· Fachbeitrag · Fortbildung
Die Diabetes-Nanny - Hilfe für Kinder und Familie
von Petra Meisel, Medienbüro Medizin (MbMed), Hamburg
| Mary Poppins gehört zu den bekanntesten Nannys. Das Kindermädchen ist immer dort zur Stelle, wo sie gebraucht wird. Nannys unterstützen Familien, indem sie sich um die Kinder kümmern, während die Eltern bei der Arbeit sind. Häufig sind sie mit ihrer Erfahrung eine wertvolle Stütze für die Kindererziehung. Sogenannte Diabetes-Nannys bringen zusätzlich medizinisches Wissen mit: Sie springen ein, wenn ein Kind an Diabetes erkrankt und helfen der Familie, ihren Alltag wieder weitgehend zu normalisieren. Denn mit dieser Diagnose verändert sich das Familienleben grundlegend. |
Diabetes ist bei Kindern verbreiteter als allgemein bekannt
Viele Menschen halten Diabetes auch heute noch für eine reine Alterskrankheit. Dabei erkranken in Deutschland nach Angaben der Deutschen Diabetes-Hilfe jährlich 25.000 bis 30.000 Kinder an Diabetes Mellitus Typ 1 - Tendenz steigend. Laut der Stiftung Dianiño kommen derzeit täglich zwischen fünf und sechs Neuerkrankungen dazu.
Erkrankt ihr Kind an Diabetes, sind die Eltern oftmals vor Angst wie gelähmt, da die Krankheit ihnen zunächst lebensbedrohlich für ihr Kind erscheint. Die Diabetes-Nanny kann mit ihrem Fachwissen helfen, diese Angst zu lindern: Denn Diabetes bleibt zwar ein Leben lang, dennoch können die Erkrankten mit entsprechenden Maßnahmen ein langes Leben führen - ganz ohne Folgeerkrankungen wie Erblindung, Amputation, Nieren- und Nervenschäden. Und es kann ein Leben mit Lebensqualität sein, bei dem Kinder nicht auf ihre Kindheit verzichten müssen.
Diabetes-Nanny: Mit Rat und Tat an der Seite der Familie
Nach der ersten Diagnose steht meist der gesamte Tagesablauf der Familie Kopf, weil sich alles um das kranke Kind und seine Behandlung dreht: Wie und wann wird der Blutzucker gemessen, wann müssen welche Dosen Insulin verabreicht werden, welche Einschränkungen gibt es bei der Ernährung? Diabetes-Nannys kommen anfangs bis zu dreimal pro Woche in die Familie und machen sie mit der neuen Situation vertraut. Sie schulen Kinder, Jugendliche und Eltern, bis sie sich sicher im Umgang mit den medizinischen Anforderungen fühlen.
Aber auch in psychologischer Hinsicht leisten sie Schützenhilfe. Kinder mit Diabetes müssen mitunter täglich bis zu acht Mal gespritzt werden - tagsüber und manchmal sogar nachts. Es ist für Eltern anfänglich schwer, ihren Kindern die Disziplin von Messen und Spritzen abzuverlangen und ihnen körperlichen Schmerz durch die Injektionen zuzufügen. Gerade die Kleinsten verstehen nicht, warum sie auf Süßigkeiten verzichten müssen und Mama oder Papa sie dauernd piksen.
Die Nanny kann als neutrale Instanz ganz anders auf Kinder einwirken, ihnen die Notwendigkeiten und den damit verbundenen Schmerz erklären. Das befreit Mama und Papa aus der Rolle als „Buhmann“. Außerdem spenden die Nannys Eltern Trost und motivieren, konsequent mit der Therapie fortzufahren. Auch bei Jugendlichen in der Pubertät sind sie oft die besseren Gesprächspartner: Pubertierende erleben so etwas wie das zweite Trotzalter, in dem sie sich gegen alles und jeden stellen - vor allem gegen ihre Eltern. Diabetes-Nannys haben größere Chancen, Teenager davon zu überzeugen, wie ernst die Folgen für sie sein können, wenn sie ihre Therapie schleifen lassen.
Zur Stelle bei Notfällen
Die Scheidung der Eltern, die schwere Erkrankung eines Elternteils, eine komplizierte Schwangerschaft oder die Geburt eines Geschwisterkinds stellen jede Familie vor Herausforderungen. Für Familien mit einem Diabetes-Kind kann die Zusatzbelastung so schwer wiegen, dass der Alltag aus dem Ruder gerät. Dann springt die Nanny ein. Das Gleiche gilt für Familien mit sozialen Problemen, wie etwa Arbeitslosigkeit, Suchtproblemen oder psychischen Erkrankungen - die Diabetes-Nanny ist überall dort zur Stelle, wo die Versorgung des kranken Kindes nicht mehr gewährleistet ist oder die Eltern dringend eine Auszeit benötigen.
Diabetes-Nannys klären auch das soziale Umfeld auf
Von Kindergeburtstag bis Schullandheim - Kinder mit Diabetes sind mitunter sozial ausgegrenzt, weil ihre sozialen Kontakte aus Unkenntnis Angst haben, etwas falsch zu machen. Ob Eltern der Schulfreundin, Hort, Schule oder Ausbildungsstätte: Die Diabetes-Nanny sucht das Gespräch, klärt auf und gibt konkrete Hilfestellungen. Sie stärkt aber auch Kindern und Eltern den Rücken, selbstbewusst und offensiv mit der Krankheit umzugehen und so ihrem Umfeld mehr Wissen zu vermitteln.
Praxisaushang: Diabetes-Nanny
Zaubern wie Mary Poppins können Diabetes-Nannys nicht. Aber sie machen das Leben für Kinder mit Diabetes ein ganzes Stück kindgerechter. Diabetes-Nanny kann jeder werden, der Erfahrung mit Kindern und/oder Diabetes hat. Die Aufgabe eignet sich dementsprechend für MFA, die als Diabetesassistentin (siehe PPA Nr. 05/2012, Seite 7) ausgebildet sind oder in einer Kinderarztpraxis arbeiten. Eine wichtige Eigenschaft brauchen aber alle Diabetes-Nannys: ein großes Herz, denn die Arbeit ist ehrenamtlich. Ein Aushang, der über das Angebot und die Person der Diabetes-Nanny informiert, ist gleichermaßen ein Stück Öffentlichkeitsarbeit für die gute Sache und für Ihre Praxis.
Weiterführende Hinweise
- Interessentinnen können sich telefonisch unter 0160 968 168 78 oder per Mail an info@stiftung-dianino.de bei der Stiftung Dianiño (www.stiftung-dianino.de) bewerben.
- Die Website der Deutschen Diabetes-Hilfe (www.diabetesde.org/kinder) bietet viele hilfreiche Informationen und Adressen für Eltern und Kinder. So werden etwa speziell auf an Diabetes erkrankte Kinder angepasste Sport- und Freizeitaktivitäten vorgestellt.