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· Fachbeitrag · Medizinwissen

Nadelstichverletzung - kleiner Stich mit Folgen

von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Medizinjournalistin, Nordhorn

| Schätzungen zu Folge ereignen sich in Deutschland jährlich etwa 500.000 Nadelstichverletzungen in Einrichtungen des Gesundheitswesen. Damit zählt die Nadelstichverletzung zu den häufigsten Arbeitsunfällen in Arztpraxen, Krankenhäusern, Pflegeheimen usw. Besonders gefährdet sind Ungeübte, also Berufsanfänger und Wiedereinsteiger. |

Warum sind Nadelstichverletzungen so gefährlich?

Jede Nadelstichverletzung - egal, ob sie blutet oder nicht - geht mit dem Risiko einer Infektion durch Hepatitis-B-, Hepatitis-C- oder HI-Viren einher. Eine solche Infektion bedeutet für den Betroffenen eine enorme gesundheitliche Belastung. Darüber hinaus kann sie aber auch zur Berufsunfähigkeit mit allen sozialen und ökonomischen Konsequenzen führen.

Wie können Nadelstichverletzungen vermieden werden?

Nadelstichverletzungen treten in den unterschiedlichsten Situationen auf. Sie sollten daher Folgendes beachten:

 

  • Eine Maßnahme des Eigenschutzes ist das Tragen von Handschuhen beim Blutabnehmen und beim Spritzen. Zwar verhindert diese eine Nadelstichverletzung nicht, wohl aber den Kontakt mit möglicherweise infektiösen Flüssigkeiten.

 

  • Weiterhin sollte der Arbeitsplatz groß, hell und sauber sein, um ein optimales Arbeiten zu ermöglichen.

 

  • Unbedingt unterlassen werden muss das so genannte Recapping von Kanülen, das heißt das vorschriftswidrige Zurückstecken der Kanüle in die Schutzkappe. Dies kann automatisch vermieden werden, wenn sichere Instrumente (siehe unten) zur Blutabnahme eingesetzt werden.

 

BEACHTEN SIE | Eine weitere häufige Gefahrenquelle ist die unzureichende Entsorgung gebrauchter Instrumente. Kanülen und andere spitze oder scharfe Gegenstände müssen sofort nach Gebrauch und ohne Zwischenlagerung in einen entsprechenden Behälter abgeworfen werden. Dafür ist es notwendig, dass dieser entweder in jedem Raum vorhanden ist oder dass er zu den entsprechenden Eingriffen mitgenommen wird. Ein Kanülenabwurfbehälter muss durchstichsicher, flüssigkeitsdicht, sicher verschließbar und bruchfest sein.

Was sind sichere Instrumente?

Sichere Instrumente sind mit einem Sicherheitsmechanismus versehen, der ein ungewolltes Stechen nach dem Gebrauch des Instrumentes nahezu unmöglich macht. Ihre Verwendung in Arztpraxen ist seit Anfang 2008 verpflichtend. So gibt es beispielsweise Injektionsnadeln, die sich nach dem Gebrauch in eine Schutzhülle zurückziehen oder die einen leicht arretierbaren Stichschutz haben.

 

Eine umfangreiche Übersicht solch sicherer Instrumente hat die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) herausgegeben. Hier finden sich zahlreiche Instrumente mit Foto, einer kurzen Beschreibung und Herstellerangaben aufgelistet. Sie kann im Internet auf der Website der BGW eingesehen werden unter http://tinyurl.com/d7jtoq4 

Nicht bagatellisieren, sondern reagieren

Wenn es aber trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch zu einer Nadelstichverletzung kommt, darf dies keinesfalls bagatellisiert oder aus falscher Scham verschwiegen werden. Jetzt heißt es reagieren und handeln. Als erstes sollten Sie den Blutfluss fördern, eventuell auch durch Auspressen der Wunde oberhalb der Verletzung. Dann muss die Wunde sofort gründlich und langanhaltend mit einem Desinfektionsmittel mit einem Ethanolgehalt > 80 Prozent desinfiziert werden.

 

Jede Nadelstichverletzung ist als Arbeitsunfall zu melden und muss dokumentiert werden (zum Beispiel in einem Verbandbuch). Suchen Sie als MFA umgehend einen Durchgangsarzt (D-Arzt) auf. Dieser wird Blut abnehmen, um Ihren Immunstatus festzustellen (Hepatitis-Serologie, HIV-Antikörper-Test). Nur so ist eine etwaige Infektion frühzeitig zu diagnostizieren und nur so können mögliche Ansprüche gegenüber der Berufsgenossenschaft geltend gemacht werden. Alternativ kann im Ausnahmefall die Blutabnahme auch in der eigenen Praxis erfolgen und danach der D-Arzt aufgesucht werden.

Impfung und Postexpositionsprophylaxe erwägen

Neben der Meldung der Nadelstichverletzung ist unter Umständen eine Impfung gegen Hepatitis B bzw. eine Postexpositionsprophylaxe bei HIV einzuleiten. Dies hängt wesentlich vom Infektionsstatus des „Spenders“ (Patienten) ab. Falls dessen Infektionsstatus nicht bekannt ist, sollte nach Möglichkeit vom Patienten Blut zur serologischen Testung abgenommen werden.

 

Hepatitis-B-Impfstoff und eventuell Hepatitis-B-Immunglobulin sollten dem von einer Nadelstichverletzung Betroffenen verabreicht werden, wenn

  • ein unvollständiger oder kein sicherer Impfschutz gegen Hepatitis B vorhanden ist,
  • der Impftiter < 100 IE/l liegt,
  • der Impferfolg nie kontrolliert wurde oder
  • die letzte Impfung länger als zehn Jahre zurückliegt.

 

Stammt das Blut bei einer Nadelstichverletzung von einem bekannten HIV-Patienten, sollte umgehend eine auf HIV spezialisierte Schwerpunktpraxis aufgesucht werden. Hier kann eine postexponentielle medikamentöse Prophylaxe eingeleitet bzw. bei unklarem Infektionsstatus des „Spenders“ eine Postexpositionsprophylaxe erwogen werden. Wichtig ist, dass diese Prophylaxe so schnell wie möglich begonnen wird. Eine HIV-Postexpositionsprophylaxe, die nach mehr als 24 Stunden nach der Verletzung begonnen wird, ist nahezu sinnlos. Ein Verzeichnis der HIV-Schwerpunktpraxen findet sich im Internet unter www.hivandmore.de/aerzteverzeichnis

 

Für die Hepatitis C besteht keine Möglichkeit der postexponentiellen Prophylaxe. Allerdings ist die Erkrankung im Frühstadium gut zu therapieren. Voraussetzung, um eine mögliche Infektion frühzeitig zu erkennen, ist die regelmäßige Kontrolle des Antikörpertiters. Nach drei und sechs Monaten sollte in jedem Fall eine Kontrolluntersuchung mit Bestimmung des Antikörpertiters sowohl für Hepatitis B und C als auch für HIV durchgeführt werden, um festzustellen, ob eine Infektion stattgefunden hat. Die Kosten dieser Untersuchungen übernimmt die gesetzliche Unfallversicherung.

Hepatitis B: Schutz durch Impfung

Vor einer Hepatitis-B-Erkrankung kann sich jede MFA durch eine Impfung wirksam schützen und sollte dies auch unbedingt tun. Dafür sind drei Injektionen notwendig. Die ersten beiden Impfungen erfolgen im Abstand von vier Wochen, die dritte Impfung sechs Monate nach der ersten. Nach diesen drei Injektionen besteht bei 96 Prozent der Geimpften ein Langzeitschutz von zehn Jahren. Dafür sollte der Impftiter ca. acht Wochen nach abgeschlossener Impfung bestimmt werden und > 100 IE/l betragen. Die Impfung sollte nach zehn Jahren aufgefrischt werden.

Quelle: Ausgabe 05 / 2012 | Seite 4 | ID 32967490