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·Fachbeitrag ·Praxisabgabe

Verkauf, Kooperation oder Stilllegung - Überlegungen zur Nachfolge bei Einzelpraxen

von StB Dr. Rolf Michels, Köln, www.laufmich.de

| In den aktuellen Arztzahlstudien der KBV wird immer wieder festgestellt, dass in der wichtigen Versorgung vor Ort ein Ärztemangel droht. Auch das Versorgungsstrukturgesetz und die damit einhergehende Neuordnung der Bedarfsplanung, die zum 1.1.13 eingetreten ist, hat hieran nichts Wesentliches geändert. Aufgrund des Ärztemangels wird es für Ärzte immer schwieriger, geeignete Nachfolger zu finden und ihre Praxis zu veräußern - und das, obwohl der Praxisverkauf bei den meisten Ärzten ein wesentlicher Bestandteil der Altersvorsorge ist. |

1. Phasen der Nachfolgeplanung

Eine der größten unternehmerischen Herausforderungen der nächsten Jahre besteht darin, eine gute und sinnvolle Nachfolgeplanung zu erreichen! Mit der Nachfolgeplanung sollte nicht erst ein Jahr bevor die Praxis veräußert werden begonnen werden. Die Nachfolgeplanung sollte vielmehr bereits im Alter von 50 bis 55 Jahren beginnen, damit genug Zeit bleibt, alles Nötige für eine erfolgreiche Praxisveräußerung vorbereiten zu können.

 

Eine gute Nachfolgeplanung besteht aus folgenden Phasen:

 

  • Standortbestimmung
  • Wert der Praxis ermitteln
  • Den richtigen Nachfolger finden
  • Finanzplan und Altersvorsorge

2. Standortbestimmung

Der erste Schritt für eine erfolgreiche Nachfolgeplanung ist eine Standortbestimmung. Denn nur so können Defizite in der Praxis oder der Planung festgestellt und analysiert werden. Die Standortbestimmung lässt sich in zwei Teile gliedern: Check-up der eigenen Praxis und Analyse der heilberuflichen Versorgung vor Ort. Für die Bestimmung sollten zum Beispiel folgende Unterlagen zusammenstellt werden:

 

Checkup der eigenen Praxis, z.B. in Bezug auf

  • Patientenstruktur (Relation KV-/Privatpatienten)
  • Behandlungsangebot (Bietet der Arzt z.B. IGeL-Leistungen an, nimmt der Arzt an Direktverträgen teil?)
  • Wirtschaftliche Situation (Wie ist die Umsatzrendite - auch im Vergleich zu Konkurrenzpraxen?)
  • Ausstattung (Muss ein Nachfolger erst investieren oder sind das Mobiliar und die Ausstattung auf dem neuesten Stand?)
  • Vernetzung vor Ort (Hat die Praxis Zuweiser vor Ort? Würden diese auch mit einem Nachfolger zusammenarbeiten?)
  • Analyse der heilberuflichen Versorgung vor Ort
  • Struktur von Praxen gleicher Fachrichtung (Wie ist die Konkurrenzsituation?)
  • Alter der Kollegen (sind die Kollegen im Ort ungefähr so alt wie der abgebende Arzt und wollen alle zum gleichen Zeitpunkt die Praxis veräußern?)
  • Neue Anbieter in den letzten fünf Jahren (Wer hat sich in den letzten Jahren niedergelassen und wie erfolgreich sind die Kollegen?)
  • Übergänge vergleichbarer Praxen in den letzten zwei Jahren (Wurden in den letzten beiden Jahren Praxen in der Umgebung veräußert? Falls ja: zu welchen Konditionen?)

3. Wert der Praxis ermitteln

Nachdem die Standortbestimmung erfolgt ist, kann der Praxiswert bestimmt werden. Der Praxiswert ergibt sich aus zwei Komponenten:

 

  • dem Wert des Anlagevermögens
  • dem immateriellen Wert (Goodwill)

 

Für beide Komponenten gibt es verschiedene Bewertungsansätze. Im Regelfall wird der wesentliche Wert in dem Goodwill enthalten sein. Ausnahmen sind beispielsweise radiologische Großpraxen, bei denen auch die Substanz eine bedeutsame Rolle spielt.

 

PRAXISHINWEIS | Für die materiellen Gegenstände empfiehlt sich in der Praxis entweder ein pauschaler Wert bei alten Geräten oder man orientiert sich an den Anschaffungskosten. Für einzelne Großgeräte (z.B. ein MRT) kann es sich je nach Alter empfehlen, diese Großgeräte durch einen Gutachter einzeln bewerten zu lassen und für die weitere Praxiseinrichtung (z.B. Möbel, EDV etc.) einen pauschalen Wert zu vereinbaren, da Gutachten in der Regel teuer und zeitaufwändig sind.

 

Der Goodwill stellt die Ertragskraft der Praxis dar. Ein potenzieller Käufer wird bereit sein, für die Praxis mehr zu zahlen als die Geräte der Praxis wert sind, weil er hierdurch höhere Gewinne erzielen kann. Dieser Goodwill wird von vielen Faktoren bestimmt.

 

  • Wichtige Goodwill-Faktoren
  • Wesentlicher Faktor: Persönliche Leistungserbringung durch den Arzt (Vertrauensverhältnis)
  • Starke persönliche Bindung der Patienten zum Abgeber problematisch
  • Gefahr der Abwanderung von Patienten bei Überweiserpraxen weniger groß, da weniger personenabhängig, z.B. Radiologie
  • Fallzahlen, Sonderleistungen, z.B. IGeL-Leistungen - kann der Übernehmer diese erbringen?
  • Organisationsgrad der Praxis, Ausbildungsstand der Mitarbeiter
 

 

Diese Punkte müssen bereits im Vorhinein geklärt sein, damit einem Interessenten bewusst wird, welche Möglichkeiten und Risiken er mit der Praxis erwerben kann. Denn nur mit allen bekannten Möglichkeiten und Risiken wird er bereit sein, einen hohen Kaufpreis zu zahlen.

 

Den Goodwill kann man anhand vieler unterschiedlicher Berechnungsschemata ermitteln. Jeder Gutachter vertritt hier eine andere Auffassung - alle Methoden haben Vor- und Nachteile. In der Praxis hat sich das modifizierte Ertragswertverfahren bewährt, das vereinfacht dargestellt so aussieht (für ausführliche Diskussion der verschiedenen Bewertungsmethoden siehe die Literaturhinweise am Ende dieses Beitrags).

 

  • Modifizierte Ertragswertberechnung (vereinfacht)

Der erwartete, nachhaltig zukünftig erzielbare, liquide Ertrag aus der Praxis beträgt 130.000 EUR. In der Praxis ist als Arzt nur der Inhaber tätig. Sein kalkulatorisches Arztgehalt beläuft sich auf 80.000 EUR. Entsprechend beläuft sich der Übergewinn auf 50.000 EUR

 

Die 80.000 EUR wird der potenzielle Erwerber auch als Angestellter erzielen. Daher wird er nur für diesen Übergewinn oberhalb seines Arztgehaltes bereit sein, einen guten Kaufpreis zu zahlen. Geht man davon aus, dass sich der Goodwill des Veräußerers nach drei Jahren verflüchtigt, würde der Erwerber drei Jahre lang diesen Übergewinn von 50.000 EUR bezahlen, also insgesamt 150.000 EUR.

 

Die Übergewinne von jeweils 50.000 EUR werden jedoch noch mit Zinssätzen zur Berücksichtigung des unternehmerischen Risikos und zeitlicher Unterschiede im Zuflusszeitpunkt abgezinst, sodass sich zu einem Zinssatz von 8 % ein Angebot des Erwerbers i.H. von rund 128.850 EUR ergäbe.

 

Allerdings wird es aufgrund des Ärztemangels immer problematischer, den durch ein Gutachten ermittelten Praxiswert auch tatsächlich zu erhalten. Denn viele Erwerber sind trotz des eigentlichen Wertes nicht bereit, in beispielsweise strukturschwachen Gebieten, überhaupt einen Kaufpreis zu zahlen. Letztlich ist aber genau dieser Marktpreis entscheidend. Es kommt immer häufiger vor, dass auch Praxen mit hohen Gewinnen nicht veräußert werden können. In Ballungszentren kann es hingegen in einzelnen Fachrichtungen umgekehrt möglich sein, sehr hohe Kaufpreise zu erzielen, die deutlich über dem eigentlichen „Praxiswert“ liegen. Die Praxisbewertung dient hierbei letztlich nur als Diskussionsgrundlage.

4. Den richtigen Nachfolger finden

Heute bieten sich dem Praxisveräußerer viele Möglichkeiten, die über den reinen Verkauf der Praxis hinausgehen. Sie können zum Beispiel über folgende Alternativen nachdenken:

 

  • 1. Nachfolgeregelung innerhalb der Familie
  • 2. Veräußerung an einen Nachfolger
  • 3. Verkauf an ein MVZ
  • 4. Aufnahme eines Juniorpartners
  • 5. Übernahme durch ein externes Management
  • 6. Anschluss an eine ÜBAG bzw. Einbringung in eine Berufsausübungsgemeinschaft
  • 7. Teilverkauf der Praxis
  • 8. Praxisauflösung

 

Diese Möglichkeiten stehen Ihnen zur Verfügung - die ersten drei Möglichkeiten sind die „klassischen Veräußerungen“ - mit den bekannten Problemen. Die Punkte 4 bis 7 ergeben aber auch strategisch die Möglichkeit, die Praxis als größere Einheit beispielsweise an den Juniorpartner oder andere Gesellschafter zu veräußern. Die Praxisauflösung schließlich sollte als letzter Schritt in Betracht gezogen werden, denn hier wird die Praxis ohne Nachfolger (und ohne Kaufpreis) eingestellt. Alle Möglichkeiten haben Vor- und Nachteile, aber sollten letztlich frühzeitig bedacht werden.

5. Finanzplan und Altersvorsorge

Nachfolgeplanung heißt auch Vermögensplanung. Hierzu gehört, sich auch mit den Möglichkeiten zu beschäftigen, die Praxis zu entschulden und zu überlegen, wie der Praxiserlös in Zeiten niedriger Zinsen angelegt werden kann. Ebenso ist eine Ist-Aufnahme erforderlich, wie viel Liquidität im Alter noch benötigt wird und ob die Alterseinkünfte hierfür ausreichen. Nur wer sich frühzeitig (zwischen 50 und 55 Jahren) hiermit aktiv beschäftigt, hat noch genug Zeit, eine Bestandsaufnahme zu machen und Maßnahmen zu treffen!

6. Fazit

Letztlich gelingt eine erfolgreiche Praxisnachfolge nur dann, wenn folgende Punkte bedacht wurden:

 

  • Frühzeitige Praxisanalyse
  • Alle Alternativen einer Praxisnachfolge durchdenken
  • Zielgerichtete Vorbereitung auf den Verkauf
  • Sorgfältige Mittelverwendungsplanung
  • Nutzen von Gestaltungsspielräumen

 

 

Weiterführende Hinweise

  • Zur Kritik am modifizierten Ertragswertverfahren für die Bewertung von Arztpraxen (Friebe/Beusker, PFB 12, 244)
  • Praxisbewertung beim Zugewinnausgleich: Unternehmerlohn und latente Steuern mindern den Praxiswert (Grewe, PFB 11, 275)
  • Honoraroptimierung GKV: Schlummernde Honorarpotenziale ausschöpfen (Piltz, PFB 10, 297)
  • Praxiswert: Durch Kooperation den Wert steigern! (Piltz, PFB 09, 12)
  • Abgabe einer Zahnarztpraxis (Nies, Nies, Michels, Möller in einer Sonderausgabe des ZWD)
Quelle: Ausgabe 11 / 2013 | Seite 295 | ID 40118490