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  • · Fachbeitrag · Interview zum Sustainability Transformation Monitor (STM26)

    Struktureller Fortschritt bei nachlassender Dynamik – wie weit fortgeschritten ist die Nachhaltigkeit in der Realwirtschaft?

    Seit fünf Jahren analysiert die Bertelsmann Stiftung regelmäßig, wie weit die Transformation in Sachen Nachhaltigkeit innerhalb der deutschen Real- und Finanzwirtschaft fortgeschritten ist. Nach einer Phase hoher Veränderungsgeschwindigkeit zeigte sich schon in der letzten Erhebung, dem STM25, dass das Thema Gegenwind bekommt. Im aktuellen Report setzt sich dieser Trend fort. Jakob Kunzlmann, Projektverantwortlicher und Studienautor, spricht – im Interview mit Alexandra Buba – von einer Phase der Konsolidierung und gibt einen Ausblick.

     

    Frage: Herr Kunzlmann, welche Entwicklung zum Thema „Nachhaltigkeit“ lässt sich an der Reihe „Sustainability Transformation Monitor“ ablesen?

     

    Antwort: In meinen Vorträgen illustriere ich diese Frage immer anhand der Überschriften der jeweiligen Pressemitteilungen. Die lauten, beginnend mit 2021 zunächst „wird wichtiger“, „wird in der Wirtschaft immer wichtiger“, „Mehrheit rückt Nachhaltigkeit ins Zentrum“ und verändern sich ab 2025 zu „politische Unsicherheit bremst Nachhaltigkeit aus“ und zuletzt „die Dynamik ist dahin“. Doch ich möchte betonen, dass die Unternehmen momentan die Dinge nicht zurückdrehen, sie bauen nur nicht weiter auf.

     

    Frage: Was verraten Ihnen die Daten hier ganz konkret?

     

    Antwort: Es gibt keinen Rückbau, das ist vielleicht das Wichtigste, das wäre betriebswirtschaftlich i. d. R. nicht sinnvoll, und das wissen die Unternehmen. Insofern besteht eine gewisse Diskrepanz zu dem, was in der öffentlichen Debatte als Backlash stark thematisiert wird. Jedoch investieren die Unternehmen derzeit nicht mehr so stark in Nachhaltigkeit wie in den Vorjahren, wo Stäbe und Abteilungen aufgebaut worden sind.

     

    Inzwischen wird die Treiberwirkung der Politik durch Unternehmens als nichtmehr so stark, sogar überwiegend als Hemmnis wahrgenommen. Dies hat mit dem Zurückfahren von Regulator in dem Bereich zu tun. Auch gibt es noch zu wenig Marktanreize, für nachhaltigere Produkte und Dienstleistungen, deshalb wird das Thema de-priorisiert. Man kann sagen, es hat eine Phase der Konsolidierung eingesetzt, die dem Thema im Übrigen nicht unbedingt schadet, denn es muss pragmatisch über das Thema gesprochen werden und es ist offensichtlich, dass es nicht immer ein win-win ist, sondern es vielmehr auch Zielkonflikte gibt.

     

    Frage: Wie meinen Sie das?

     

    Antwort: Das Thema „Nachhaltigkeit“ muss sich neu beweisen, um weiterhin vorangetrieben zu werden. Das sollte nicht mutlos machen, denn derzeit befinden wir uns selbstverständlich auf einem wesentlichen höheren Niveau als vor fünf Jahren. Was kaum an Dynamik eingebüßt hat, ist die Dekarbonisierung, diese wird insbesondere auch im Mittelstand stark vorangetrieben, hier erfassen jetzt sehr viele ihre Scope 1-, Scope 2- und Scope 3-Emissionen und setzen sich selbst Klimaziele. Das liegt daran, dass dies nicht nur gut messbare Parameter sind, sondern davon ausgegangen wird, dass höhere CO 2 -Preise kommen.

     

    Frage: Wovon haben sich die Unternehmen im Gegensatz zur Dekarbonisierung weiter entfernt?

     

    Antwort: Das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzierung kommt scheinbar noch nicht in der Breite der Wirtschaft an. Die Produkte der Banken hierzu werden noch nicht in der Breite nachgefragt, auch wenn jene sich stark in diesem Bereich als Transformationsbegleiter positioniert haben – ein großes Geschäftsfeld aufgrund des hohen Investitionsbedarfs der Realwirtschaft und zudem Verpflichtung durch Aufsichtsbehörden. Auch der Personalmarkt ist schwieriger geworden, die Unternehmen schaffen wenig neue Stellen im Bereich Nachhaltigkeit.

     

    Frage: Wie agieren diejenigen Unternehmen, die der Omnibus aus der Reportingpflicht entlassen hat?

     

    Antwort: Ich glaube, das sind rund 41.000 innerhalb der EU, die davon betroffen sind. Laut unserer Befragung bleiben drei Viertel von ihnen trotzdem dabei und wollen in den kommenden Jahren einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen, dabei setzen sie vielfach auf den VS-Standard, den Nachfolger des VSME-Standards, der eigentlich für kleinere Organisationen mit bis zu 250 Mitarbeitenden gedacht war. Er wird jetzt von vielen Unternehmen bis 1.000 Mitarbeiter freiwillig genutzt – was uns positiv überrascht hat. Der Mittelstand hat offensichtlich die Chance zur strategischen Weiterentwicklung des eigenen Unternehmens durch die Nutzung von Nachhaltigkeitsinformationen erkannt.

     

    Frage: Die Fakten sind also viel positiver als die gefühlte Realität?

     

    Antwort: Das Thema Nachhaltigkeit in der Wirtschaft bekommt Gegenwind, aber der überwiegende Teil der Unternehmen bleibt bei dem, was in den letzten Jahren aufgebaut und angestoßen wurde.

     

    Frage: Was erwarten Sie für die Zukunft?

     

    Antwort: Wenn es keine weiteren massiven geopolitischen Verwerfungen gibt, werden die Unternehmen bei dem bleiben, was sie tun. Ich erwarte keine große Reduktion der Ressourcen im Bereich Nachhaltigkeit, solange sich die wirtschaftliche Lage nicht dramatisch verschlechtert. Den Unternehmen wird wichtig bleiben, zu dekarbonisieren, die Resilienz etwa ihrer Lieferketten zu stärken und ihr Geschäftsmodell fit für die nächsten Jahre zu machen. Insofern kann man die Weltlage mit etwas Zynismus auch als Treiber für mehr Nachhaltigkeit sehen. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Abhängigkeiten von Energie und Rohstoffen werden immer mehr zum Risiko, hier heißt es klug und vorausschauend zu handeln.

     

    Frage: Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

     

    Antwort: Das Wichtigste wäre momentan, Marktanreize zu schaffen, wenn man das Thema voranbringen will. Dazu gehört auch der Abbau klimaschädlicher Subventionen. Außerdem ließen sich beispielsweise Leitmärkte in der öffentlichen Beschaffung erzeugen. Zentral ist vor allem Planungssicherheit für Unternehmen, nur dann wird investiert: Ein einmal eingeschlagener Kurs sollte beibehalten werden und nicht alle paar Jahre geändert werden. Hier kann man Berichtspflichten für Unternehmen, das Verbrenner-Aus aber auch die wieder aufflammende Diskussion um ETS2, also den erweiterten Emissionshandel nennen.

     

    Frage: Lassen Sie uns noch auf die Unternehmen selbst schauen – was raten Sie diesen?

     

    Antwort: Sie sollten versuchen, Nachhaltigkeit als Werttreiber in die Steuerung zu überführen, ihre Wertschöpfungsketten diversifizieren und Abhängigkeiten reduzieren. Letztlich hilft vor allem die Erkenntnis, dass ich mithilfe des Instrumentariums zur Nachhaltigkeitsbetrachtung mehr über meine Organisation lerne und sie dadurch besser steuern kann.

     

    Sustainability Transformation Monitor (STM)*

    Ziel des Sustainability Transformation Monitor (STM) ist es, die Nachhaltigkeitstransformation der Wirtschaft evidenzbasiert abzubilden und den Status-Quo und die Treiber und Hemmnisse zu erheben. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem effektiven Zusammenwirken von Real- und Finanzwirtschaft in der Transformation hin zu nachhaltigeren und damit widerstandsfähigeren Wirtschaftsstrukturen.

     

    *der Bertelsmann Stiftung, der Stiftung Mercator, der Universität Hamburg und der Peer School for Sustainable Development

    Quelle: ID 50833707