· Fachbeitrag · Tool-TÜV Nachhaltigkeit testet ESG-Softwarelösungen (Folge 1)
ESG-Daten erstmals liefern: Welche Lösung passt für KMU am besten?
von Boris Arno Werschbizky, Politikwissenschaftler, Journalist und Filmproduzent, u.a. für das Wissensmagazin „Galileo“
Im „Tool-TÜV Nachhaltigkeit“ prüft PN ESG-Tools und Praxislösungen für konkrete Aufgaben im Mittelstand. Entscheidend ist nicht die Suche nach dem einen Testsieger, sondern die Frage nach dem praktischen Nutzen für KMU: Welche Lösung hilft bei welchem Problem – und mit welchem Aufwand? Zum Auftakt steht die Frage im Mittelpunkt, die viele Unternehmen 2026 konkret beschäftigt: Wie lassen sich ESG-Daten belastbar bereitstellen, wenn Kunden, Banken oder Ausschreibungen danach fragen? Der Beitrag vergleicht drei typische Einstiegswege: den DNK-Berichtsrahmen, ein VSME-Tool im Abo-Modell und ein modulares ESG-Managementsystem.
1. Auf dem Prüfstand: DNK, VSMEasy und leadity
Der Fall ist klassisch: Ein KMU muss zum ersten Mal ESG-Daten gebündelt liefern – etwa für eine Bank, einen Großkunden oder eine Ausschreibung. Ziel ist ein schneller, nachvollziehbarer ESG-Datencheck, der wiederverwendbar ist. Bewertet werden die Lösungen nach klaren Kriterien: Kosten, Aufwand, Datenimport, CO₂-Berechnung, Teamfähigkeit, Ausbaubarkeit, Nachvollziehbarkeit und Mehrwert. Im Vergleich stehen:
- die DNK-Plattform als kostenloser, öffentlicher Berichtsrahmen für den Einstieg in VSME oder ESRS,
- VSMEasy als spezialisiertes VSME-Tool für wiederkehrende Jahresberichte sowie
- leadity als modulares ESG-Managementsystem, das CO₂-Bilanz, Lieferkette, Ratings und Steuerung in einer Lösung bündelt.
2. Plötzlich nachgefragt: Der erste ESG-Datencheck
Viele Geschäftsführer haben nach der Omnibus-Reform aufgeatmet. Verständlich – aber verfrüht. Zwar trifft die direkte CSRD-Pflicht jetzt deutlich weniger Unternehmen als ursprünglich geplant. Der Bedarf an Nachhaltigkeitsdaten ist damit aber nicht vom Tisch: Großkunden fragen Scope-3-Werte ab, Banken müssen ESG-Risiken stärker in Risikomanagement und Kreditprozesse einbeziehen. Auch Ausschreibungen verlangen zunehmend Nachhaltigkeitsnachweise.
Das Ausgangsproblem ist dabei selten der Mangel an Daten, sondern ihre Streuung: Energieverbräuche, Einkaufszahlen, Lieferantennachweise und Beschäftigtendaten liegen in unterschiedlichen Systemen und Abteilungen. Oft ist unklar, welche Zahl aktuell ist, wer sie verantwortet und ob sie später belegt werden kann. Für eine einzelne Anfrage lässt sich das zusammensuchen – sobald die Anfragen aber regelmäßig kommen, wird daraus ein organisatorisches Problem.
Hier beginnt die eigentliche Frage: Welches Werkzeug bringt Ordnung in diese Daten? Für manche genügt ein kostenloser Berichtsrahmen. Andere brauchen ein VSME-Tool. Wieder andere sollten früh über ein Managementsystem nachdenken, weil CO2-Bilanz, Lieferkette, Rating und Bericht in absehbarer Zeit zusammenlaufen.
3. Ausgangssituation prüfen: Was braucht mein Unternehmen?
Die entscheidende Frage vor der Toolwahl lautet: Welches Problem steht jetzt an – und was kommt absehbar dazu? Ein einmaliger VSME-Bericht ist etwas anderes als regelmäßige CO₂-Anfragen von Großkunden plus EcoVadis-Rating und Lieferkettenthemen.
Vor dem Toolkauf hilft eine knappe, nüchterne Bestandsaufnahme:
- Wer liefert welche Daten – heute und künftig?
- Wer prüft die Daten und gibt sie frei?
- Wer nutzt die Ergebnisse?
- Welche Nachweise müssen revisionssicher vorliegen?
MERKE — Solange diese Punkte unklar sind, kann auch eine leistungsstarke Software wenig ausrichten. |
Für den Einstieg kann das EFRAG-Excel-Template genügen. Sobald mehrere Personen zuarbeiten, Zahlen jährlich fortgeschrieben werden oder CO₂ berechnet wird, stößt es an Grenzen: Versionen, Nachvollziehbarkeit, Zeitaufwand. Spätestens dann stellt sich die Frage nach der passenden Tool-Klasse, nicht mehr nach dem „Ob“.
PRAXISTIPP — Sortieren Sie Ihre Anforderungen nach drei Stufen: Reicht ein einmaliger Bericht? Kommen regelmäßig CO2-Lieferantenanfragen dazu? Oder soll ESG dauerhaft in Steuerung und Finanzierung einfließen? Schon diese grobe Einordnung zeigt, ob ein kostenloser Rahmen, ein VSME-Tool oder ein Managementsystem die passende Kategorie ist. |
4. DNK-Plattform – der kostenlose öffentliche Einstieg
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Tool-Typ | Kostenloser, öffentlich getragener Berichtsrahmen |
Betreiber | Deutscher Nachhaltigkeitskodex (DNK), eine Initiative des Rats für Nachhaltige Entwicklung; öffentlich finanziert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie |
Hauptnutzen | VSME- und ESRS-Bericht ohne Softwarekosten |
Zielgruppe | KMU, Kleinstunternehmen, freiwillig Berichtende und Unternehmen ohne eigenes Softwarebudget |
Kosten | Kostenlos |
4.1 Praxischeck
Das VSME-Modul ist seit September 2025 verfügbar; Anfang März 2026 kam der VSME-Plausibilitätscheck hinzu. Der Einstieg ist einfach: Unternehmen registrieren sich, wählen das VSME-Modul und beantworten einen geführten Fragenkatalog. Laut DNK lässt sich der fertige Bericht als Word-, PDF- oder als maschinenlesbare XBRL-Datei exportieren.
4.2 Stärken im Einsatz
Die Plattform schafft Orientierung. Unternehmen sehen, welche Angaben entlang von VSME oder ESRS relevant sind, und erhalten einen strukturierten Rahmen für den ersten Bericht. Für Kleinstunternehmen, Erstberichterstatter und Betriebe ohne Softwarebudget ist das ein klarer Vorteil.
4.3 Was die Lösung abdeckt
Die DNK-Plattform eignet sich vor allem für Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsdaten erstmals nach den Vorgaben von VSME oder ESRS strukturieren und daraus einen Bericht erstellen wollen. Sie gibt dafür einen geführten Rahmen und ermöglicht den Export der Angaben. Wer CO2-Emissionen vertieft berechnen, Daten automatisiert aus bestehenden Systemen übernehmen oder komplexere Freigabe- und Managementprozesse abbilden will, braucht spezialisiertere Lösungen mit mehr Workflow- und Automatisierungstiefe.
KMU-Tauglichkeitscheck DNK | |
Gut geeignet, wenn… | Weniger passend, wenn… |
Kein Softwarebudget eingeplant ist | Mehrere Abteilungen parallel Daten erfassen |
Nur gelegentlich ein Bericht erstellt wird | CO₂-Emissionen nicht nur erfasst, sondern berechnet werden sollen |
Das Unternehmen erstmals nach VSME berichtet | Audit Trail, Rollenrechte und Nachweissicherheit zentral sind |
4.4 Unser Urteil
Die DNK-Plattform ist die richtige erste und solide Anlaufstelle für Kleinstunternehmen und Erstberichterstatter ohne geplantes Budget. Wer regelmäßig berichtet oder CO2-Emissionen vertieft berechnen muss, braucht meist zusätzliche Funktionen.
5. VSMEasy – der spezialisierte Jahresbericht
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Tool-Typ | Spezialisierte VSME-Einstiegslösung |
Betreiber | Fiegenbaum & Cie. GmbH (www.fiegenbaum.solutions) |
Hauptnutzen | Geführter VSME-Workflow mit Teamkollaboration |
Zielgruppe | KMU mit jährlichem VSME-Bedarf |
Kosten | Ab 99 EUR/Monat im Starter-Tarif; 349 EUR/Monat im Growth-Tarif |
5.1 Praxischeck
VSMEasy ist ein reines VSME-Werkzeug. Die Plattform führt Nutzer Datenpunkt für Datenpunkt durch den Standard und unterstützt laut Produktbeschreibung auch bei Angaben zu Treibhausgasen auf Basis eingegebener Verbrauchsdaten. Das Tool bietet branchenspezifische Benchmarkwerte und erlaubt mehreren Abteilungen die Zusammenarbeit. Änderungen werden in einem Audit Trail dokumentiert, der fertige Bericht lässt sich als PDF exportieren.
5.2 Stärken im Einsatz
Die enge Fokussierung schafft Tempo und Klarheit: KMU können den VSME-Berichtsprozess standardisieren, Zuständigkeiten festziehen und jährlich wiederholen. Besonders bei häufigen Kunden‑, Banken‑ oder Ausschreibungsanfragen kann das die interne Abstimmung spürbar entlasten.
5.3 Was die Lösung abdeckt
VSMEasy ist ideal, wenn der VSME-Bericht im Zentrum steht und CO₂ vor allem auf Basis von Scope‑1/2‑Verbräuchen abgebildet wird. Umfangreiche Scope‑3‑Analysen, ein vollständiges EcoVadis-Rating oder parallele CSRD- und LkSG-Pflichten gehören nicht zum Kern.
5.4 Einordnung im Markt
VSMEasy steht exemplarisch für spezialisierte VSME-Tools. Es gibt weitere Anbieter wie ESG Lift oder Sustain Republic mit ähnlichem Fokus und teils anderer Tiefe bei CO₂, Workflow und Export – ein aktueller Funktionsvergleich lohnt sich, weil der Markt permanent in Bewegung ist.
KMU-Tauglichkeitscheck VSMEasy | |
Gut geeignet, wenn… | Weniger passend, wenn… |
Jährlich ein VSME-Bericht erstellt wird | Automatisierte Scope-3-Lieferkettenanalyse oder ein tiefes EcoVadis-Rating geplant ist |
Mehrere Abteilungen Daten zuliefern | Mehrere Nachhaltigkeitsstandards gleichzeitig bedient werden müssen |
Kalkulierbare Kosten wichtig sind | Eine CSRD-Pflicht oder ein breites ESG-System im Raum steht |
CO2 mit Fokus auf Scope 1/2 berechnet werden soll | Strategische Risikosteuerung oder Dekarbonisierung gefordert ist |
5.5 Unser Urteil
VSMEasy eignet sich für KMU, die effizient und wiederholbar VSME-Berichte erstellen wollen. Die Stärke liegt in der Konzentration auf genau diese Aufgabe – und darin liegt zugleich die Grenze: Sobald CO2 auf Lieferantenebene, mehrere Berichtsstandards oder strategische Steuerung ins Spiel kommen, braucht es mehr als ein VSME-Tool.
6. leadity – das modulare Managementsystem
Steckbrief: leadity | |
Tool-Typ | Modulares ESG-Managementsystem |
Betreiber | leadity GmbH, wissenschaftlich begleitet vom Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung (ZNU) der Universität Witten/Herdecke |
Hauptnutzen | CO2-Bilanz, Lieferkette, EcoVadis, VSME plus und ISO in einem System |
Zielgruppe | Mittelständler mit mehreren parallelen ESG-Anforderungen |
Kosten | Individuell auf Anfrage; kostenlose Demo verfügbar |
6.1 Praxischeck
leadity geht deutlich weiter als klassische Berichtstools: Die Plattform sammelt ESG-Daten so, dass sie für CO₂-Bilanzen, Kundenanfragen, Ratings, Lieferkettenanforderungen und interne Steuerung genutzt werden können. Zum Funktionsumfang zählen CO₂-Bilanzierung für Scope 1 bis 3, Unterstützung bei CSRD und VSME plus, EcoVadis, EUDR, LkSG sowie ISO-Managementsystemen.
Die Software verweist auf eine Prüfung nach IDW PS 880, die IT-Sicherheit und Manipulationsschutz des Systems adressiert – sie ersetzt aber nicht die Prüfung der Unternehmensdaten selbst.
6.2 Stärken im Einsatz
Der Mehrwert liegt in der Bündelung: Unternehmen nutzen dieselben Daten für Berichte, Ratings, Lieferketten und Risikomanagement, statt parallele Tabellen und Workarounds zu pflegen. Das erleichtert auch Wirtschaftsprüfern und Kanzleien den Umgang mit der Tool-Landschaft, weil Prozesse und Kontrollen konsistenter dokumentiert sind.
6.3 Was die Lösung abdeckt
leadity rechnet sich vor allem, wenn ESG-Daten dauerhaft an mehreren Stellen im Unternehmen gebraucht werden. Für eine einzelne VSME-Anfrage wäre die Lösung meist überdimensioniert. Voraussetzung für den produktiven Einsatz: Datenquellen, Zuständigkeiten und Ziele müssen intern weitgehend geklärt sein.
KMU-Tauglichkeitscheck: leadity | |
Gut geeignet, wenn… | Weniger passend, wenn… |
CO2-Bilanz, EcoVadis und VSME-Bericht in einem System laufen sollen | Nur ein einfacher VSME-Bericht gebraucht wird |
Lieferantenbewertung und LkSG-Dokumentation parallel gefragt sind | Ein Kleinstunternehmen ohne internes ESG-Team startet |
ISO-Managementsysteme eingebunden werden sollen | Ein transparenter Einstiegspreis zwingend nötig ist |
Mehrere ESG-Prozesse dauerhaft gesteuert und Risiken sichtbar werden sollen | Eine Plug-and-Play-Lösung ohne Onboarding erwartet wird |
6.4 Unser Urteil
leadity eignet sich für Mittelständler, die ESG-Daten nicht nur berichten, sondern dauerhaft für Steuerung, Lieferketten, Ratings und Risikoblick nutzen wollen. Seine Stärke zeigt das System nicht beim Einzelbericht, sondern dort, wo ESG in mehrere Unternehmensbereiche hineinwirkt.
7. Drei Lösungen im Vergleich – was zählt für KMU?
Die drei Softwareangebote unterscheiden sich weniger in der Technik als in der Einsatztiefe: vom kostenlosen Einstiegsrahmen über das spezialisierte Berichtstool bis hin zum umfassenden Managementsystem. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen nur Orientierung und einen ersten Bericht braucht, einen jährlich wiederkehrenden VSME-Prozess abbilden will oder ESG-Daten dauerhaft für Finanzierung, Lieferkette, Ratings und Steuerung nutzen muss.
Die Bewertungsmatrix ordnet DNK-Plattform, VSMEasy und leadity genau in diesem Spannungsfeld ein: Aufwand, Kosten, CO₂-Tiefe, Teamfähigkeit, Ausbaubarkeit, Nachvollziehbarkeit und strategischer Mehrwert. Wer seine eigene Lage an diesen Kriterien spiegelt, erkennt schnell, welche Tool-Klasse zum aktuellen Reifegrad und zum künftigen Bedarf passt.
Bewertungsmatrix | |||
Kriterium | DNK-Plattform | VSMEasy | leadity |
Aufwand | Sehr gering | Gering | Mittel bis hoch |
Kosten | Kostenlos | Ab 99 EUR/Monat | Auf Anfrage |
Datenimport | Manuelle Eingabe; Export möglich | Geführter Workflow | Modulare Integration |
CO2-Berechnung | Nein | Fokus Scope 1/2 | Scope 1 bis 3, GHG-konform |
Teamfähigkeit | Eingeschränkt | Ja, mit Abteilungsrollen | Ja, mit komplexen Freigabeprozessen |
Ausbaubarkeit | Begrenzt | Innerhalb VSME-Rahmen | Modular, mehrere Standards |
Nachvollziehbarkeit | Plausibilitätscheck | Audit Trail | Nach IDW PS 880 geprüft |
Mehrwert | Orientierung | Effizienz | Risiko, Resilienz, Steuerung |
Informationen zum Funktionsumfang beruhen auf Herstellerangaben (Stand Mai 2026)
FAZIT — Ein Problem – drei unterschiedliche Lösungswege. Die entscheidende Frage ist dabei nicht, welches Tool am meisten kann, sondern welches zur individuellen Ausgangslage passt:
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