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· Fachbeitrag · Medizinwissen

Übergewicht im Alltag abbauen - geht das überhaupt?

von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn

| In Deutschland sind fast zwei Drittel aller Männer und über die Hälfte der Frauen übergewichtig. Besonders erschreckend ist, dass bereits 15 Prozent der Jungen und Mädchen unter 18 Jahren übergewichtig sind. Unbestritten sind die zahlreichen negativen Folgen für die Gesundheit der Betroffenen. Angefangen beim vermehrten Auftreten von Diabetes mellitus über Bluthochdruck bis hin zu zahlreichen Krebserkrankungen: Übergewicht ist Risikofaktor für eine Vielzahl von Erkrankungen. |

Die Rolle von Arzt und Praxisteam

Dem Hausarzt und Ihnen als MFA kommt bei der Bekämpfung der Adipositas eine Schlüsselrolle zu. Denn Übergewicht kann durch eine konsequente Verhaltensänderung durchaus reduziert werden. Das ist für den Patienten zwar oft schwierig, mit therapeutischer Unterstützung aber möglich. Damit dies gelingen kann, bedarf es unter anderem der regelmäßigen Ansprache und Motivation des Patienten durch den Arzt bzw. durch Sie als MFA.

Vor der Therapie steht die Diagnose

Übergewicht lässt sich in der Regel bereits optisch gut erkennen. Von der WHO werden Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit) mithilfe des Body-Mass-Index (BMI, Körpermasse-Index) definiert. Wenn Sie Größe und 
Gewicht Ihres Patienten kennen, können Sie den BMI leicht berechnen:

 

  • Formel zur Berechnung des BMI

 

BMI =

Körpermasse [kg]

___________________________ 

Körpergröße [m]2

 

Alternativ finden Sie im Internet zahlreiche Online-Rechner, die Sie zur 
Ermittlung des BMI verwenden können (siehe weiterführende Hinweise).

 

  • Normwerte des BMI (für Erwachsene)
BMI [in kg/m2]
Körpergewicht

< 18,5

Untergewicht

18,5 - 24,9

Normalgewicht

25 - 29,9

Präadipositas (Übergewicht)

30-34,9

Adipositas, Grad I

35-39,9

Adipositas, Grad II

> 40

Adipositas, Grad III

 

 

Mithilfe des BMI kann eine genaue Klassifizierung des Übergewichtes vorgenommen werden. Neben dem BMI sollten Sie jedoch auch den Taillenumfang des Patienten messen, mit dessen Hilfe die Fettverteilung ermittelt wird.

 

  • Taillenumfang als Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen
Mann
Frau

mäßig erhöhtes Risiko

94 cm

80 cm

stark erhöhtes Risiko

102 cm

88 cm

 

 

Auch weitere Risikofaktoren kardiovaskulärer und metabolischer Erkrankungen sollten unbedingt ermittelt werden: Übergewichtige haben häufig einen erhöhten Blutdruck, einen Diabetes mellitus Typ 2 sowie erhöhte Blutfettwerte. Welche Laborwerte bestimmt werden sollen, wird vom Arzt festgelegt. Ebenso kann er bei Bedarf eine 24-Stunden-Blutdruckmessung anordnen.

 

Dem Patienten sollte zu einer Gewichtsreduktion geraten werden

  • bei einem BMI > 30 oder
  • bei einem BMI zwischen 25 und 29,9, wenn ein erhöhter Blutdruck, ein 
Diabetes mellitus Typ 2 oder eine stammbetonte Fettverteilung vorliegen.

 

 

© Ljupco Smokovski - Fotolia.com

Maßnahmen zur Gewichtsreduktion

Erste Voraussetzung jeder Therapie ist ein motivierter Patient. Der Patient sollte darauf hingewiesen werden, dass eine Gewichtsreduktion immer langfristig angelegt sein muss und von ihm Einsatz und Disziplin gefordert sind.

 

Aufstellung des Therapieprogramms

Raten Sie Ihren Patienten nicht zu strengen Diäten. Es gilt, das Gewicht langfristig zu reduzieren und das Ernährungsverhalten umzustellen. Blitz-Diäten lassen zwar anfangs die Pfunde purzeln, führen aber anschließend häufig zur erneuten schnellen Gewichtszunahme, dem sogenannten Jojo-Effekt. Wichtig ist eine Ernährungsumstellung auf ausgewogene, kalorienreduzierte Kost, 
ergänzt durch Bewegung. Ein Therapieprogramm sollte stets individuell auf den Patienten abgestimmt sein, damit es nicht schon von vornherein scheitert.

 

Ernährungsumstellung

Die Energiezufuhr sollte möglichst um mindestens 500 Kalorien pro Tag 
gesenkt werden. Dabei sollte sich der Patient satt fühlen und keinen Hunger haben. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGE) hat zehn 
Regeln aufgestellt, die auf wissenschaftlicher Basis ein genussvolles und gesundes Essen fördern. Dazu gehört zum Beispiel, viel Getreideprodukte, Obst und Gemüse zu konsumieren und fettreiche Lebensmittel und zuckerhaltige Getränke zu meiden. Wichtig ist es auch, langsam und genussvoll zu essen. Eine Ernährungsberatung kann ebenfalls sinnvoll sein: Durch Analyse der Essgewohnheiten können ungünstige Verhaltensmuster verändert und Regeln für die Nahrungsaufnahme erstellt werden. Eine Liste qualifizierter Ernährungsberater findet sich auf der Website der DGE (siehe weiterführende Hinweise).

 

Regelmäßige Bewegung

Körperliches Training ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des Therapieprogramms. Sinnvoll ist vor allem Ausdauersport wie Schwimmen, Radfahren oder Walking. Die Sportart sollte je nach Vorlieben des Patienten und nach seinem körperlichen Zustand gewählt werden. Nur wer sich gern bewegt, wird das auch regelmäßig tun. Wer bislang keinen Sport getrieben hat, sollte sich vorher allerdings vom Arzt durchchecken lassen. Aber auch schon mehr 
Bewegung im Alltag zeigt positive Effekte. Raten Sie Ihren Patienten, das Auto in der Garage stehen zu lassen und stattdessen zu laufen oder Rad zu fahren, die Treppe statt des Aufzugs zu benutzen oder täglich einen Spaziergang zu 
machen. Wer einer Bürotätigkeit nachgeht, kann Telefon oder Drucker aus seiner unmittelbaren Nähe entfernen, sodass er häufiger einmal aufstehen muss.

 

Motivation des Patienten

Auf sich allein gestellt abzunehmen, ist sehr schwierig. Neben der Motivation durch den Arzt und das Praxisteam ist für die Betroffenen die Unterstützung durch ihre Familie und Freunde sehr wichtig. Auch Selbsthilfegruppen können einen wichtigen Beitrag leisten. Hier können Betroffene Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig Mut machen.

Was, wenn alles nichts hilft?

Wenn der BMI über 30 klettert, Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus oder Bluthochdruck vorliegen und alle Versuche der Gewichtsreduktion erfolglos waren, können Medikamente in Erwägung gezogen werden. Dies sollte aber immer unter ärztlicher Kontrolle erfolgen. Der Wirkstoff Orlistat verringert die Fettaufnahme über den Darm. Auf diesem Wege können etwa zwei bis drei Kilo abgenommen werden. Daher stellt es keinen Ersatz für eine langfristige Ernährungs- und Bewegungstherapie dar. Operative Eingriffe können ab einem BMI über 40 erwogen werden oder ab einem BMI von 35, wenn zusätzlich Begleiterkrankungen vorliegen. Ziel ist es, den Magen zu verkleinern, 
sodass ein Sättigungsgefühl sehr viel schneller eintritt. In der Folge kommt es zu deutlicher Gewichtsabnahme. Allerdings müssen die Patienten sorgfältig ausgesucht werden und eine adäquate Nachsorge gewährleistet sein.

 

Weiterführende Hinweise

Quelle: Ausgabe 12 / 2013 | Seite 4 | ID 42410376