· Fachbeitrag · Interview zum Nachhaltigkeitsmanagement in der Berufspraxis
„Noch kein Projekt erlebt, das sich nicht auch rechnen ließe“
Alexandra Buba im Gespräch mit Susanne Horn, Director Corporate Development beim Blitz- und Überspannungsschutz-Spezialisten DEHN
In Zeiten knapperer Kassen sparen Unternehmen nicht zuletzt an der Nachhaltigkeit. Was bedeutet das für die ESG-Verantwortlichen? Wie können sie ihren Anliegen weiterhin Gewicht verleihen? Susanne Horn verantwortet das Thema bei DEHN in Neumarkt in Bayern – und kennt die schlagkräftigsten Argumente.
Frage: Frau Horn, spüren Sie Auswirkungen des aktuellen politischen und gesellschaftlichen Klimas auf Ihren Job?
Antwort: Wenn man schon lange in dem Thema unterwegs ist, hat man in Wellen schon öfter gedacht: Jetzt bekommt die Sache die finale Durchschlagskraft – zuletzt unter der Ampelregierung. Jedoch haben wir wieder gelernt, dass wir einen längeren Atem brauchen. Allerdings muss sich davon gewiss niemand ausbremsen lassen, denn wer etwas umsetzen will, braucht dafür keinen bürokratischen Ansatz. Bedeutsamer als alle politischen Kurswechsel ist in der Praxis ohnehin die Überzeugung für die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit und die wirtschaftliche Situation der Unternehmen – und diese hat sich bei vielen Unternehmen zuletzt so verschlechtert, dass alle, die ESG nur als Pflichtübung im Sinne der CSRD begreifen, über die vermeintlichen Erleichterungen seitens der Politik froh sind.
Frage: Warum klassifizieren Sie die Erleichterungen als ‚vermeintlich‘?
Antwort: Nun, jeder, der Nachhaltigkeit von der Sache her verfolgt, weiß, dass es unerheblich ist, ob die Politik nun heute davon absieht, die Unternehmen zur Erstellung eines Klimatransaktionsplans zu verpflichten. Denn die klimatischen Folgen werden eintreten – darauf muss sich jedes Unternehmen rechtzeitig und planvoll einstellen. Schwierig ist aber natürlich die Unsicherheit, die mit den permanenten gesetzlichen Änderungen einhergeht. Wir haben uns z. B. intensiv mit der Entwaldungsverordnung auseinandergesetzt – bei DEHN ist Kautschuk der relevante Rohstoff in der Lieferkette – und ein Tool für die Nachverfolgungspflicht eingeführt. Was sollen wir jetzt damit machen?
Frage: Was machen Sie denn damit?
Antwort: Wir setzen es trotzdem ein – und schauen mal, was in einem Jahr passiert. Wird die EUDR dann Pflicht, freuen wir uns. Andernfalls stehen wir weiterhin voll hinter der Intention, dass möglichst wenig Wald für unsere Produkte weichen muss und wir geben das auch nicht mehr auf. Ich halte es nicht für einen sinnvollen Ansatz, nur getrieben von Nachweispflichten zu agieren.
Frage: Wie ist die Nachhaltigkeitsarbeit bei DEHN organisiert?
Antwort: Wir sind ein dezentrales Team – als weltweit tätiges Unternehmen wäre alles andere nicht sinnvoll. Sie können nicht zentral Nachhaltigkeit von Deutschland aus in China verfolgen. Dazu brauchen Sie jemanden, der die dortige Kultur versteht und die Handlungsoptionen vor Ort kennt, in unserem Fall ist das ein chinesischer Mitarbeiter. Hier im Headquarter in Neumarkt kümmern sich zwei Mitarbeitende um den übergeordneten Kontext im Sinne einer unternehmensweiten Nachhaltigkeitsstrategie. Daneben haben wir eine ganze Reihe von Teammitgliedern aus bestimmten Fachbereichen wie etwa einen Energiemanager oder einen Experten für das Thema Arbeitsschutz. Wir treffen uns als Gesamtteam einmal im Monat, um uns gegenseitig ein Update zu geben und die nächsten Schritte zu besprechen.
Frage: Insgesamt machen Ihre Aktivitäten im Bereich ESG einen eher unaufgeregten Eindruck – weshalb ist das so?
Antwort: Dr. Philipp Dehn, unser CEO hat zu Beginn unseres – erstmals organisierten – Engagements in diesem Bereich gefragt: ‚Was soll der Hype? Das tun wir doch schon immer.‘ Damit hat er Recht. Schon die Gründerväter von DEHN haben vor über 115 Jahren ihre Mitarbeitenden ausgebildet und ihnen Perspektiven eröffnet, sodass sie sich beruflich weiterentwickeln konnten – etwas, das wir heute unter dem ‚S‘ subsumieren würden. Insofern tun wir gar nicht viel anderes als früher.
Frage: Hat die Gründungszeit tatsächlich noch etwas mit der Gegenwart und der Erfüllung der CSRD zu tun?
Antwort: Aber ja, uns ist es immer wichtig, an unseren Niederlassungen das gesellschaftliche und soziale Umfeld positiv zu entwickeln. Zum Beispiel unterstützen wir in Indien ein Waisenhaus für Mädchen in der Nähe unseres Standorts. Der Beginn dieser und ähnlicher Aktivitäten liegt oftmals weit vor dem Startpunkt unserer organisierten Nachhaltigkeitsarbeit, den ich mit der ISO-Zertifizierung nach 50001 im Jahr 2014 als gegeben sehen würde. Jene attestierte die erfolgreiche Einführung eines Energiemanagementsystems zur systematischen Reduzierung von CO 2 -Emissionen.
Frage: Was ist heute Ihr wichtigstes Argument für ungebrochenes Commitment in Sachen ESG?
Antwort: Gesellschaftliche Verpflichtung und nicht zuletzt Geld – denn nachhaltiges Handeln spart am langen Ende ja immer Ressourcen und damit Finanzmittel ein. Wenn ich mir z. B. die ökologische Nachhaltigkeit anschaue, dann merke ich schnell, wie Kreislaufwirtschaft und der Einsatz recycelter Materialien diese nicht nur billiger, sondern auch verlässlicher verfügbar macht. Ich senke meine Einkaufskosten und gewinne dabei Rohstoffsicherheit. Oder wenn ich dafür sorge, dass meine Mitarbeitenden gesund bleiben – dann spart das mittelfristig Personalkosten ein, und das sind die wirklichen Argumente für nachhaltigeres Handeln.
Frage: Viele, die im Bereich Nachhaltigkeit tätig sind, tun dies aus Überzeugung und mit jeder Menge intrinsischer Motivation. Wie ist das bei Ihnen?
Antwort: Natürlich agieren wir aus einer idealistischen Grundhaltung heraus – aber ich habe noch kein Projekt erlebt, das sich nicht auch rechnen ließe. Das ist es, was letztlich überzeugt. Die Überzeugung darf natürlich nicht fehlen, denn sonst werden nachhaltige Projekte gar nicht erst angestoßen. In unserer Branche spielen weniger die Menschenrechte unserer Mitarbeitenden unmittelbar in der Produktion eine herausfordernde Rolle, da die Fertigung hochtechnisiert ist. Dafür haben wir bei den Rohstoffen Ansatzpunkte, denn wir benötigen Stahl in allen Variationen, Kupfer, seltene Erden und Kunststoffe. Der jeweilige Ursprung macht eine Reihe von Tätigkeitsfeldern auf. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz hat uns hier geholfen, die Dinge ins Rollen zu bringen.
Frage: Wie schätzen Sie generell die Situation in der Elektronikproduktion ein – sind die ESG-Inhalte hier flächendeckend angekommen?
Antwort: Die Branche ist sehr heterogen, und vor allem sind viele nicht im B2C-Geschäft tätig, weshalb der Druck seitens der Konsumenten und Öffentlichkeit, nachhaltiger zu produzieren, kaum spürbar ist. Das lässt einige zögern oder bewusst Dinge ignorieren. Allerdings stoßen wir über den Zentralverband der Elektroindustrie einiges an, wie etwa den digitalen Produktpass.
Frage: Woraus ziehen Sie persönlich Ihre Motivation?
Antwort: Für mich ist es ungemein motivierend, wenn Dinge funktionieren, Früchte tragen und Menschen davon begeistert sind. Wir haben hier Ende letzten Jahres drei Tage lang Nachhaltigkeitstage quasi als Hausmesse für unsere Mitarbeitenden in Neumarkt und Mühlhausen veranstaltet, ein bisschen etwas aufgebaut, um einfach zu zeigen, wie wir bei dem Thema unterwegs sind. Dabei kam einige Kolleginnen und Kollegen auf mich zu, haben nachgefragt und betont, wie beeindruckend es sei, was wir alles leisten. Das hat mir und dem gesamten Nachhaltigkeitsteam unheimlich viel Auftrieb gegeben.
Frage: Gibt es einen generellen Tipp, den Sie Nachhaltigkeitsverantwortlichen geben könnten?
Antwort: Wir versuchen, alles im Einvernehmen zu machen und die persönlichen Grenzen der Kollegen zu wahren. Darüber hinaus gilt, Nachhaltigkeit als Säule der Unternehmensstrategie so zu etablieren, dass man sie nicht mehr wegdiskutieren kann. Letztlich ist es auch ein Persönlichkeitsthema, wie ich mit dem Gegenwind in diesem Job umgehe. Natürlich kann ich mir immer vor Augen führen, was alles nicht klappt. Wir machen es aber umgekehrt: Einmal pro Jahr treffen wir uns und machen uns bewusst, was wir alles in den zurückliegenden zwölf Monaten erreicht haben. Niemand muss sich schließlich zwangsläufig von der gegenwärtig eher negativen Stimmung anstecken lassen.
Weiterführende Hinweise
- DEHN ist ein international tätiges Familienunternehmen der Elektrotechnik mit Sitz in Neumarkt i. d. Oberpfalz/Bayern. Das Unternehmen bietet Lösungen und Services für die Bereiche Blitz-, Überspannungs- und Arbeitsschutz, und verfügt über mehr als 900 Patente und Gebrauchsmuster in diesen Bereichen. Mit weltweit mehr als 2.500 Mitarbeitenden und 23 Auslandstochtergesellschaften in 70 Ländern erzielte DEHN im Geschäftsjahr 2024/2025 einen Umsatz von rund 465 Mio. EUR.