· Fachbeitrag · Freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung
„Nachhaltigkeit sichtbar machen“ – Wie die FHM ihren freiwilligen Nachhaltigkeitsbericht nach VSME umgesetzt hat
Der erste Nachhaltigkeitsbericht der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) zeigt, dass Nachhaltigkeit strategisch verankert, wissenschaftlich fundiert und praxisnah umgesetzt wird. Die FHM gehört damit zu den ersten Hochschulen, die den VSME-Standard anwenden – und sie setzt damit ein starkes Zeichen für Transparenz, Verantwortung und Zukunftsfähigkeit. Im Interview mit Professorin Dr. Metje Rocklage erfahren Sie mehr dazu, wie man Nachhaltigkeit messbar, nachvollziehbar und anschlussfähig darstellt.
Frage: Frau Prof. Dr. Rocklage, Sie verantworten den ersten Nachhaltigkeitsbericht der FHM nach dem neuen VSME-Standard. Was war Ihre Motivation, diesen Schritt jetzt zu gehen?
Antwort: Die FHM versteht Nachhaltigkeit als Bildungs- und Transformationsauftrag. Wir bilden Fach- und Führungskräfte aus, die künftig Verantwortung übernehmen und nachhaltige Entscheidungen treffen müssen. Deshalb wollten wir als Hochschule selbst zeigen, wie Nachhaltigkeit strukturiert, transparent und strategisch verankert werden kann.
Der VSME-Standard ist dafür ideal: Er ist pragmatisch, mittelstands-orientiert und kompatibel mit den Anforderungen der CSRD. Genau das brauchen KMU – und genau das wollen wir ihnen vorleben. Unser Bericht soll nicht nur informieren, sondern auch ein Beispiel dafür sein, wie man Nachhaltigkeit messbar, nachvollziehbar und anschlussfähig darstellt.
Frage: Wie sind Sie methodisch vorgegangen? Was waren die wichtigsten Schritte?
Antwort: Der Bericht basiert auf einer klaren Struktur – und auf echter Beteiligung. Wir haben uns bewusst für einen wissenschaftlich fundierten, aber praxisnahen Prozess entschieden. Die Doppelte Wesentlichkeitsanalyse (DWA) war das Herzstück. Wir haben untersucht:
- Welche Auswirkungen hat die FHM auf Umwelt und Gesellschaft (Impact-Dimension)
- Welche Themen sind für die strategische und finanzielle Entwicklung der Hochschule relevant (Financial-Dimension)
Diese Analyse erfolgte in einem interdisziplinären Workshop mit Geschäftsführung, Rektorat, Forschung, Lehre und Marketing. Wir haben Studierende, Mitarbeitende, Professorinnen und Dozierende in einem zweiten Workshop eingebunden. Die Validierung durch die Hochschulgemeinschaft war entscheidend, um die Themen realistisch zu priorisieren. Am Ende validierten wir die Ergebnisse im Rahmen eines strukturierten Post-it-Mappings gemeinsam.
Aus der Analyse ergab sich eine Priorisierung der Handlungsfelder in fünf zentrale Bereiche:
- E1 Klimawandel und Energieeffizienz
- E5 Kreislaufwirtschaft und Ressourcen
- S1 Arbeitskräfte der Organisation
- S5 Verbraucher und Endnutzer (Bildungszugang, Kommunikation)
- G1 Unternehmensführung und Compliance
Diese Felder bilden die Grundlage für alle Maßnahmen und die gesamte Berichterstattung.
Frage: Was waren die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?
Antwort: Die größte Herausforderung bei der Erstellung unseres ersten Nachhaltigkeitsberichts lag in der strukturierten Zusammenführung aller relevanten Daten. Eine Hochschule mit neun Standorten, mehreren tausend Studierenden und zahlreichen Forschungs- und Verwaltungsbereichen erzeugt eine große Menge heterogener Informationen, die zunächst in ein konsistentes System überführt werden mussten.
Zudem mussten wir entscheiden, welche Informationen für den Bericht relevant sind und welche aus organisatorischen Gründen in die freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung nicht aufgenommen wurden. Ein transparentes und verlässliches Gesamtbild zu entwickeln, war unser Ziel.
Hinzu kam die Komplexität des VSME Standards selbst: Auch wenn er pragmatischer ist als die ESRS, verlangt er eine klare Struktur, nachvollziehbare Herleitungen und Begründungen. Die Herausforderung bestand darin, diese Anforderungen so umzusetzen, dass sie sowohl für Hochschulen als auch für mittelständische Unternehmen verständlich und praxistauglich bleiben.
Frage: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Studium und Lehre?
Antwort: In Studium und Lehre spielt Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Alle Studierenden der FHM absolvieren ein Modul zu nachhaltiger Unternehmensführung. Nachhaltigkeit ist heute eine Schlüsselkompetenz für die Fach- und Führungskräfte von morgen. Deshalb vermitteln wir sie systematisch im Rahmen eines festen Moduls in allen Studiengängen. Damit ist Nachhaltigkeit nicht nur ein Berichtsthema, sondern ein Bildungsauftrag. Wir qualifizieren die Generation, die künftig die Transformation in Unternehmen gestalten wird.
Frage: Was bedeutet der Bericht für die FHM – und für den Mittelstand?
Antwort: Für die FHM ist der Bericht ein strategisches Instrument. Er zeigt, wo wir stehen, wo wir Potenziale haben und wie wir Nachhaltigkeit langfristig verankern. Wir zeigen, wie man mit begrenzten Ressourcen einen strukturierten, transparenten und anschlussfähigen Bericht erstellt – ohne Überforderung. Der VSME ist dafür ideal, weil er die Realität von KMU abbildet. Er steht für einen pragmatischen Ansatz: Er übersetzt komplexe Anforderungen in ein System, das sich an den realen Bedingungen des Mittelstands orientiert.
Frage: Was empfehlen Sie Organisationen, die erstmal berichten wollen?
Antwort: Organisationen, die erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen, sollten vor allem strukturiert und pragmatisch beginnen. Ein guter Einstieg ist die Wesentlichkeitsanalyse, denn sie schafft Klarheit darüber, welche Themen wirklich relevant sind und wo Prioritäten gesetzt werden müssen. Ebenso wichtig ist die Beteiligung: Nachhaltigkeit gelingt nur im Team, unabhängig davon, ob es sich um eine Hochschule oder ein mittelständisches Unternehmen handelt. Erst wenn verschiedene Bereiche eingebunden sind, entsteht ein realistisches und tragfähiges Bild.
Schließlich empfehle ich, sich an anerkannten Standards zu orientieren, dabei aber pragmatisch zu bleiben. Der VSME-Standard ist dafür ein idealer Ausgangspunkt, weil er anschlussfähig an die ESRS ist, ohne Organisationen zu überfordern. So lässt sich ein
Frage: Was sind die nächsten Schritte der FHM?
Antwort: Wir werden Nachhaltigkeit weiter systematisch ausbauen – in Lehre, Forschung, Verwaltung und Betrieb. Die DWA wird regelmäßig aktualisiert, neue Themen werden integriert, und wir werden unsere Datenbasis weiter professionalisieren. Nachhaltigkeit ist kein Sprint, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Unser Ziel ist klar: Die FHM soll eine der führenden nachhaltigen Hochschulen im Mittelstand werden.
Vielen Dank, Frau Prof. Dr. Rocklage, für die spannenden Einblicke in die Umsetzung des freiwilligen Nachhaltigkeitsberichts an der Fachhochschule des Mittelstands.
Weiterführende Hinweise
- Den vollständigen Nachhaltigkeitsbericht gibt es jetzt auf unserer Website zum Download, www.iww.de/s16025
- Die Fachhochschule des Mittelstands (FHM) ist eine der führenden privaten Hochschulen in Deutschland und als gemeinnützige Hochschule staatlich anerkannt, https://www.fh-mittelstand.de/
- Studiengange und Weiterbildungen zum Thema Nachhaltigkeit: Nachhaltigkeits- und Klimamanagement (M.A.), www.iww.de/s16026; Akademische Weiterbildung zur/zum Nachhaltigkeitsmanager/in (FHM), www.iww.de/s12282; Weiterbildung Nachhaltigkeitsmanagement und -berichterstattung (FHM), www.iww.de/s16027
Zur Interviewpartnerin — Prof. Dr. Metje Rocklage ist Professorin für Nachhaltigkeitsmanagement und -berichterstattung an der FHM in Bielefeld.