· Fachbeitrag · Interview mit DNP-Preisträger & Best Practice
Alte Wannen, neue Ideen und Luxstainability
Alexandra Buba im Interview mit Jakob Klingenberg von Kaldewei
Giftfreie Emailleware herzustellen – das war vor hundert Jahren das Alleinstellungsmerkmal, das der Ahlener Firma Kaldewei den Durchbruch beschert hat. Was schon damals sehr viel mit Nachhaltigkeit zu tun hatte, entwickelte sich zur Luxstainability – der Kombination von Luxus und nachhaltigem Konsum. Dass dies mehr als eine Floskel ist, beweist ein besonderes Projekt der Firma in Zusammenhang mit einem Berliner Hotelbetrieb. Jakob Klingenberg hat dieses für Kaldewei federführend umgesetzt.
MERKE — Im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Produkte (DNP) stellt PN in einer Interviewreihe die ausgezeichneten Lösungen und ihre Macher vor. Alexandra Buba spricht mit den Preisträgern über ihre Nachhaltigkeitsstrategien, die Besonderheiten ihrer Produkte und die Erfolgsfaktoren hinter der Auszeichnung – mit konkreten Einblicken und Best Practices für die Praxis. |
Frage: Herr Klingenberg, Kaldewei hat als erster Badhersteller die Science Based Targets unterschrieben, Ihr Unternehmen ist Partner des WWF Deutschland und heute sprechen Sie von „Luxstainability“. Führt ein direkter Weg von der Firmengründung zu dieser Postitionierung?
Antwort: Ja, das kann man sagen, denn Nachhaltigkeit ist schon seit über 100 Jahren Teil unserer DNA. Der große Anker auf unserem Firmengebäude sollte von Anfang an deutlich machen, dass wir langlebige Produkte ausschließlich aus Stahl fertigen, und das seit 1918 völlig giftfrei. Unsere nachhaltige Ausrichtung haben wir in unserem Nachhaltigkeitsreport dargelegt. Der aktuelle Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2026 wurde uns aber für unser Refurbishment-Projekt mit dem 25hours Hotel Bikini Berlin verliehen.
Frage: Worum geht es bei dem Projekt?
Antwort: Zunächst einmal gab es eine ganze Menge Beteiligter: Eigentümerin des 25hours Hotel Bikini Berlin ist die Bayerische Hausbau GmbH & Co. KG, Betreiberin die KNSA Hospitality Germany GmbH aus Hamburg, außerdem noch mit im Boot: Werner Aisslinger als Designer und die Stapelbroek GmbH als Generalunternehmerin bei der Sanierung. Doch von vorne: Im Hotelgewerbe liegt der Sanierungszyklus bei neun bis elf Jahren; wir hatten nun vor elf Jahren bereits Duschen und Badewannen für das 25hours Hotel Bikini geliefert, die nun im Rahmen der Badsanierung ausgetauscht werden sollten. Üblicherweise werden neue Produkte bestellt und geliefert. Wir wollten das diesmal anders machen und in einem Proof of Concept zeigen, dass die Wiederaufarbeitung auch im Projektgeschäft funktionieren kann.
Frage: Darauf haben sich die Beteiligten eingelassen?
Antwort: Ja. Dies lag auch daran, dass wir bereits auf eine lange, vertrauensvolle Partnerschaft zurückblicken konnten. Die Frage, die uns im Rahmen dieser Sanierung beschäftigte, war: Was können wir mit einem Produkt machen, das eigentlich 30 Jahre hält, aber einem branchenüblichen Renovierungszyklus von etwa zehn Jahren unterliegt?
Frage: Und was haben Sie getan?
Antwort: Upcycling! Das hatten wir vor Jahren schon versucht, aber eben nicht in diesem Umfang. Nun hatten wir andere Voraussetzungen und das Umfeld, das wir brauchten: Alle kennen sich, alle mögen sich, hier können wir es probieren. Die Betreiber kamen nach Berlin und ließen sich überzeugen. Es war uns wichtig zu vermitteln, dass es sich beim Recycling unseres Zuschnitts um ein Upcycling handelt: Wir haben in alle Duschflächen für eine höhere Standsicherheit eine unsichtbare Rutschhemmung eingearbeitet, die es vor elf Jahren noch gar nicht gab.
Frage: Wie sah der Upcycling-Prozess aus?
Antwort: Wir haben die Duschen und Wannen in Berlin ausbauen und in Chargen in unser Werk nach Nordrhein-Westfalen transportieren lassen. Danach wurden sie von einem externen Dienstleister durch Sandstrahlen von der alten Emaillierung befreit. Die so entstandenen Rohlinge aus Stahl unterschieden sich in nichts von unseren neuen Rohlingen. Das Hotel wünschte sich für die Duschflächen dieselbe mattschwarze Oberfläche wie zuvor. Das haben wir dann so umgesetzt und sie dabei mit einer zusätzlichen Rutschhemmung versehen. Dann ging es zurück nach Berlin, wo die Produkte wieder eingebaut wurden.
Frage: Das klingt schon nach enormem Aufwand...
Antwort: Ja, das war es und teilweise alles andere als einfach. Ich bin selbst mit den LKW-Fahrern durch Berlin gefahren und habe eine ganze Reihe anderer sehr, sehr hemdsärmeliger Dinge getan. Am Ende aber konnten wir etwa 65 % CO 2 einsparen und haben wertvolle Ressourcen geschont, verglichen mit der Produktion und Verwendung von Neustahl. Das macht uns zu Pionieren, und ich bin sehr stolz darauf.
Frage: Nun war dies ein abgeschlossenes Projekt. Gibt es darüber hinaus in Ihrem Unternehmen noch besondere Aktivitäten, die auf die Nachhaltigkeit einzahlen?
Antwort: Kaldewei war der erste Abnehmer in der Sanitärbranche von CO 2 -reduziertem Thyssenkrupp Stahl, den Kunden gegen einen geringen Aufpreis wählen können. Das spielt im B2B-Bereich eine Rolle, zahlt auf die Investorenseite ein, wirkt sich in den Reportings aus. Außerdem werden wir das Thema Recycling von Badewannen und Duschen intensiv weiterverfolgen.
Frage: Was ist für Sie persönlich das Besondere an dem Projekt gewesen, wo sehen Sie Learnings und Tipps für andere?
Antwort: Was uns getragen hat, war die Begeisterung. Als ich das Projekt auf Bereichtsleiterebene getragen und von unserem sehr nachhaltig denkenden Geschäftsführer das Go bekommen hatte, fühlten wir uns im Team ein wenig wie ein Start-up. Ausprobieren, mitdenken, handanlegen, einfach mal machen. Das haben wir dann auch weiter kultiviert, denn es ist meine Überzeugung – Achtung Learning – dass man die Menschen dann mitnehmen und begeistern kann, wenn man ihnen zeigt, dass sie in einer absoluten Vorreiterrolle sind. Sie sind mit dabei, wenn etwas erstmals geschafft wird. Das ist eine starke Motivation, wirkt wie Unternehmergeist, der dann alle auch mal durch etwaige Widrigkeiten trägt.
Zum Unternehmen — Die Franz Kaldewei GmbH & Co. KG entwickelt und produziert hochwertige Badlösungen aus eigens hergestellter Stahl-Emaille – für das Privatbad ebenso wie für Wohnungsbau, Hotellerie und das gehobene Objektgeschäft. Das Sortiment umfasst Badewannen, Duschlösungen und Waschtische. Stahl-Emaille überzeugt durch seine lange Lebensdauer und eine 100 %ige Zirkularität in Qualität und Quantität: Einmal im Kreislauf, kann das Material wieder und wieder verwendet werden. Damit war Kaldewei von Anfang an ein Pionier der Kreislaufwirtschaft – nicht durch nachträgliche Anpassung, sondern weil das Material von Haus aus zirkulär ist. Kaldewei ist weltweit der erste Badhersteller mit Cradle to Cradle Silber-Zertifizierung – für über 600 Produkte. Vor dem Hintergrund steigender Anforderungen an nachhaltiges Bauen und Sanieren gewinnen langlebige und kreislauffähige Materialien insbesondere im Refurbishment- und Bestandsgeschäft an Bedeutung. Unter dem Begriff LUXSTAINABILITY verbindet das Unternehmen modernen Luxus mit nachhaltigem Denken, Wirtschaften und Handeln.