· Fachbeitrag · Interview mit DNP-Preisträger & Best Practice
Häuser aus Hanf bauen: Wie Hanfbaustoffe CO₂ speichern, Bauprozesse vereinfachen und Gebäude langlebiger machen
Alexandra Buba im Interview mit Werner Schönthaler
Hanf – der Name der Pflanze evoziert bei den meisten immer noch in erster Linie eine Droge. Doch Hanf wird seit Jahrtausenden als Nutzpflanze kultiviert, hat sie doch gleich in drei Bereichen herausragende Eigenschaften: in der Bekleidung, als Lebensmittel und in der Bauwirtschaft. Werner Schönthaler muss dennoch oftmals zunächst aufklären, ehe er Hanfbaustoffe vertreiben kann. Sein Südtiroler Baustoffhandel setzt in der zweiten Generation auf Ziegelsteine, Putz und neuerdings auch auf Akkustikplatten aus Hanf.
MERKE — Im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Produkte (DNP) stellt PN in einer Interviewreihe die ausgezeichneten Lösungen und ihre Macher vor. Alexandra Buba spricht mit den Preisträgern über ihre Nachhaltigkeitsstrategien, die Besonderheiten ihrer Produkte und die Erfolgsfaktoren hinter der Auszeichnung – mit konkreten Einblicken und Best Practices für die Praxis. |
Frage: Herr Schönthaler, warum Hanf?
Antwort: Mich haben in erster Linie die bauphysikalischen Eigenschaften an Ziegeln aus Hanf begeistert, dass man nichts mehr drauf kleben muss. Es braucht keine weiteren Schichten, um das Gebäude vor Kälte und Wärme zu schützen. Als allerdings ein Südtiroler Freund zu mir kam und erzählte, er wolle Nutzhanf anbauen, habe ich zunächst gedacht, er sei ein naiver Mensch, denn die Pflanze wird ja nach wie vor dämonisiert und teilweise verboten. Doch ich habe ihm den Gefallen getan: Wir haben einen ersten LKW mit Hanf bestellt und mit unseren Maschinen und Know-how experimentiert. Außerdem hatte ich zu der Zeit gerade einen kleinen Bauernhof gekauft und konnte dort das Material erstmals testen und den Hanfkalkputz entwickeln.
Frage: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, einen neuen Baustoff auf den Markt zu bringen?
Antwort: Wir sind im Baustoffhandel aufgewachsen, haben als Kinder hier gespielt und im Sommer gesehen, wie die Polystyrolplatten in der Sonne geschmolzen sind. Da hat man schon erkannt, dass das vielleicht gar nicht die besten Werkstoffe sind. In meinem Fall kam ein schwerer Unfall hinzu und mit ihm die Grundsatzfragen, etwa wie wichtig Wohnen ist.
Als wir dann gestartet sind, waren wir die ersten im DACH-Raum, es wurde viel berichtet, die Fernsehsendung Galileo war da. Denn natürlich sind die Materialien aus Hanf ökologisch besser, die CO2-Bilanz sieht ganz anders aus als beim klassischen Ziegel, da Hanf viel biogenes CO2 speichert, die Steine lufttrocknen und nicht gebrannt werden müssen. Es ist allerdings bemerkenswert, wie die Wahrnehmung dieser Themen sich verändert hat, denn vor 20 Jahren wurden Leute noch belächelt, die Lehmputze verwendet haben.
Frage: Die öffentliche Aufmerksamkeit hat Ihnen auch geholfen, Ihr Portfolio zu erweitern, oder?
Antwort: Ja, Mitte 2019 hat eine Studentin hier angefragt, ob sie bei uns im Rahmen ihrer Bachelorarbeit dünne Platten aus Hanf entwickeln dürfe. Die Studentin bekam dafür später einen dotierten Gründerpreis und fragte daraufhin erneut bei uns an, ob sie das Preisgeld in den Versuch, ihren Prototypen zu industrialisieren, investieren dürfe? Natürlich stimmten wir zu, und es entstanden unsere heutigen Akkustikplatten. Die Studentin von damals ist inzwischen meine Ehefrau und arbeitet als Industriedesignerin.
Frage: Was haben Sie als große Hürden erlebt?
Antwort: Sehr schwierig war tatsächlich, eine Bauzulassung für die Hanfbausteine in Deutschland zu bekommen, wir waren damals die ersten mit einem Hanfkalkprodukt. Es hat drei Jahre gedauert und Unmengen an Geld gekostet, etwa Themen wie Brand- oder Feuchteschutz prüfen und bestätigen zu lassen. Insgesamt haben wir fast zehn Jahre gebraucht, um richtig im Markt anzukommen. Das war beim Hanfkalk ganz anders, jener hat ein nahezu exponentielles Wachstum durchlaufen und auch die Akkustikplatten waren schneller erfolgreich.
Frage: Welche Rolle spielt Ihr Ursprungsgeschäft noch, und gibt es weitere Produkte in Entwicklung?
Antwort: Das Ursprungsgeschäft, also der klassische Bauhandel, den mein Vater in den 1960er-Jahren gegründet hat, existiert schon noch, allerdings in veränderter Form, denn die Rahmenbedingungen haben sich durch die Baukrise massiv negativ verändert. Dem tragen wir auch mit unserer neuesten Entwicklung, Wandelemente, die aus Holzrahmen mit eingefülltem Hanfkalk vorgefertigt werden, Rechnung – denn dies beschleunigt den Bau enorm.
Generell lässt sich sagen, dass uns die vielen gegenwärtigen Krisen eher in die Hände gespielt haben, denn die Preise für die traditionellen Baustoffe sind durch die steigenden Energiekosten explodiert, während sich unsere Produkte kaum verteuert haben, da wir viel weniger Energie brauchen.
Frage: Kostengünstiger sind Ihre Baustoffe im Vergleich zum konventionellen Produkt aber auch nicht. Was überzeugt Ihre Kundschaft?
Antwort: Der Bioapfel wird immer teurer sein als der konventionelle, das stimmt. Aber das Haupthindernis ist nicht der Preis, denn die Kosten einer Außenwand im Verhältnis der Gesamtausgaben machen nur an die zehn oder 15 % aus, d. h. man ist nicht massiv teurer. Wesentlich für unseren Baustoff ist die quasi unbegrenzte Lebensdauer, die Funktion als CO 2 -Speicher, das Plus an Wohlbefinden und die Wiederverwertbarkeit am Lebensende. Wenn Sie auf Kalk schauen: Der wird immer besser und härter, je länger er exisitiert, das römische Kolloseum besteht daraus. Im Grunde halten Häuser aus unseren Baustoffen Hunderte von Jahren.
Sollte dennoch abgerissen werden müssen – die durchschnittliche Lebensdauer eines Hauses liegt in Europa nur bei 30 bis 50 Jahren – dann sind unsere Stoffe sehr einfach recycelbar, nämlich durch einfaches Schreddern vor Ort auf der Baustelle. Natürlich spielt auch das Thema CO2 eine Rolle, vor allen Dingen in der Zukunft, wenn es möglicherweise mit in den Preis einfließen wird. Und ganz wichtig ist auch das Thema Gesundheit, hier forschen wir gerade gemeinsam mit einer Universität an validen Aussagen zu den Vorteilen unserer Baustoffe.
Frage: Sie führen das Unternehmen als Geschwistertrio. Wie teilen Sie die Arbeit, und wer spielt noch eine wesentliche Rolle in Ihrem Unternehmen?
Antwort: Meine Schwester managt im Wesentlichen das Büro, mein Bruder die Produktion, ich bin für Vertrieb und Beratung zuständig. Weil wir mit einer Pflanze arbeiten, sind wir auf Kooperationen mit Landwirten angewiesen. Außerdem arbeiten wir mit einer Reihe von Vereinen zusammen, meine Hauptaufgabe ist hier oft, zu sensibilisieren, zu erklären, wie baubiologisches Bauen funktioniert. Wenn die Leute das verstanden haben und erkennen, welchen Wert Hanf für ihre Gesundheit hat, dann investieren sie auch.
Frage: Gibt es darüber hinaus noch etwas, das Ihr Unternehmen ausmacht?
Antwort: Wir waren vor einem Monat in Malawi, in Afrika, und haben dort mit einfachsten Mittel Hanfsteine gemacht. Hanf wächst fast überall auf der Welt, und im Grunde benötigen Sie nur eine Mörtelmaschine und 20 Leute, um Ziegel herzustellen. Ein Professor der Uni Zürich hat mit uns dieses Open-Source-Verfahren erarbeitet, das den Menschen vor Ort die Möglichkeit gibt, ihre Baustoffe einfach selbst herzustellen. Ich halte das für eine Frage der Ethik: Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen in Regionen der Welt ohne großartige Wirtschaftskraft. Einen Funken Menschlichkeit in die Wirtschaftswelt zu tragen, das ist mir persönlich sehr wichtig. Deshalb habe ich letztlich auch vor über zehn Jahren den Hof gekauft, um Dinge mit meinen eigenen Händen zu tun, die einen unmittelbaren Zweck verfolgen und einen existenziellen Sinn ergeben.
Zum Unternehmen — Die Schönthaler Bausteinwerk GmbH im Südtiroler Eyrs wurde 1964 von den Gebrüdern Schönthaler Alois und Josef gegründet. Zunächst als klassische Baustoffproduktion ausgelegt, kamen im Laufe der Zeit besondere Baustoffe und Verfahren hinzu. In der Geschäftsleitung arbeiten die Geschwister Brigitte, Martin und Werner Schönthaler in der zweiten Generation zusammen. Das Unternehmen beschäftigt rund 25 Mitarbeitende und erhielt 2026 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für zwei Produkte aus Hanf: für Hanfsteine sowie Akkustikplatten.