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· Fachbeitrag · Leitlinien

Evidenzbasierte Therapie mithilfe von Leitlinien

von Silke Jäger, ergoscriptum | Texte für Reha und Therapie, Marburg

| Niedergelassene Therapeuten sollen und wollen evidenzbasiert arbeiten. Doch wie lässt sich dieser Anspruch in der Praxis umsetzen? Leitlinien können dabei gute Dienste leisten - wenn man einige Dinge beachtet! |

Was sind Leitlinien und wer erstellt sie?

Leitlinien sind klar und verständlich formulierte Handlungsempfehlungen zur Diagnostik und Therapie von einzelnen Krankheitsbildern. Sie geben im Idealfall den aktuellen Forschungsstand wieder und basieren auf Meinungen und Erfahrungen von Experten. An der Entwicklung von Leitlinien sind in der Regel viele medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaften und Kostenträger beteiligt, damit die Handlungsempfehlungen nach Möglichkeit multidisziplinäre Gültigkeit haben. So engagieren sich auch Heilmittelverbände bei der Erarbeitung von Leitlinien. Das tun sie, um die unterschiedlichen therapeutischen Interventionsmöglichkeiten als State-of-the-Art zu etablieren und standardisierte Therapieabläufe zu fördern.

 

Leitlinien sind - anders als Richtlinien - rechtlich nicht bindend, sondern müssen an den Einzelfall angepasst werden. Sie wollen eine Orientierungshilfe sein und beziehen häufig neben diagnostischen und therapeutischen Aspekten auch ökonomische mit ein.

Wo finden Therapeuten Leitlinien?

Die wichtigste und größte Plattform für die Leitlinien-Recherche ist die Internetplattform der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF; www.awmf.org). In der AWMF sind über 160 medizinische Fachgesellschaften organisiert. Die Plattform ermöglicht den Zugang zu allen medizinischen Leitlinien für jeden Interessierten. Man kann sich dort per Newsletter oder RSS-Feed über neue oder aktualisierte Leitlinien informieren lassen. Die Plattform ist darüber hinaus ein guter Startpunkt für weitreichendere Recherchen rund um Evidenzbasierung und Forschung.

 

Hintergrundwissen zu den Leitlinien bietet die Internetseite des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ), www.leitlinien.de. Wer spezifischere Informationen über Leitlinien für Therapeuten sucht und Mitglied in einem Heilmittelverband ist, findet auf der Website in der Regel eine Liste der Leitlinien, an denen der Verband mitgearbeitet hat und/oder die für die jeweilige Berufsgruppe relevant sind.

Arten von Leitlinien

Es gibt unterschiedliche Arten von Leitlinien, die in Sprachstil und Methodik auf verschiedene Zielgruppen abgestimmt sind:

 

  • Medizinisch-therapeutische Leitlinien: Sie richten sich in erster Linie an Ärzte und medizinisches Fachpersonal.

 

  • Nationale Versorgungsleitlinien (NVL): Sie sollen für eine strukturierte medizinische Versorgung sorgen.

 

  • Patientenleitlinien: Sie klären über empfehlenswerte Therapien auf.

 

  • Expertenstandards: Sie richten sich in erster Linie an Pflegeberufe.

Wie lässt sich die Qualität von Leitlinien beurteilen?

Die Qualität der Leitlinien ist sehr unterschiedlich, je nachdem wie transparent und wissenschaftlich der Entwicklungsprozess war. Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Qualität von Leitlinien zu beurteilen. Folgt man dem Klassifizierungsmodell der AWMF, orientiert man sich an den drei Entwicklungsstufen S1 bis S3. Circa 70 Prozent der Leitlinien sind S1-Leitlinien.

 

  • Niedrigste Qualitätsstufe - S1: Die Leitlinie wurde von einer Gruppe von Experten entwickelt. Der Prozess ist nicht standardisiert, meist informell und nicht transparent. Der Leitlinie ist nicht anzusehen, nach welcher Methodik sie erarbeitet wurde.

 

  • Mittlere Qualitätsstufe - S2: Entweder hat eine formal strukturierte Konsensfindung der Entwicklergruppe stattgefunden (S2k) oder eine systematische Recherche liegt der Leitlinie zugrunde (S2e).

 

  • Höchste Qualitätsstufe - S3: Diese Leitlinien basieren auf einem gemeinsamen Expertenkonsens, der nachvollziehbar dargestellt ist, und auf einer systematischen Entwicklung. Sie werden regelmäßig überprüft.

 

Beachten Sie: Eine weitere Bewertungsmöglichkeit bietet das DELBI-System (Deutsches Leitlinien-Bewertungs-Instrument). Es ist eine erläuterte Checkliste zur Beurteilung der methodischen Qualität. Informationen dazu findet man auf der ÄZQ-Website www.leitlinien.de.

Empfehlenswert trotz Kritik

Immer wieder geraten Leitlinien in die Kritik. Hauptgrund dafür ist der immer noch hohe Anteil an S1-Leitlinien. Für die gängigsten Krankheitsbilder stehen mittlerweile jedoch S3-Leitlinien zur Verfügung. Es werden ständig weitere Leitlinien auf der Basis von wisschenschaftlichen Studien entwickelt. Häufig werden aber negative Studienergebnisse nicht oder nur selten veröffentlicht, sodass eine Verzerrung stattfindet. Da die jeweilige Expertengruppe bei ihren Empfehlungen zu einem Konsens kommen muss, fallen viele relevante Behandlungsschritte unter den Tisch und die Leitlinien führen nur wenige Handlungsempfehlungen auf. Trotz allem besteht Einigkeit darüber, dass Leitlinien dazu beitragen, die Behandlungsqualität zu verbessern, solange die Behandler ihre Therapie an den individuellen Patientenbedürfnissen und -gegebenheiten ausrichten.

Quelle: Ausgabe 08 / 2012 | Seite 9 | ID 34413400