· Fachbeitrag · Interview mit DNP-Preisträger & Best Practice
Aus alten E-Bike-Akkus neue Speicher bauen
Alexandra Buba im Interview mit Harald Herzig
Elektromobilität ist schön und sauber, produziert aber am Ende doch eine ganze Menge Sondermüll. Das hat ein Unternehmerehepaar aus Baden-Württemberg auf den Plan gerufen. Denn aus den gebrauchten Akkus lassen sich die noch funktionsfähigen Zellen entnehmen und zu neuen Speichern verarbeiten. Harald Herzig, Mitarbeiter der Firma Up-Cell und deren erster externer Investor, erklärt, wie das genau funktioniert und warum er sich für dieses Projekt engagiert.
MERKE — Im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Produkte (DNP) stellt PN in einer Interviewreihe die ausgezeichneten Lösungen und ihre Macher vor. Alexandra Buba spricht mit den Preisträgern über ihre Nachhaltigkeitsstrategien, die Besonderheiten ihrer Produkte und die Erfolgsfaktoren hinter der Auszeichnung – mit konkreten Einblicken und Best Practices für die Praxis. |
Frage: Herr Herzig, was gab den Anstoß dafür, aus alten E-Bike- und E-Auto-Akkus neue Speicher zu produzieren?
Antwort: Da kamen zwei Dinge zusammen. Zum einen wird ein großer Teil der Energie aus erneuerbaren Quellen abgeregelt, da man ihn schlichtweg nicht speichern kann – es fehlt die passende Hardware. Auf der anderen Seite entsteht gerade ein gigantischer Sonderabfallberg, insgesamt 70.000 t Li-Ion-Zellen pro Jahr, die aus Akkus der Leichtfahrzeuge wie E-Bikes stammen. Dazu muss man wissen, dass Akkus aus vielen einzelnen Batteriezellen aufgebaut sind, von denen i. d. R. rund 80 % noch gut funktionieren. Diese zwei Fakten zusammen genommen, haben zur Geschäftsidee von Up-Cell geführt.
Frage: Das heißt, es gibt in einem defekten Akku noch mehr gute Batteriezellen als schlechte?
Antwort: Ja, genau. Sobald aber drei oder vier ausfallen, meldet das System einen Schaden, schlichtweg, weil die volle Leistungsfähigkeit nicht mehr gegeben ist. Um mit dem noch funktionsfähigen Rest gut arbeiten zu können, bedarf es einer neuen, intelligenten Steuerung. Genau dieses System hat Up-Cell entwickelt. Fällt eine einzelne Zelle aus, verliert nicht das ganze Segment an Leistung, und es muss nur das betreffende Segment ausgetauscht werden.
Frage: Das klingt erst einmal wartungsanfälliger im Vergleich zum Kauf von Speichergeräten aus Neubatterien...
Antwort: Tatsächlich müssen wir ab und an austauschen, das funktioniert aber im Plug- und Playsystem ein wenig wie bei IKEA-Produkten. Wenn Sie gegenrechnen, dass neue Speicher nach zehn Jahren nur noch 70 % Leistung bringen, und dies mit einem langlebigen, modularen Speicher vergleichen, der auch noch in zehn, 20 oder 30 Jahren 100 % Leistung bringt, dann haben Sie am Ende eine Kostenersparnis. Hinzu kommt, dass der Kunde selbst keinen Wartungsaufwand hat.
Frage: Wie steht es zum einen um die Nachhaltigkeit, zum anderen aber um den Preis Ihres Produkts?
Antwort: Wirklich nachhaltig sind wir vor allem deshalb, weil wir Kreislaufwirtschaft statt thermischer Verwertung betreiben. Was die Preisgestaltung angeht, können wir auch mit den vielen chinesischen Anbietern mithalten, die gerade ohne deutschsprachige Services oder Wartungsangebote auf den Markt drängen.
Frage: Wie einfach oder schwierig ist es, ein solches Produkt auf den Markt zu bringen?
Antwort: Tatsächlich hatten wir die Bürokratie unterschätzt, denn wir sind nicht nur ein Batteriehersteller, sondern durch die Tatsache, dass wir Alt-Akkus verwenden, auch ein Entsorgungsfachbetrieb. Deshalb mussten wir uns in diesem Bereich noch gesondert qualifizieren. Der Markteintritt hat sich auf diese Weise verzögert und ist erst vor kurzem erfolgt.
Hinzu kam, dass Hardwareentwicklung generell einen langen Atem erfordert, ich schätze, wir haben inzwischen Version 30 bei den Platinen. Unsere Zielkunden sind solche, die Speicher zwischen 50 Kilowattstunden bis hin zu einer Megawattstunde benötigen, dazwischen können wir alles individuell abbilden, wenn Sie so wollen, beginnen wir mit dem Drei-Familienhaus und enden beim Ladepark.
Frage: Wie konnten Sie die lange Entwicklungsphase finanzieren?
Antwort: Wir haben sehr früh ein schönes Forschungsprojekt an Land gezogen, das die Automatisierung bei der Zerlegung und dem Neubau zum Gegenstand hat, da leisten wir wirklich Pionierarbeit und konnten eine großen Teil unserer Entwicklung so finanzieren. Außerdem kamen wir in den Genuss von Investitionsförderung durch das Land Baden-Württemberg sowie der Forschungsförderung des Bundes, ich selbst bin der erste externe Investor.
Frage: Was ist Ihre Motivation für die Beteiligung, und wie kamen Sie zu Up-Cell?
Antwort: Ich bin seit den 90er-Jahren in verschiedenen Rollen in der Energiebranche tätig und wollte mit meinen 15 Restarbeitsjahren noch einmal etwas Neues, Sinnvolles aufbauen. Ich erinnere mich gut an die inzwischen berüchtigte Pressekonferenz des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck, als dieser das Gebäudeenergiegesetz verkündete. Damals habe ich gedacht: Wie kann man eine so gute Idee nur so schlecht verkaufen?
Heute muss ich sagen: Der Investitionsstau, den diese unglückliche Kommunikation verursacht hat, brachte das Thema „Speicher“ wieder ganz nach vorne. Eigenverbrauch und dynamische Tarife – diese Fragen betreffen alle Kunden, ob groß oder klein. Die Nachhaltigkeit, das muss ich gestehen, ist derzeit leider nicht das große Verkaufsargument. Der Wandel in der Politik weltweit hat ihren Wert als Argument drastisch geschmälert. Wir müssen auch mit wenig nachhaltigen Produkten wirtschaftlich mithalten können.
Frage: Spüren Sie das in Verkaufsgesprächen?
Antwort: Absolut, es ist noch einmal deutlich anstrengender geworden, weil die Speicherpreise in den letzten fünf Jahren um gut 70 % gesunken sind. Im Markt für Speicherlösungen dauert es ohnehin lange, mindestens sechs Monate, ehe die Tinte unter den Verträgen trocken ist.
Frage: Was sind Ihre nächsten Schritte?
Antwort: Wir wollen nach unserem Markteintritt in diesem Jahr zunächst einmal unabhängig von Fremdkapitalgebern werden und eigenständiges Wachstum generieren. Im zweiten Step, voraussichtlich 2028, wollen wir eine neue Investitionsphase starten, da zu diesem Zeitpunkt die Kapazitäten unseres Werks hier in der Nähe von Karlsruhe erschöpft sein wird, wenn die Wachstumsprognosen so eintreffen. Erreichen wollen wir dies u. a. dadurch, dass wir vom Gedanken der Open-Plattform kommen und uns überall integrieren können, wo man uns lässt. Letzteres ist ein wichtiges Detail, denn bestimmte Hersteller arbeiten mit geschlossenen Systemen und bieten keine Integrationsmöglichkeiten an.
Zum Unternehmen — Up-Cell wurde Anfang 2023 mit Julia und Heinrich Blatt als Kern des Gründerteams gegründet. Aktuell beschäftigt das Unternehmen neun Mitarbeitende.