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01.09.2005 | Rückstellung für Bestandspflege

So bilden Sie Ihre Rückstellungen in der Praxis

von Steuerberater Jürgen Hegemann, Stuttgart, und Steuerberater Torsten Querbach, Frankfurt

Versicherungsmakler dürfen Rückstellungen für Bestandspflege bilden, wenn der Versicherer keine Bestandspflege-Courtagen zahlt und durch die Courtage die Betreuung bereits abgegolten wird. Dies hat der Bundesfinanzhof (BFH) bekanntlich entschieden (Urteil vom 28.7.2004, Az: I R 63/03; Abruf-Nr. 043010; Urteil vom 19.8.2002, Az: VIII R 30/01; Abruf-Nr. 021603).

Jetzt zeigt sich in der Praxis, dass die Finanzämter nicht leicht zu überzeugen sind. Deshalb zeigen wir Ihnen anhand eines konkreten Praxisbeispiels, wie Sie in der Praxis vorgehen.

Rückstellung für den Erfüllungsrückstand

Die Verpflichtung des Versicherungsmaklers gegenüber dem Versicherer, die bereits abgeschlossenen Lebensversicherungsverträge künftig zu betreuen, beruht auf der Courtage-Vereinbarung. Bei der Vermittlung der Lebensversicherungsverträge und ihrer weiteren Betreuung gegen Zahlung einer einmaligen Courtage handelt es sich jeweils um ein schwebendes Geschäft.

Schwebende Geschäfte

Das Vermittlungsgeschäft ist ein schwebendes Geschäft, weil es mit der Zahlung der Courtage noch nicht abgeschlossen ist und weil die Bearbeitung von Versicherungsverträgen auch nicht nur eine unwesentliche Nebenleistung ist (BFH, Urteil vom 14.10.1999, Az: IV R 12/99; Abruf-Nr. 000186).

Erfüllungsrückstand

Der Versicherungsmakler befindet sich in einem so genannten Erfüllungsrückstand. Das heißt: Er hat weniger geleistet, als er nach dem Vertrag für die bis dahin vom Versicherer erbrachte Leistung insgesamt leisten musste. Folgende Tatsachen sind unbeachtlich:

  • Dass sich bei schwebenden Geschäften die vertraglichen Rechte und Pflichten gegenseitig bedingen, schließt einen Erfüllungsrückstand nicht aus.
  • Die Tatsache, dass Lebensversicherungsverträge möglicherweise erst nach Ablauf eines längeren Zeitraums zu bearbeiten sind, steht der Bildung einer Rückstellung nicht entgegen.
  • Dass die Vereinbarung mit der Versicherungsgesellschaft zu "neuen" Courtage-Erträgen führen kann.
    Einzelheiten zur Rückstellungsbildung

    Erhalten Sie keine Vergütung für die Betreuung der Versicherungsverträge, müssen Sie eine Rückstellung für den Erfüllungsrückstand dem Grunde nach bilden (§ 249 Absatz 1 Handelsgesetzbuch [HGB], § 5 Absatz 1 Einkommensteuergesetz [EStG]).

    Höhe und Abzinsung

    Für die Ermittlung der Höhe ist der zu erwartende Aufwand Bemessungsgrundlage (dazu nachstehend mehr). Den Aufwand müssen Sie abzinsen (Abzinsungsverpflichtung in der Steuerbilanz, § 6 Absatz 1 Nummer 3a Buchstabe e EStG).

    Zeitliche Berücksichtung

    Sie müssen die neue BFH-Rechtsprechung in der letzten änderbaren Handels- und Steuerbilanz berücksichtigen (OFD Düsseldorf, Verfügung vom 8.12.2004, Az: S 2141 A - St 11 [D]; Abruf-Nr. 050695).

    Soweit Sie die Änderung der höchstrichterlichen Rechtsprechung nicht umgesetzt haben, wird nur der aktuelle Jahresabschluss, nicht aber die bereits dem Finanzamt vorliegenden Jahresabschlüsse fehlerhaft (BFH, Urteil vom 21.11.1989, Az: VIII R 173/85, BFH/NV 1990, 429). Haben Sie die Steuerbilanz 2003 bereits beim Finanzamt eingereicht, entsprach diese den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung (§ 4 Absatz 2 Satz 1 EStG). Damit kann die Rückstellung mit ihrer maximalen Auswirkung erstmals (in voller Höhe) im Wirtschaftsjahr 2004 berücksichtigt werden.

    Ermittlungs- und Berechnungsschema

    Einige Vorarbeit ist notwendig, um die Rückstellungshöhe zu ermitteln. Sie sollten wie folgt vorgehen:

    1. Ermittlung des Versicherungsbestands

    Ermitteln Sie zunächst den Bestand an Versicherungsverträgen. Entnehmen Sie dazu die Werte aus Ihrem Verwaltungsprogramm oder den Bestandslisten, die der Versicherer für Sie führt.

    2. Ermittlung der Verträge mit Folge-Courtage

    Separieren Sie die Versicherungsverträge, für die der Versicherer eine Betreuungs-/Folge-Courtage zahlt. Die Werte entnehmen Sie auch hier aus dem Verwaltungsprogramm oder den Bestandslisten.

    Wichtig: Soweit der Betreuungsaufwand die künftigen Folge-Courtagen übersteigt, dürfen Sie den Unterschiedsbetrag der Rückstellung zuführen.

    3. Ermittlung der durchschnittlichen Laufzeit

    Ermitteln Sie die durchschnittliche Laufzeit. Ein vereinfachtes Gliederungsverfahren zum Beispiel in Fünf-Jahresschritten sollte möglich sein. Das Ende der Laufzeit wird endgültig durch das Ende Ihrer gewerblichen Tätigkeit bestimmt.

    4. Personenzuordnung

    In kleineren Maklerbüros wird der Inhaber wohl in die Betreuung der Kunden eingebunden sein, in größeren nicht immer. Stellen Sie fest, wer die Verträge betreut. Unterscheiden Sie zwischen Ihrer Betreuung und der Ihrer Mitarbeiter. Nur für letztere können Sie den Aufwand ansetzen.

    Unser Tipp: Eine höhere Rückstellung erzielen Sie, wenn allein Ihre Mitarbeiter die Verträge betreuen. Regeln Sie in einem Geschäftsverteilungsplan, dass Ihre Mitarbeiter sich um die Betreuung der Kunden kümmern und Sie sich um die Neukunden-Akquise.

    5. Betreuungsaufwand

    Ermitteln Sie die durchschnittlichen Betreuungsstunden. Für die systematische Darstellung sollten Sie eine Unterscheidung vornehmen, zum Beispiel nach Lebens-, Sachversicherungen, "Rürup-Verträgen", "Riester-Verträgen" und sonstigen Verträgen.

    6. Berechnung

    Ermitteln Sie zuletzt die Rückstellungshöhe. Dazu nachfolgend ein Beispiel aus der Praxis.

    Beispiel

    Versicherungsmakler S betreut mit zwei Mitarbeitern seine Kunden. Seine Mitarbeiter haben einen Stundensatz von 25 Euro. bzw. 20 Euro. S hat 1.500 Verträge in seinem Bestand. 250 Verträge sind mit Betreuungs-Courtagen ausgestattet, 1.250 ohne. 400 Verträge haben laut Auskunft des Versicherers durchschnittlich 12 Jahre, 750 Verträge rund 8 Jahre und der Rest rund 5 Jahre Laufzeit, und zwar wie folgt:

     12 Jahre8 Jahre5 Jahre
    Lebensversicherungen32052530
    Sachversicherungen010025
    "Rürup-Verträge"5  
    "Riester-Rente"75  
    Sonstige Verträge 12545

    Die Bestandspflege übernehmen alle drei zu gleichen Teilen. Der Betreuungsaufwand ist je nach Vertrag unterschiedlich:
     
    Lebensversicherungen2 Stunden/Wirtschaftsjahr
    Sachversicherungen1 Stunde/Wirtschaftsjahr
    "Rürup-Verträge"4 Stunden/Wirtschaftsjahr
    "Riester-Verträge"5 Stunden/Wirtschaftsjahr
    Sonstige Verträge1 Stunde/Wirtschaftsjahr
    S berechnet seine Rückstellungen wie folgt:
    Ermittlung der Rückstellung für Erfüllungsrückstand
    Determinanten   
     BestandStunde(n)Durchschnittliche Laufzeit
       (12 Jahre)(8 Jahre)(5 Jahre)
    Lebensversicherungen875232052530
    Sachversicherungen1251--10025
    "Rürup-Verträge"545----
    "Riester-Verträge"75575----
    sonstige Verträge1701--12545
     1.250 400750100
    (Brutto-)Rückstellung(= Bestand x Stunde(n) x Laufzeit)
    Lebensversicherungen  7.6808.400300
    Sachversicherungen  --800125
    "Rürup-Verträge"  240----
    "Riester-Verträge"  4.500----
    sonstige Verträge  --1.000225
          
    (Netto-)Rückstellung(= Brutto-Rückstellung x Abzinsungsfaktor)
       Abzinsungsfaktor
       0,5260,6520,765
    Lebensversicherungen  4.038,685.476,80229,50
    Sachversicherungen  --521,6095,63
    "Rürup-Verträge"  126,24----
    "Riester-Verträge"  2.367,00----
    sonstige Verträge  --652172
          
    Mitarbeiterrückstellung(= Netto-Rückstellung x 1/3 x Betreuungsaufwand)
       1. Mitarbeiter (25 Euro)
    Lebensversicherungen  33.655,6745.640,001.912,50
    Sachversicherungen  --4.346,67796,92
    "Rürup-Verträge"  1.052,00----
    "Riester-Verträge"  19.725,00----
    sonstige Verträge  --5.433,331.433,33
       2. Mitarbeiter (20 Euro)
    Lebensversicherungen  26.924,5336.512,001.530,00
    Sachversicherungen  --3.477,33637,53
    "Rürup-Verträge"  841,60----
    "Riester-Verträge"  15.780,00----
    sonstige Verträge  --4.346,671.146,67
          
    Gesamtrückstellung  Summe
    Lebensversicherungen  60.580,2082.152,003.442,50
    Sachversicherungen  --7.824,001.434,45
    "Rürup-Verträge"  1.893,60----
    "Riester-Verträge"  35.505,00----
    sonstige Verträge  --9.780,002.580,00
    Summe    205.191,75

    S muss eine Rückstellung von 205.191,75 Euro bilden. Würden nur seine Mitarbeiter betreuen, läge sie bei knapp 308.000 Euro.

    Quelle: Ausgabe 09 / 2005 | Seite 13 | ID 98611