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· Fachbeitrag · Diversity

Kollegin mit seelischer Behinderung - was tun?

von Derya Zeyrek, sentez - Texte | Übersetzungen | Diversity, Köln

| In der Arztpraxis werden Sie wahrscheinlich keine Kollegin haben, die blind ist oder im Rollstuhl sitzt. Weitaus häufiger, aber selten erkannt, sind seelische Behinderungen. Im Gegensatz zu körperlichen Behinderungen sind sie äußerlich nicht erkennbar. Betroffene sind zeitweise in ihrer Leistungs- und Kommunikationsfähigkeit stark eingeschränkt. Im Umgang mit seelisch behinderten MFA hilft ein gutes Diversity Management weiter, das Betroffene im Rahmen ihrer Möglichkeiten ins Team integriert und Ängste vor dem „Anderssein“ abbaut (siehe PPA 06/2016, Seite 17 ). |

Unsichtbar: Seelische Behinderung

Stimmungsschwankungen oder Stresssituationen kommen bei jedem Menschen von Zeit zu Zeit vor. Viel belastender sind seelische Behinderungen, weil sie sich sehr stark auf alle Lebensbereiche auswirken. Wer unter psychischen Belastungen wie Angststörungen, Zwangsstörungen, starke Depressionen, Schizophrenie leidet, hat Probleme, das Leben zu organisieren und an alltäglichen Dingen des Lebens teilzuhaben.

 

  • Behinderung nach § 2, Abs. 1, Sozialgesetzbuch (SGB) Neuntes Buch (IX)

Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, ihre geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.

 

Wichtig | Die Intelligenz ist durch eine seelische Behinderung nicht beeinträchtigt. Gravierende Einschränkungen erleben die Betroffenen allerdings in Beruf, Familie und Alltag.

Schärfen Sie Ihre Sinne

Schauen Sie genau hin, wenn Sie Veränderungen bei Ihrer Kollegin erkennen. Reagiert Ihre Kollegin, auf die Sie sich immer verlassen konnten, in letzter Zeit anders? Merken Sie Auffälligkeiten, was ihre Wahrnehmung, ihr Denken, ihr Arbeiten angeht? Im ersten Moment fallen Menschen mit seelischen Belastungen dadurch auf, dass sie bei der Ausführung ihrer Aufgaben Fehler machen. Ist es Nachlässigkeit oder steckt mehr dahinter? Beobachten Sie Ihre Kollegin achtsam.

Sprechen Sie die Kollegin an

Wenn Sie den Eindruck haben, dass es einer Kollegin mit großer Wahrscheinlichkeit psychisch nicht gut geht, sprechen Sie sie darauf an. Achten Sie darauf, den richtigen Ton zu treffen.

 

  • Beispiele: So sprechen Sie betroffene MFA auf Beeinträchtigungen an
Situation
Angemessene Reaktion

Die MFA traut sich nicht mehr, einen Brief selbstständig zu verfassen. Auch in anderen Situationen fordert sie häufiger Hilfe ein, wirkt gestresst und blockiert.

„Ich schätze Dich als kompetente, selbstständige Kollegin. In letzter Zeit habe ich hin und wieder den Eindruck, dass etwas nicht in Ordnung ist. Möchtest Du darüber reden?“

Die MFA fällt durch starke Stimmungsschwankungen auf. Sie kommt mit dem Arbeitspensum nicht zurecht. Sie ist häufiger in Streitigkeiten mit Kolleginnen und/oder Patienten verstrickt.

Unmittelbar nach einer Stresssituation können Sie Ihre Sicht der Dinge darlegen und ein Gespräch anbieten: „Der Patient hat Dich jetzt richtig genervt. Sollen wir gleich mal in Ruhe darüber reden, was da los war?“

 

 

Es kostet Überwindung, eine Kollegin auf kritische Themen anzusprechen. Sie wissen nicht, was Sie erwartet: Wird sie sich verstanden fühlen? Wird sie abweisend reagieren? Dennoch ist es ratsam, den Schritt zu wagen. So geben Sie Ihrer Kollegin die Chance, das Problem unkompliziert zu lösen. Lässt Sie sich nicht auf ein Gespräch ein, ist die Unterstützung des Arztes gefragt.

Die Kollegin in Watte hüllen? Nein.

Sie merken, dass es Ihrer Kollegin nicht gut geht und bieten ihr ein Gespräch an. Im Idealfall können Sie über das Problem reden und praktische Lösungen finden. Zum Beispiel kommen psychisch Kranke bei der Arbeit besser zurecht, wenn ihre Aufgaben klar abgesteckt sind und sie gut einschätzen können, wer wann was macht. Versuchen Sie im Dialog zu einer Lösung zu kommen, die allen Parteien den anspruchsvollen Arbeitsalltag erleichtert.

Wenn alle Stricke reißen

Ist die Beeinträchtigung stark ausgeprägt, werden Sie vermutlich mit Absprachen und Vereinbarungen nicht viel erreichen können. In diesen Fällen führt kein Weg an einem Gespräch mit dem Arzt vorbei. Er kann der Kollegin Tipps geben, wie sie mit ihrer Erkrankung besser zurecht kommen kann und wo sie Hilfe holen kann. Die Konsequenz für Ihre Kollegin: Vergleichbar zu geistig Behinderten wird die Arbeitszeit und die Art der Tätigkeiten an die gesundheitliche Situation der MFA angepasst. Sie wird therapeutisch begleitet und/oder je nach Bedarf in einer Klinik ambulant betreut. Dann wird sie ihren Job auch in Zukunft ausüben können. Nur werden die Aufgaben möglicherweise andere sein, die Sie in ihre vertrauensvollen Hände geben. Die Konsequenz für Sie: Sie haben weniger Stress auf der Arbeit und eine Kollegin, auf die Sie sich verlassen können.

 

Weiterführende Hinweise

Quelle: Ausgabe 12 / 2016 | Seite 19 | ID 44363576