· Fachbeitrag · Medizinwissen
Depressionen - mehr als ein wenig traurig
von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn
| Allein in Deutschland leiden etwa vier Mio. Menschen an Depressionen. Erste und wichtigste Anlaufstelle für diese Patienten ist die Hausarztpraxis. Etwa jeder zehnte Patient, der die Hausarztpraxis betritt, leidet unter anderem an einer Depression. Häufig kommen diese Patienten aber nicht und sagen, dass sie sich niedergeschlagen und traurig fühlen. Meist klagen sie über körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Schmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung, Schwindel. Das macht es für den Hausarzt auch so schwierig, die richtige Diagnose zu stellen. |
Wie kann man einen depressiven Patienten erkennen?
Um einen depressiven Patienten zu erkennen, bedarf es Fingerspitzengefühl, Aufmerksamkeit und Menschenkenntnis. Als MFA kennen Sie Ihre Patienten häufig schon seit Jahren und können daher leichter feststellen, ob sich an seinem Verhalten, seinem Auftreten oder seiner Situation etwas verändert hat. Wenn Sie ein gutes Verhältnis zum Patienten haben, können Sie ihn etwas abseits vom Praxistrubel auch durchaus fragen, ob er sich in letzter Zeit häufiger traurig oder niedergeschlagen gefühlt hat. Gute Rückschlüsse auf das Vorliegen einer Depression lässt auch die Frage zu, ob er weniger Freude an Dingen hat, die er sonst gerne getan hat. Auch häufige Arztbesuche wegen unterschiedlicher Beschwerden oder die wiederholten Bitten um Überweisungen zu Fachärzten, können auf eine Depression hindeuten.
MERKE | Viele betroffene Patienten scheuen sich leider, den Arzt direkt auf ihre Probleme anzusprechen. Denn noch immer schämen sich Betroffene aufgrund einer psychischen Erkrankung. Vielen Menschen fällt es schwer, mit dem Arzt über seelische Probleme zu reden. Daher kommt Ihnen als MFA in dieser Situation häufig eine wichtige Mittlerrolle zwischen Arzt und Patient zu. |
Typische Symptome der Depression
Depressionen beeinträchtigen die Lebensqualität ganz erheblich. Typische Symptome einer Depression sind:
- Depressive Stimmung, innere Leere (die Patienten haben ein Grundgefühl tiefer Traurigkeit, haben an nichts mehr Freude, fühlen sich mut- und hoffnungslos)
- Interessenverlust, fehlende Initiative (Patienten haben wenig Interesse an ihrer Umwelt und ziehen sich von sozialen Aktivitäten zurück, selbst Alltagserledigungen fallen ihnen schwer, ihnen fehlen Energie und Antrieb)
- Suizidgedanken
- Schlafstörungen
- Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme
- Kopf- und Rückenschmerzen, Schwindel, Engegefühl in der Brust
MERKE | Eine Depression ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die immer eine Therapie benötigt. Machen Sie sich klar, dass depressive Patienten nicht selbst für ihre Erkrankung verantwortlich sind. Depressionen haben nichts mit einer Charakterschwäche oder mit Wehleidigkeit zu tun. |
Ursachen einer Depression
Der Grund, weshalb es so schwer ist, eine Depression zu diagnostizieren, ist nicht nur, dass sich der Patient in erster Linie über Symptome beklagt, die auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten, sondern auch, dass eine Depression viele verschiedene Ursachen haben kann.

Depression als Komorbidität
Viele depressive Patienten leiden gleichzeitig an Angst- oder Panikstörungen. Dabei lässt sich häufig nicht feststellen, ob die Depression oder die Angst als erstes bestand. Auch weitere psychische Erkrankungen wie Zwangsstörungen, Alkohol- oder Tablettenmissbrauch kommen gehäuft bei depressiven Patienten vor. Darüber hinaus können Depressionen auch in Zusammenhang mit einem Burnout auftreten (siehe PPA 11/2014, Seite 8).
Neben psychischen Erkrankungen treten aber auch somatische Erkrankungen häufig gemeinsam mit Depressionen auf. So liegt bei etwa jedem fünften Patienten mit Diabetes mellitus, einer Krebserkrankung oder einer neurologischen Erkrankung auch eine Depression vor. Bei etwa 40 Prozent der geriatrischen und herzinsuffizienten Patienten wird eine Depression diagnostiziert, bei Schmerzpatienten sind es sogar 60 Prozent.
Wie kann der Arzt helfen?
Grundlage jeder Therapie ist das vertrauensbildende ärztliche Gespräch. Nur durch eine gute Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt bzw. Praxisteam kann eine Therapie gelingen. Dabei stehen die Behandlung mit Antidepressiva oder verschiedene Arten der Psychotherapie im Vordergrund.
Antidepressiva
Antidepressiva bringen die Botenstoffe im Gehirn in ein Gleichgewicht, sodass die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen wieder normalisiert wird. Welches Medikament für wen am besten geeignet ist, entscheidet der Arzt anhand der Beschwerden und Nebenwirkungen des Medikaments. Zu den häufig eingesetzten Antidepressiva gehören
- Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Escitalopram, Fluexitin, Sertralin und
- Trizyklische Antidepressiva wie Imipramin und Amityptilin.
PRAXISHINWEIS | Weisen Sie Ihre Patienten unbedingt darauf hin, dass Antidepressiva in der Regel erst nach etwa zwei Wochen ihre Wirkung entfalten, trotzdem aber unbedingt so wie vom Arzt angeordnet eingenommen werden müssen. Keinesfalls sollten die Medikamente wegen ausbleibender Besserung der Beschwerden vorzeitig abgesetzt werden. Auch ist vielen Patienten nicht klar, dass Antidepressiva - im Gegensatz zu vielen Schmerz- und Beruhigungsmitteln - nicht abhängig machen oder die Persönlichkeit verändern. |
Psychotherapie
Psychotherapien werden bei einer Depression häufig begleitend eingesetzt, etwa als Verhaltenstherapie oder auch als tiefenpsychologisches Behandlungsverfahren. Voraussetzung ist immer die Mitarbeit des Patienten.
Das gesamte Praxisteam ist gefordert
Vor etwa fünf Jahren wurde erstmals untersucht, wie MFA direkt an der Betreuung depressiver Patienten mitwirken können. In der PRoMPT-Studie (siehe PPA 01/2010, Seite 1) riefen speziell geschulte MFA regelmäßig einmal im Monat die durch die Praxis betreuten depressiven Patienten an. Sie gingen mit ihnen einen Fragenkatalog durch und erfassten unter anderem das aktuelle Befinden sowie Probleme bezüglich der Therapie. Anschließend leiteten sie einen strukturierten Kurzbericht an den Hausarzt weiter, der dann seine Therapie überprüfen und eventuell anpassen konnte.
Nach zwölf Monaten einer solch intensiven Betreuung wurde die Studie ausgewertet. Und es zeigte sich tatsächlich, dass die eng betreuten Patienten weniger depressiv waren als diejenigen ohne regelmäßigen Kontakt zur MFA. So wird eine optimierte wohnortnahe, ambulante Betreuung depressiver Patienten ermöglicht. Eine solche Betreuung bedeutet für das Praxisteam zwar einen Mehraufwand, wurde von den in der Studie befragten Hausärzten und MFA aber positiv beurteilt.