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01.04.2005 | Rückstellung für Bestandspflege

BFH lässt Steuer sparende Bilanzierung bei bestehenden Lebensversicherungen zu

von Diplom-Finanzwirt Hermann Kahlen, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Steuerrecht, Senden/Westfalen

Seit Januar 2005 gibt es für bilanzierende Versicherungsmakler eine neue Steuerspar-Möglichkeit: Die Rückstellung für Aufwendungen zur Pflege des Lebensversicherungsbestands. Der Bundesfinanzhof (BFH) hat grünes Licht gegeben (Urteil vom 28.7.2004, Az: XI R 63/03; Abruf-Nr. 043010). Wir haben in der Januar-Ausgabe darüber berichtet.

Hintergrund

Worum geht es? Viele Versicherungsmakler sind zwar zur Bestandspflege verpflichtet. Sie erhalten dafür aber keine Courtage oder lediglich eine Courtage, die den tatsächlichen Aufwand nicht abdeckt. In solchen Fällen erkannte der BFH einen "Erfüllungsrückstand", der steuerlich durch Bildung einer Steuer mindernden Rückstellung zu berücksichtigen ist.

Die Rückstellungsbildung ist im Prinzip simpel: Sie ermitteln den Betreuungsaufwand je Vertrag (Anzahl der Mitarbeiterstunden) und multiplizieren das Ergebnis mit der Anzahl der verwalteten und betreuten Verträge. Das Ergebnis verbuchen Sie als Aufwand des Jahres, in dem Sie erstmals die Rückstellung bilden.

Acht Fragen und Antworten

Der Teufel steckt jedoch bekanntlich im Detail. Etliche Versicherungsmakler haben seit der Veröffentlichung des Urteils Fragen an die Redaktion gestellt. Wir haben die Fragen in acht Fallgruppen gebündelt.

1. Wie ermittele ich den Betreuungsaufwand?

Betreuungsaufwand sind im Wesentlichen die Mitarbeiterkosten:

  • Bruttogehalt der Mitarbeiter
  • Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung
  • Weihnachts- und Urlaubsgeld
  • Fahrtkostenerstattungen
  • Sonderzuwendungen jedweder Art
  • Die von Ihnen getragene pauschale Lohnsteuer
  • Anteilige Kosten für Betriebsveranstaltungen (Betriebsausflug, Weihnachtsfeier etc.) inklusive darauf entfallende von Ihnen getragene pauschale Lohnsteuer
  • Was Sie sonst noch für Ihre Mitarbeiter ausgeben

    Die Rückstellung ermitteln Sie in vier Schritten:

    1.Zuerst ermitteln Sie die Mitarbeiterkosten je Stunde. Dazu erfassen Sie die Summe der Ihnen entstehenden Aufwendungen sinnvollerweise als Jahreswert - damit sind Sie sicher, alle Positionen erfasst zu haben. Den Jahreswert zwölfteln Sie. Das rechnerische Ergebnis dividieren Sie durch die Monatsarbeitsstunden des jeweiligen Mitarbeiters.
    2.Anschließend errechnen Sie den Betreuungsaufwand je Vertrag. Der jeweilige Mitarbeiter muss an Hand seines Terminkalenders oder einzelner Notizen ermitteln, wie viel Zeit er für die Betreuung eines üblichen Vertrags aufwendet. Darunter fällt auch die Zeit, die er zur Beantwortung der "Können-Sie-mal-eben"-Fragen des Kunden benötigt. Weisen Sie Ihre Mitarbeiter an, auch den Aufwand dafür zu erfassen.
    3.Anschließend ermitteln Sie die Anzahl der betreuten Verträge.
    4.Zuletzt errechnen Sie den Rückstellungsbetrag. Dazu multiplizieren Sie den Betreuungsaufwand pro Vertrag mit den Mitarbeiterkosten je Stunde. Das Ergebnis multiplizieren Sie mit der Anzahl der betreuten Verträge.
    Formel
    Rückstellungsbetrag=Mitarbeiterkosten je StundexBetreuungsaufwand je VertragxAnzahl betreuter Verträge

    Das so gefundene Ergebnis teilen Sie Ihrem Steuerberater als den zu buchenden Rückstellungsbetrag mit.

    2. Kann ich als Einzelkämpfer Rückstellungen bilden?

    Sind Sie "Einzelkämpfer", können Sie keine Rückstellung für Ihre Arbeitskraft bilden. Diese gehört nicht zum Aufwand im steuerrechtlichen Sinne. Sie können eine Rückstellung lediglich bilden, wenn andere Aufwendungen entstehen, wie etwa Fahrtkosten.

    Wichtig: Die Personalaufwendungen machen jedoch üblicherweise den mit Abstand größten Betrag aus. Daher wird sich für bilanzierende Einzelkämpfer die Rückstellungsbildung angesichts des erforderlichen Zeitaufwands zur Berechnung kaum lohnen.

    3. Ist die Rückstellungsbildung zwingend vorgeschrieben?

    Die Rückstellung ist bei Vorliegen der Voraussetzungen zwingend zu bilden. Denn für Bestandspflegeaufwendungen besteht ein handelsrechtliches Passivierungsgebot. Dieses Gebot gilt nach dem Maßgeblichkeitsgrundsatz auch für die Steuerbilanz.

    4. Wann lohnt sich die Rückstellungsbildung?

    Ob sich die Bestandspflegerückstellung lohnt, beurteilt sich danach, ob sie erstmalig oder in den Folgejahren gebildet wird:

  • Im Jahr der erstmaligen Bildung werden alle bisher schon vermittelten/sich im Bestand befindlichen Verträge berücksichtigt, also auch die aus übertragenem, nicht selbst vermitteltem Bestand.
  • In den Folgejahren werden nur die neu vermittelten Verträge angesetzt.

    Konsequenterweise ist die steuerliche Auswirkung im Jahr der erstmaligen Bildung der Rückstellung am größten.

    Wer - das dürfte der Regelfall sein - seine Bilanz für 2004 noch nicht eingereicht hat, sollte erstmals für 2004 eine Rückstellung bilden. Die Steuer-Ersparnis beläuft sich in 2004 (und in 2003) auf bis zu 45 Prozent des Rückstellungsbetrags, in 2005 nur noch auf bis zu 42 Prozent - jeweils zuzüglich Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer-Ersparnis.

    5. Was ist im Jahr nach der ersten Rückstellungsbildung?

    Im Jahr nach der erstmaligen Rückstellungsbildung und auch in den Folgejahren sind nur noch Rückstellungen auf neue Verträge möglich, bei denen ein Bestandspflegeaufwand droht.

    Rückstellungen für Alt-Verträge, die in den Folgejahren auslaufen, sind jeweils Gewinn erhöhend aufzulösen. Dies hat zur Folge:

  • Boomt das Neugeschäft, ergibt sich für Sie unter dem Strich eine Steuerminderung.
  • Ist das Geschäft rückläufig, erhöht sich durch die Auflösung der Rückstellung die Steuerlast.
  • Halten sich Ab- und Zugänge in etwa die Waage, so hat dies fast keine steuerlichen Auswirkungen.
    6. Was ist bei Beendigung der Tätigkeit zu beachten?

    Bei Beendigung der aktiven Tätigkeit sind dann noch bestehende Rückstellungen Gewinn erhöhend aufzulösen. Sie unterliegen als laufender Gewinn der Versteuerung.

    Unser Tipp: Mit ihrem Steuerberater sprechen sollten diejenigen, die in zwei bis fünf Jahren ihr Maklerbüro aufgeben wollen. Sie sollten eine Gesamtsteuerprognose anstellen, die einerseits die aktuelle Steuerminderung durch erstmalige Rückstellungsbildung und andererseits die Steuer-Erhöhung durch Auflösung der Rückstellung im letzten aktiven Jahr beachtet.

    7. Muss das Finanzamt die Rückstellung anerkennen?

    Das Finanzamt muss die Rückstellung anerkennen. Streit kann es jedoch um die Frage geben, ob die Rückstellung richtig berechnet worden ist. Ihr Steuerprüfer wird bezweifeln, dass tatsächlich so viele Mitarbeiterstunden pro Vertrag angefallen sind, wie Sie in die Berechnung einbezogen haben.

    Unser Tipp:Beugen Sie dem vor, indem Sie Ihre Mitarbeiter anweisen, hinsichtlich des Betreuungsaufwands möglichst detaillierte Aufzeichnungen zu fertigen.

    8. Wie überzeuge ich meinen Steuerberater?

    Der Redaktion liegen inzwischen erste Stellungnahmen von Steuerberatern vor, die von Lesern des Wirtschaftsdienstes auf die Berichterstattung in der Januar-Ausgabe angesprochen wurden.

    Die Stellungnahmen sind alle positiv - bis auf eine: Ein Steuerberater hat auf den Verwaltungsaufwand verwiesen, den die Rückstellungsbildung erfordert. Er schrieb seinem Mandanten: "Vergiss es!".

    Unser Tipp:Wer eine solche Stellungnahme seines Steuerberaters bekommt, sollte mit spitzem Bleistift nachrechnen, ob er auf die Steuer-Ersparnis verzichten will.

    Beispiel

    Versicherungsmakler M hat 500 Versicherungsverträge im Jahr 2004 betreut, für die er keine Betreuungs-Courtage bekommt. Für die Betreuung eines Vertrags sind zwei Mitarbeiterstunden angefallen (Kosten je Mitarbeiterstunde: 20 Euro). M berechnet den Rückstellungsbetrag wie folgt:

    Rückstellungsbetrag: 500 x 20 Euro x 2 = 20.000 Euro

    Versicherungsmakler M kann erstmals im Jahr 2004 eine Rückstellung von 20.000 Euro bilden. Seine Steuer-Ersparnis kann bis zu rund 10.000 Euro betragen, je nach Höhe der Einkünfte. Wird M auf diese Steuer-Ersparnis verzichten? Wohl kaum, auch wenn es Aufwand bedeutet!

    Unser Fazit für Sie

    Die Rückstellungsbildung in der letzten noch "offenen" Bilanz ist dringend zu empfehlen. Ausnahmen mag es geben für bilanzierende Versicherungsmakler, die in den nächsten Jahren ihre aktive Tätigkeit beenden werden. Diese Fälle müssen im jeweiligen Einzelfall "durchgerechnet" werden. Für den Regelfall gilt: Bilden Sie die Rückstellung zum frühestens möglichen Zeitpunkt.

    Quelle: Ausgabe 04 / 2005 | Seite 11 | ID 98534