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·Wirtschaftsstudie

Gefahr von 9 Millionen „Zombie-Jobs“ ‒ 13.000 Unternehmen sind bereits „scheintot“

Bild:© m.mphoto - stock.adobe.com

von Jörg Thole, Chefredakteur, IWW Institut

| Ist das deutsche Modell der Kurzarbeit eine Erfolgsgeschichte? Die Europäische Zentralbank (EZB) lobt: 35 Mio. Arbeitnehmer seien aktuell in den fünf größten europäischen Volkswirtschaften wegen der Corona-Pandemie in Kurzarbeit. Im Vergleich zu den USA sei das ein Erfolg. Doch das Lob kommt verfrüht: Eine Wirtschafts-Studie spricht von 13.000 scheintoten Unternehmen in der Eurozone ‒ eine „Zombifizierung“ durch Subventionen sei im Gange. Die Gefahr: 20 Prozent der Kurzarbeiter könnten in 2021 Ihren Job verlieren. Die Brand-Studie wurde herausgegeben von Allianz Research in Kooperation mit dem Kreditversicherer Euler Hermes. |

EZB-Analyse ohne Weitsicht

Sehr früh kommt die EZB nach einem Bericht der Agentur Reuters zu dem Schluss, dass das Modell „Kurzarbeit“ (Made in Germany) ‒ wie schon in der Finanzkrise ‒ auch in der Coronakrise die Wirtschaft in Europa stabilisiert habe. Ohne Kurzarbeit hätten die Haushalte in der Euro-Zone auf dem Höhepunkt der Corona-Eindämmungsmaßnahmen 22 Prozent ihrer Arbeitseinkommen verloren. Tatsächlich seien nur 7 Prozent verloren gegangen (halb so viel wie in den USA). Ist das also ein voller Erfolg? Politiker fabulieren prompt, dass „wir die Krise bewältigt“ hätten. Dem ist nicht so! Im Gegenteil.

Zombie-Jobs: 13.000 scheintote Unternehmen in Eurozone

Klartext spricht eine Studie von Allianz Research: Danach gibt es schätzungsweise 13.000 scheintote Unternehmen in der Eurozone. Die Kurzarbeits-Systeme könnten den Verlust von Arbeitsplätzen daher bestenfalls verschieben. Nach Berechnungen der Allianz-Research-Ökonomen würde die „Zombie-Beschäftigung“ aktuell 6 Prozent der Gesamtbeschäftigung entsprechen. Damit ist gemeint, dass die Unternehmen sozusagen Zombies beschäftigen, weil sie eigentlich (ohne Niedrigzins und Subventionen) nicht überlebensfähig wären.

 

 

 

Nach Stand der Dinge identifiziert die Studie sechs Branchen, bei denen nicht sicher ist, ob sie nach der Krise wieder „schnell aufblühen“ werden. In der Studie ist von Late-bloomer-Sectors (Spätblüher-Branchen) die Rede.

 

  • Transport und Lagerung
  • Unterkunft und Verpflegung
  • Kunst, Unterhaltung und Erholung
  • Einzelhandel und Großhandel
  • Industrie
  • Bauwesen

 

Lohnsubvention als Medizin für kranke Unternehmen

Die Länderregierungen versuchten nun händeringend zu vermeiden, dass bei den betroffenen Unternehmen „zu früh der Stecker gezogen wird“. Das Mittel: De-facto-Lohnsubventionen, um eine Erholung zu ermöglichen. Doch ob die Medizin wirkt, werde erst Ende 2021 zu sehen sein. Das sind die Risiken:

 

  • 1. Andauernde Hygienebeschänkungen wirken sich weiterhin direkt auf die Aktivitäten dieser Branchen aus: soziale Distanzierung in Handel und Gastronomie, Verbote internationaler Reisen oder Veranstaltungen.
  •  
  • 2. Die selbst auferlegte soziale Distanzierung wegen Ansteckungsbedenken wirkt weiter, selbst wenn Beschränkungen aufgehoben werden ‒ vor allem beim Verbrauch von Waren und Dienstleistungen, die direkten Kundenkontakt / soziale Interaktion erfordern (Reisen, Einzelhandel, Freizeitaktivitäten).
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  • 3. Wirtschaftliche Unsicherheit, die von weit verbreiteten Beschäftigungs- und Insolvenzängsten getrieben wird, wirkt als Einstellungs- und Investitionsbremse.
  •  
  • 4. Die Abhängigkeit von der Erholung der Auslandsnachfrage wird einige Sektoren ‒ von Industrie und Verkehr bis hin zu touristischen Aktivitäten ‒ in der Wachstumsdynamik bis mindestens 2022 bremsen.

 

In den betroffenen Branchen seien 115 Millionen Arbeitnehmer ‒ also 49 Prozent der Gesamtbeschäftigten gebunden.

 

MERKE |

In der Eurozone gibt es schätzungsweise 13.000 scheintote Unternehmen. Sie haben Gesamtumsätze von rund 500 Mrd. Euro. Nur durch die andauernde Niedrigzinsphase konnten sie sich bislang über Wasser halten.

 

Das Risiko einer Zombifizierung droht 9 Millionen Arbeitnehmern (Kurzarbeitern) in den fünf größten europäischen Ländern. Im Jahr 2021 droht diesen Menschen der Jobverlust.

 

„Wir nennen das Zombie-Jobs“, heißt es wörtlich in der Studie.

Quelle: Allianz-Reseach/Euler Hermes

 

Ratschläge an die Politik

  • Mehr Qualifizierung und Vermittlung ‒ das heißt: Statt Menschen in Spätblüherbranchen zu Zombifizieren, sollten sie sich für Schnellblüher-Branchen (z.B. Gesundheit, IT) qualifizieren und den Job wechseln.
  • Fokussierung auf jüngere Arbeitssuchende: In Krisenzeiten besteht die Gefahr, dass Schulabgänger keine Lehre ‒ oder nach der Lehre keine Anstellung finden.
  • Förderung von Menschen, die sich für Mobilität und Umschulung entscheiden und Mitarbeiter, die ein eigenes Unternehmen gründen. So kann das Risiko von Arbeitslosigkeit eingedämmt werden.
  • Für Neueinstellungen sollten Unternehmen Subventionen erhalten.

Euler Hermes hat den Blick auf die Weltwirtschaft

  • Die Weltwirtschaft steht 2020 mit minus 3,3 Prozent beim globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) vor der größter Rezession seit dem 2. Weltkrieg. Das entspricht Verlusten von 9 Billionen US-Dollar (USD).
  • Auch der Welthandel befindet sich 2020 in einer tiefen Rezession mit minus 15 Prozent, die Verluste dürften sich auf 3,5 Billionen USD belaufen.
  • Eine Pleitewelle ist in Sicht: Die weltweiten Insolvenzen dürften in 2020 um 20 Prozent steigen, USA (+25 Prozent) und Europa (+19 Prozent). Zum Vergleich: 2019 lag der Zuwachs noch bei 8 Prozent.

 

  • Prognose für Deutschland: Rezession

In Deutschland werden mindestens 10 Prozent mehr Pleiten allein in diesem Jahr erwartet, ohne staatliche Maßnahmen wahrscheinlich noch wesentlich mehr. Mit einer Kontraktion des deutschen BIP von minus 8,9 Prozent rutscht auch die deutsche Wirtschaft in eine tiefe Rezession.

 

„2020 versprach ursprünglich eigentlich ein eher ruhiges Jahr zu werden“, sagt Ludovic Subran, Chefvolkswirt von Allianz und Euler Hermes. „Zwar mit einigen geopolitischen Unsicherheiten, einem weiterhin schwelenden Handelskonflikt ‒ aber auch mit einem zarten Wachstum bei Welthandel und Weltwirtschaft. Ein Jahr des ‚Durchmogelns‘. Eigentlich.“

Mit Corona kam der schwarze Schwan

Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste: Exportkrise, das Beben an den Finanzmärkten, Ölpreisschock ‒ und jetzt Konsumschock.

 

„2020 bricht die Weltwirtschaft nach unseren aktuellen Prognosen voraussichtlich doppelt so stark ein wie in der Finanzkrise. Die Verluste sind so hoch wie die Wirtschaftskraft (BIP) von Deutschland und Japan zusammen. Das hinterlässt Spuren wie bei einem Meteoriteneinschlag, die nicht von heute auf morgen wieder verschwinden“, so Subran. Und Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes ergänzt:

 

„Auf die Unternehmen rollt eine regelrechte Pleitewelle zu.“

 

 

(Quellen: ots / Allianz Research / Euler Hermes)

Quelle: ID 46657953