnes Gebäude im Landschaftsschutzgebiet zerstört nicht sofort den Charakter der Landschaft, ein zweites oder drittes vermeintlich auch nicht – bis irgendwann die Summe der Eingriffe das Gebiet faktisch entwertet. Genauso gefährdet nicht der eine Verstoß gegen Nachhaltigkeitsvorgaben die Umwelt, sondern viele kleine Verstöße, die sich zu gravierenden Effekten addieren. Jenseits eines bestimmten – unbekannten – Punktes kippt das System.

    3. Das Dilemma der fehlenden Grenze

    Damit steht der ESG‑Verantwortliche vor einem Dilemma: Es gibt keine scharfe Grenze, keinen exakten Schwellenwert, keinen „Haufen‑Indikator“. Weder Zeit‑ noch Mengen‑ noch Geldgrenzen lassen sich seriös als ultimative Linie definieren. Wer verspricht, diese Grenze exakt zu kennen, überschätzt die Präzision der Steuerungsinstrumente.

     

    Klare numerische Grenzwerte können sogar Trittbrettfahren fördern: Wer erkennt, dass sein Verhalten die definierte Schwelle noch nicht überschreitet, fühlt sich im Recht – „es ist ja noch kein Haufen“. So verfestigt sich die Haltung, dass das eigene Abweichen folgenlos bleibt. Für ESG‑Manager heißt das: Sie müssen ohne trennscharfen Grenzwert argumentieren – mit Wahrscheinlichkeiten, Aggregationseffekten und dem Risiko, dass zu viele kleine Ausnahmen letztlich das System als Ganzes untergraben.

    4. Lösungsansätze und die Frage, wo beginnt ein echter Verstoß?

    In kleinen Gemeinschaften wie einer Familie bleibt Trittbrettfahren selten unbemerkt und nie folgenlos. Wer mehr nimmt, als er gibt, bekommt Rückmeldung – notfalls Sanktionen. Größere Gemeinschaften brauchen dafür Regeln: Sie sollen verhindern, dass Einzelne systematisch profitieren, während die Kosten bei allen landen. Historisch stützen sich Gesellschaften dabei auf klare Verhaltensvorgaben. Religiöse Gebote sind der älteste Katalog – etwa die Zehn Gebote, von denen neun negativ formulieren: „Du sollst nicht …“.

     

    Im Alltag folgt menschliches Verhalten diesen Normen aber nur begrenzt. Wo endet „flexible Auslegung“, wo beginnt ein echter Verstoß? Ist eine einzelne Abweichung „menschlich“ oder schon problematisch? Die Frage, ab wann aus vielen kleinen Abweichungen ein „Haufen“ wird, bleibt offen – und damit auch der Punkt, an dem Organisationen einschreiten müssen.

    5. Wie ESG-Manager diese Paradoxien sichtbar machen

    ESG‑Manager greifen im Kern auf dieselben Mechanismen zurück: Sie definieren konkrete, messbare Vorgaben, ergänzen sie um gesetzliche Ver- und Gebote und begründen mit Argumenten, warum Nachhaltigkeit für das Unternehmen notwendig sei – ökologisch und ökonomisch. Doch Regeln und Appelle alleine reichen nicht. Entscheidend ist, ob sie das tatsächliche Verhalten in Prozessen und Entscheidungen verändern. Jeder Versuch, das Haufen‑Problem formal „zu lösen“, scheitert daran, dass er menschliche Überzeugungen unplausibel vereinfachen müsste. Sinnvoller ist es, das Paradox sichtbar zu machen – und mit prägnanten Bildern zu arbeiten, die Trittbrettfahren als das zeigen, was es ist: ein kollektives Risiko.

    6. Das Szenario der Trittbrettfahrer

    Ein weiteres Gedankenexperiment dreht sich direkt um das Trittbrettfahren. Es lassen sich drei Fälle konstruieren:

     

    • Alle treten als Trittbrettfahrer auf – das gemeinsame Projekt scheitert, mein Beitrag würde daran nichts ändern.
    • Niemand außer mir tritt als Trittbrettfahrer auf – das Projekt gelingt auch ohne meinen Beitrag, also „lohnt“ sich Trittbrettfahren.
    • Einige Menschen sind Trittbrettfahrer, andere nicht. Dann sollte ich nur Trittbrettfahren, wenn die anderen genug zum Projekt beitragen, dass dies auch ohne meinen Beitrag gelingt.

     

    Dieses Bild erläutert, was Trittbrettfahren tatsächlich bewirkt. Die einzelne Handlung mag eine Kleinigkeit sein, dass Gesamtbild zeigt dennoch verheerenden Folgen auf.

    7. Kipppunkte und Instabilität

    Damit taucht sofort die Frage nach Grenzpunkten auf: Wo liegt die Schwelle, an der das Projekt kippt? Wenn dieser Punkt unklar oder umstritten ist, lädt er zum Trittbrettfahren ein. Kipppunkte lassen sich zudem fast immer erst im Rückblick erkennen – wenn der Staat, die Organisation oder das Projekt den kritischen Punkt bereits überschritten hat.

     

    Selbst wenn es keinen exakten Kipppunkt gibt, folgt aus der Logik: Man solle erst dann beitragen, wenn die Situation „knapp unterhalb“ der Schwelle ist. Wenn alle so kalkulieren, wird im letzten Moment gehandelt. Überschätzt ein einziger Akteur den verbleibenden Spielraum, scheitert das Projekt insgesamt – eine hochgradig instabile Konstellation. Für ESG‑Verantwortliche wäre dies ein extrem riskanter Steuerungsmodus.

    8. Eine pragmatische Faustregel

    Eine pragmatische Faustregel lautet daher: Leisten Sie Ihren Beitrag, wenn der langfristige Nutzen einer gemeinsamen Anstrengung nach Ihrer Einschätzung mindestens so hoch ist wie die Kosten Ihres Beitrags. Für ESG‑Manager heißt das: Sie müssen Nutzen und Risiko solcher kollektiven Anstrengungen betriebswirtschaftlich greifbar machen – mit Szenarien, Kennzahlen und klaren Entscheidungsvorlagen, nicht mit moralischem Zeigefinger.

     

    FAZIT — Trittbrettfahren ist für Nachhaltigkeit im Unternehmen ein Kernproblem. Der Trittbrettfahrer lehnt Vorgaben nicht offen ab und verstößt auch nicht ständig dagegen – er findet für jede einzelne Abweichung eine „plausible“ Begründung. Er betrachtet sein Verhalten als einzelnes Weizenkorn, nicht als Teil des Haufens. Genau diese Summe vieler kleiner Verstöße sieht der Nachhaltigkeitsmanager – und er muss sie adressieren.

     

    Weil sich kein Trittbrettfahrer freiwillig so nennt, kann die Antwort nur an alle Mitarbeitenden gerichtet sein, ohne sie unter Generalverdacht zu stellen. Aufgabe des ESG‑Managers ist es, das Phänomen sichtbar zu machen und Mitarbeitende zu ermutigen, erkennbares Trittbrettfahren anzusprechen.

     

    Präsenzschulungen eignen sich, um die Einstiegfrage „Wie viele Körner ergeben einen Haufen?“ zu diskutieren – und dann den Bogen zur Praxis zu schlagen: ab wann kleine Abweichungen im Unternehmen zusammen messbare Nachhaltigkeitsschäden verursachen.

     

    Weiterführender Hinweis

    • Jonathan Aldred, Der korrumpierte Mensch, Klett-Cotta, Stuttgart, 2019
    Quelle: ID 50813458