· Fachbeitrag · Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Modeindustrie
Fast Fashion in der Krise: Wie aus linearem Konsum zirkuläre Veranwortung werden kann
Ramona Möllers, Masterstudentin im Bereich Circular Textile Design an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
| Die globale Mode- und Textilindustrie steckt in der Krise. Überproduktion, kurze Nutzungszyklen und wachsende Mengen textiler Abfälle prägen das lineare System, das gravierende Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft hat. Gleichzeitig wächst das Interesse an nachhaltig produzierten Textilien und grünen Lösungsansätzen. Doch diese Entwicklung steht deutlich im Widerspruch zur Realität. Was bedeutet Nachhaltigkeit unter diesen Bedingungen wirklich und wie kann sie in einer global vernetzten, von Überproduktion geprägten Industrie wirksam umgesetzt werden? Dieser Artikel lädt zu einem Perspektivenwechsel ein und zeigt, warum Recycling, Zirkularität und Übernahme von Verantwortung nur im Zusammenspiel aller relevanten Akteure zu einer grundlegenden Transformation führen können. |
1. Die Schattenseite der Mode- und Textilindustrie
Die globale Modeindustrie boomt und mit ihr der Konsum. Jährlich werden inzwischen rund 150 Mrd. Kleidungsstücke produziert – etwa doppelt so viele wie 2012. Gleichzeitig hat sich die Tragedauer halbiert. Im Durchschnitt kaufen Europäer jedes Jahr fast 26 kg Textilien und werfen etwa 11 kg davon weg. Ein Großteil dieser Kleidung bleibt nicht in heimischen Kreisläufen, sondern landet als Secondhand-Textil im globalen Süden – oft ohne tragfähige Recycling- oder Entsorgungsstrukturen.
Trotz dieser Entwicklung wächst das Bewusstsein der Konsumenten für nachhaltige Mode. Dementsprechend wächst auch der Markt für nachhaltige Textilien, in dem immer mehr Modeunternehmen mit recycelten Materialien, „grünen“ Kollektionen und Klimaneutralität werben. Dem steht jedoch gegenüber: Weniger als ein Prozent der weltweit produzierten Textilien werden tatsächlich zu neuen Fasern recycelt. Die Branche bleibt weitgehend linear – von der Faser bis zur Deponie.
Politisch ist der Wandel längst angestoßen. Der Europäische Green Deal und die EU-Textilstrategie zielen darauf ab, bis 2030 alle in Europa verkauften Textilien haltbar, reparierbar und recycelbar zu machen. Hersteller sollen Verantwortung für ihre Produkte über den Verkauf hinaus übernehmen. Nationale und europäische Regeln zu Lieferketten, Chemikalien und Berichtspflichten schärfen den Rahmen.
Ein T-Shirt kostet heute oft weniger als eine Tasse Kaffee – und ist selten für einen jahrelangen Gebrauch gedacht. Der Begriff Fast Fashion beschreibt das Phänomen einer beschleunigten Modekultur treffend.
Der wachsende Onlinehandel beschleunigt diesen Trend, da Kleidung so zugänglich, günstig und austauschbar ist wie nie zuvor. Social Media und Influencer treiben den Konsum zusätzlich an, indem sie kontinuierlich neue Trends und Kaufanreize setzen.
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Verbraucher in Deutschland kaufen im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr, von denen jedes Fünfte kaum oder gar nicht getragen wird. |
Die Folgen dieser Konsumspirale sind global spürbar. Die Textilindustrie verursacht bis zu 10 % der weltweiten Treibhausgasemissionen – mehr als der Schiffs- und Flugverkehr zusammen – und zählt damit zu den größten Verursachern von Wasserverschmutzung.
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Mehr als 80 % der ökologischen Belastungen entlang der textilen Wertschöpfungskette entstehen in Ländern des globalen Südens, wo der Großteil der Kleidung gefertigt und später deponiert wird. |
2. Das Dilemma synthetischer Textilfasern
Trotz bekannter Umweltauswirkungen wächst die Branche weiter. Im Jahr 2023 wurden weltweit rund 124 Mio. Tonnen textile Fasern hergestellt – doppelt so viel wie zu Beginn des Jahrtausends. Diese Menge umfasst sämtliche Fasern, die für Bekleidung, Heimtextilien, Schuhe und technische Anwendungen eingesetzt werden.
2.1 Polyester: fossil basiert mit hoher Haltbarkeit
Synthetische Fasern dominieren den Markt – allen voran Polyester. Der Stoff ist günstig, robust, vielseitig – ideal für Fast Fashion, aber ökologisch problematisch. Polyester basiert auf fossilen Rohstoffen, verrottet nicht und setzt Mikroplastik frei – beim Waschen, Tragen und Entsorgen.
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Bei einer einzelnen Wäsche von Polyesterkleidung können bis zu 700.000 Mikroplastikfasern freigesetzt werden, die in Flüsse, Meere und letztendlich in unsere Nahrungskette gelangen. |
2.2 Baumwolle: ressourcenintensiv trotz natürlicher Herkunft
Baumwolle gilt als natürliche Alternative, da sie biologisch abbaubar und frei von Mikroplastik ist. Doch auch ihr ökologischer Fußabdruck ist groß. Für die Herstellung eines einzigen T-Shirts werden im Durchschnitt rund 2.700 Liter Wasser benötigt. Dabei erfordert der Anbau der Baumwollpflanze große Mengen an Pestiziden und Düngemitteln, welche Böden, Gewässer und die Gesundheit der Landwirte belasten.
Bio-Baumwolle gilt als umweltfreundlichere Alternative, da sie ohne synthetische Chemikalien und mit geringerem Wasserverbrauch produziert wird. Doch ihr Anteil an der weltweiten Baumwollproduktion liegt weiterhin unter zwei Prozent.

2.3 Neue Chancen durch alternative Materialien
Das Faserdilemma zeigt, dass keine der dominierenden Textilfasern wirklich als nachhaltig bezeichnet werden kann. Dennoch eröffnen intensive Forschung und Materialinnovationen neue Wege, um kreislauffähige und ressourcenschonendere Alternativen zu entwickeln. Dazu zählen neben den traditionellen Naturfasern wie Hanf, Leinen oder Brennessel, neue biobasierte Materialien wie veganes Leder aus Pilzen, Kakteen, Ananasfasern oder zellulosebasierte Fasern aus Agrarabfällen und Algen. Solche Innovationen sollen fossile Rohstoffe ersetzen – und Textilien von Beginn an recyclingfähig gestalten.
3. Mehr zum Lösungsansatz: Zirkularität
Vor diesem Hintergrund gewinnen zirkuläre Ansätze zunehmend an Bedeutung und werden auch politisch vorangetrieben, etwa im Rahmen des Europäischen Green Deals. Ziel ist ein grundlegender Systemwechsel der Modeindustrie.
Während das bisher vorherrschende lineare Wirtschaftssystem der Modeindustrie (take, make, dispose) auf stetigen Verbrauch und Entsorgung ausgerichtet ist, setzt das zirkuläre System auf Wiederverwendung (reuse, share), Reparatur (repair, remanufacture) und Recycling. Ziel ist es, den Wert von Textilien so lange wie möglich zu erhalten, Materialien im Kreislauf zu halten und Abfallströme zu vermeiden. Zirkularität beginnt dabei nicht erst am Ende eines Produktlebens, sondern bereits beim Designprozess, in dem die spätere Nutzung, Pflege und Wiederverwertung eines Kleidungsstücks mitgedacht werden.
Zahlreiche Modeunternehmen werben mit Recycling-Initiativen und nachhaltigen Kollektionen – in der Praxis handelt es sich dabei jedoch meist nicht um ein reines Faser-zu-Faser-Recycling, sondern um die Verwendung von recyceltem Polyester, das aus PET-Flaschen gewonnen wird. Dieses Verfahren verbessert zwar die Ökobilanz einzelner Produkte, schafft jedoch keine geschlossenen textilen Kreisläufe.
Tatsächlich bestehen weniger als ein Prozent der weltweit produzierten Textilien aus recycelten Fasern. Technische Hürden wie Materialmischungen, fehlende Trenn- und Sortiertechnologien und hoher Energieaufwand sowie wirtschaftliche Nachteile gegenüber Neuware bremsen das Faser-zu-Faser-Recycling. Stattdessen dominiert Downcycling, bei dem Textilien zu minderwertigen Produkten verarbeitet werden und langfristig aus dem Kreislauf verschwinden.

4. Praxisfall: Upcycling mit WM Studio
Während das Recycling noch an technologischen und strukturellen Grenzen scheitert, zeigt das Upcycling, dass textile Kreisläufe bereits heute auf kreative Weise geschlossen werden können. Ausrangierte Textilien werden dabei vor der Entsorgung bewahrt und mit handwerklichen Techniken wie Nähen, Häkeln oder Patchwork zu neuen, langlebigen Produkten verarbeitet. Dieser Ansatz schont Ressourcen, vermeidet Abfall und fördert zugleich neue Formen von Design und Wertschätzung.
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Ein konkretes Praxisbeispiel für diesen Ansatz ist das Designstudio WM Studio (We Make Waste Matter). Ausgehend von der Überzeugung, dass textile Abfälle als wertvolle Ressource für neue Produkte genutzt werden müssen, setzt WM Studio als zirkulär agierendes Designstudio auf Upcycling von Alttextilien. Prägend war dabei die Auseinandersetzung mit den Folgen globaler Überproduktionen, Überkonsum und Altkleiderexporte, u. a. im Rahmen einer Feldrecherche auf der Dandora-Mülldeponie in Nairobi im Jahr 2024.
Daraus entstand die Idee, textile Restströme gezielt aufzuwerten. WM Studio verbindet zirkuläres Design, textile Bildung und internationale Zusammenarbeit, um Post-Consumer-Textilien vor der Entsorgung zu bewahren und in neue, langlebige Produkte (etwa Taschen, Kosmetiketuis und Laptophüllen) zu überführen. Teile der Kollektion werden mit dem Unternehmen „Africa Collect Textiles“ in Kenia gefertigt. Das schafft lokale Arbeitsplätze und zeigt, wie Upcycling zur Schließung textiler Kreisläufe beitragen kann. https://wmstudio.design |
5. Let’s close the loop – was den Wandel trägt
Damit aus theoretischen Ansätzen ein Wandel wird, braucht es mehr als Absichtserklärungen – es braucht gemeinsames Handeln. Eine zirkuläre Mode- und Textilindustrie kann nur entstehen, wenn Designer, Mode- und Textilunternehmen, Politik und Konsumenten Verantwortung übernehmen und gemeinsam neue Wege gehen. Kleidung muss von Beginn an so entworfen werden, dass sie langlebig, reparierbar und recycelbar ist – ein Design, das Verantwortung mitdenkt. Auch neue Geschäftsmodelle wie Mieten, Tauschen oder Weitergabe können dazu beitragen, den Lebenszyklus von Textilien zu verlängern und Ressourcen zu schonen.
Politische Maßnahmen wie die EU Ökodesign-Strategie, Überlegungen zur erweiterten Herstellerverantwortung, der digitale Produktpass, das Lieferkettengesetz usw. – etwa das geplante Fast-Fashion-Verbot in Frankreich – schaffen wichtige Rahmenbedingungen, um diesen Wandel zu beschleunigen. Forschung, Materialinnovation und Bildung sind dabei zentral.
Veränderung beginnt nicht allein in der Industrie, sondern in unserem Alltag. Jede Kaufentscheidung, jede Reparatur, jedes wiederverwendete Kleidungsstück ist Teil dieses Wandels. Eine nachhaltige Textilzukunft entsteht dann, wenn wir gemeinsam dafür sorgen, dass Kleidung ihren Wert behält – nicht als kurzlebiger Trend, sondern als Teil eines funktionierenden Kreislaufs.
ZUR AUTORIN | Ramona Möllers ist ausgebildete Maßschneiderin und Produktmanagerin für Modedesign und Bekleidung (B.Sc. Design Ingenieur Mode). Aktuell absolviert sie ihren Master im Textildesign. Gemeinsam mit Charlotte Weber hat sie das zirkuläre Designstudio (WM Studio) gegründet. https://wmstudio.design