· Fachbeitrag · Interview mit DNP-Preisträger & Best Practice
Klimafolgen beim Reisen abmildern
Alexandra Buba im Interview mit Swantje Lehners
Reisen – gilt schnell als Klimaproblem schlechthin. Dabei gilt hier wie bei allen anderen menschlichen Aktivitäten auch: Es kommt sehr darauf an. Worauf aber genau? Diese Frage zu beantworten, hat sich der KlimaLink e. V. zum Ziel gesetzt. Gegründet 2022 aus der Nachhaltigkeitsinitiative „Futouris“ der Reiseindustrie heraus, schafft heute eine Plattform Transparenz über die tatsächliche Klimawirkung einer jeden Reise und erlaubt eine objektive Bewertung bei der Buchung. Swantje Lehners über die Hintergründe, die weitere Zielsetzung und die ersten Erfolge.
MERKE — Im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Produkte (DNP) stellt PN in einer Interviewreihe die ausgezeichneten Lösungen und ihre Macher vor. Alexandra Buba spricht mit den Preisträgern über ihre Nachhaltigkeitsstrategien, die Besonderheiten ihrer Produkte und die Erfolgsfaktoren hinter der Auszeichnung – mit konkreten Einblicken und Best Practices für die Praxis. |
Frage: Frau Lehners, alle wissen, dass Fliegen grundsätzlich klimaschädlich ist. Wie aber lässt sich darüber hinaus die genaue Klimawirkung einer kompletten Reise überhaupt berechnen?
Antwort: Es geht darum, die gesamte Reisekette abzubilden, eben nicht nur den Flug, sondern auch den notwendigen Transport zum Flughafen, für die Mobilität vor Ort und die Unterbringung im Hotel. Für Flüge und Hotel gab es bereits Methoden, hier haben wir die besten übernommen, die übrigen Elemente haben wir selbst mit wissenschaftlicher Begleitung entwickelt und integriert. Am Ende wollen wir verlässliche Emissionsdaten in die Branche tragen.
Frage: Wie groß sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Reisen tatsächlich?
Antwort: Die Unterschiede sind viel größer als man gemeinhin annimmt, und hier spreche ich jetzt nicht davon, eine Fernreise mit einem Wanderurlaub in der Eifel zu vergleichen. Bleiben wir bei der Flugreise: Tatsächlich kommt es erheblich darauf an, welcher Flugzeugtyp eingesetzt wird, denn 20 Jahre alte Maschinen verbrauchen ein Vielfaches an Treibstoff im Vergleich zu modernen Jets. Insofern ist es nicht egal, mit welcher Airline Sie fliegen, ebenso wenig welche Route Sie wählen. Denn oftmals sind günstigere Gesamtstrecken erheblich länger mit Umstiegen und Umwegen verbunden, etwa wenn Sie nach Südafrika über die Emirate fliegen. Das verändert die Klimawirkung ganz entscheidend.
Frage: Und welchen Sinn ergibt es überhaupt, die Klimafolgen zu vergleichen, wenn ich nun mal eine Fern- und keine Wanderreise machen möchte?
Antwort: Sie können auf die Bilanz der Gesamtreise achten und z. B. mit der Bahn zum Flughafen anreisen, einen emissionsärmeren Hin- und Rückflug wählen oder eine Rundreise, die vor Ort keine Zwischenflüge beinhaltet. Zudem können Sie darauf achten, länger vor Ort zu bleiben und dafür insgesamt seltener Flugreisen zu unternehmen. Außerdem können Sie, schon jetzt und in Zukunft noch stärker, als Kunde Ihre Reiseklimabilanz verbessern, wenn Sie bspw. einen Anteil an Sustainable Aviation Fuels dazu buchen. Das lässt sich mit dem Ökostromprinzip vergleichen: Aus logistischen Gründen ist es zwar nicht möglich, gebuchtes SAF auf einem bestimmten Flug zu vertanken, über das zentrale Tanksystem des Flughafens wird das SAF jedoch garantiert in die Treibstofflieferkette eingespeist und zukünftig für den Flugverkehr verwendet.
Frage: Woher beziehen Sie Ihre Daten?
Antwort: Nach Auswahl bzw. Entwicklung der Methoden haben wir per Ausschreibung Partner gesucht, die uns entsprechend konforme Emissionsdaten liefern können. Unser wichtigster Partner ist hierbei „atmosfair“, der für KlimaLink Flug- sowie PKW/Bus-Emissionen berechnet. Im Hotelbereich beziehen wir die Werte über das Hotel Sustainability Benchmarking von Cornell University in Zusammenarbeit mit den NGOs World Sustainable Hospitality Alliance und Greenview.
Frage: Wie muss ich mir das aktuell in der Umsetzung vorstellen?
Antwort: Wir stellen unseren Mitgliedsunternehmen über API-Schnittstellen automatisiert verlässliche Emissionsdaten zur Verfügung. Im Reisebüro oder online können sich die Kunden dann den genauen CO 2 e-Wert ihrer Reise berechnen bzw. anzeigen lassen. Der konkrete Wert lässt sich für jede Reise aus den Bestandteilen individuell berechnen, Ausnahmen sind derzeit noch Kreuzfahrten, da Schiffsemissionen noch nicht integriert sind.
Dieser Emissionswert wird dann recht neutral dargestellt, mit der entsprechenden kg-Zahl und einem kleinen Fußabdrucks-Icon. Da es aber für Endkunden schwierig sein kann, diese „nackte“ Emissionszahl einzuordnen, wird zusätzlich als Vergleichswert das klimaverträgliche Pro-Kopf-Jahresbudget angegeben, das nötig wäre, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Das wären insgesamt 1.500 kg CO2e pro Person und Jahr, derzeit liegen wir in Deutschland bei durchschnittlich etwa 10.000 kg.
Frage: Wer sind Ihre Mitglieder und haben Sie nicht Sorge, der Kundschaft das Reisen mit zu viel Klimagewissen zu vergällen?
Antwort: Derzeit haben wir 35 Mitglieder: Viele Reiseunternehmen, zudem auch wichtige Reiseverbände des DACH-Raums sowie einige Bahngesellschaften und NGOs. Nachdem wir die Plattform 2024 gelauncht haben, hat mit Hotelplan das erste Mitglied die Daten im Frühjahr 2025 live gestellt, inzwischen zeigen zehn Mitgliedsunternehmen die Daten in ihren Vertriebskanälen an. Wir sind stolz, dass die Mitgliedsunternehmen diese Transparenz realisieren und damit klimafreundlichere Buchungsentscheidungen ermöglichen.
Konkrete Ergebnisse zur Nutzung werden wir erst in einer Evaluierung in etwa anderthalb Jahren haben. Wo man derzeit schon Reaktionen bekommt, sind die Reisebüros. Hier haben wir das Feed-back, dass die Kunden, wenn man das Thema anspricht, nicht ablehnend reagieren, es allerdings auch nicht aktiv einfordern.
Frage: Wie finanziert sich Ihr Verein?
Antwort: Komplett aus Mitgliedsbeiträgen der Unternehmen und Verbände, wir haben eine sehr schlanke Organisation mit einer Geschäftsführerin. Ich selbst arbeite hauptamtlich bei Futouris und engagiere mich wie die weiteren Vorstandsmitglieder ehrenamtlich stark für KlimaLink.
Frage: Wie finden Sie Motivation in einer Zeit, in der Nachhaltigkeit in der öffentlichen Debatte eine geringere Rolle spielt?
Antwort: Tatsächlich ist das manchmal nicht ganz einfach, denn der Vergleich zur Anfangszeit vor drei Jahren, in der die Leute uns die Tür eingerannt haben, zeigt eklatante, schmerzliche Unterschiede. Nach dem Abebben dieser positiven Welle, auf der wir gestartet sind, macht sich manchmal tatsächlich Frust breit, da es um ein Vielfaches schwieriger geworden ist, neue Mitglieder zu gewinnen. Allerdings – und hier schöpfe ich neue Motivation – sind diejenigen, die dabei sind, umso engagierter, das gibt einem Antrieb. Was auch noch wichtig ist: Technisch entwickelt sich einiges weiter. Wir haben mit den schon angesprochenen Sustainable Aviation Fuels die Möglichkeit einer handfesten Verbesserung der Klimabilanz des Reisens, die es zu fördern gilt. Dadurch wird es in Zukunft für die Kunden nicht mehr nur möglich sein, Transparenz zu gewinnen, sondern auch bewusst zwischen mehreren Handlungsalternativen zur Reduktion von Emissionen wählen zu können.
Zum Unternehmen — Klimalink e. V. und seine Mitglieder: Der Verein KlimaLink ist aus dem Branchenprojekt „Klimabewusst reisen“ von Futouris e. V. und dem Deutschen Reiseverband (DRV) hervorgegangen. Unterstützt von fast 40 Verbänden, Unternehmen und Organisationen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Portugal verfolgt KlimaLink das Ziel, Klimafußabdrücke von Reisen transparent darzustellen und die Reisebranche auf ihrem Weg zu mehr Klimaschutz zu unterstützen.