· Fachbeitrag · Teammanagement
Wenn Ihre Kollegin häusliche Gewalt erlebt
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
| Haben Sie manchmal das Gefühl, dass eine Kollegin in Ihrer Praxis Gewalt durch ihren Partner erlebt? Dann sprechen Sie sie ruhig darauf an! Gewalt gegen Frauen ist ein gesellschaftliches Problem und Betroffene brauchen Hilfe von außen. Sie befinden sich in einer Gewaltspirale, aus der sie allein nur schwer herauskommen können. |
Häusliche Gewalt kommt fast überall vor
Nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren schon einmal körperliche Gewalt in der Partnerbeziehung erlebt: von der „harmlosen“ Ohrfeige bis zu regelmäßigen schweren Misshandlungen und sexuellem Missbrauch. Betroffen sind Frauen aller Bildungs- und Einkommensschichten, Altersgruppen, Nationalitäten, Religionen und Kulturen. Kulturelle Unterschiede gibt es nur in der Häufigkeit und Schwere der Gewalt. Zwar gibt es auch Männer, die häusliche Gewalt erfahren, aber das kommt, soweit bekannt, eher selten vor.
Die Stabilisierung der Gewaltspirale
Für Außenstehende ist es schwer zu begreifen, warum eine Frau in einer Gewaltbeziehung bleibt. Einer der Gründe ist die sogenannte „Gewaltspirale“.
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Die Zuwendung hält aber nicht lange an, und die Spirale beginnt von vorn. Dabei übernimmt die misshandelte Frau auch einen Teil der Schuld, da es für sie erträglicher ist, nicht gänzlich Opfer zu sein.
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Anzeichen für häusliche Gewalt
Doch wie können Sie erkennen, ob Ihre Kollegin tatsächlich von häuslicher Gewalt betroffen ist? Mit großer Wahrscheinlichkeit liegt Gewalt vor, wenn Sie bei Ihrer Kollegin häufig Verletzungen sehen, die die Kollegin rechtfertigt: Mal sei sie hingefallen, ein anderes Mal sei sie gegen die Tür gelaufen, wieder ein anderes Mal habe sie sich beim Sport verletzt.
PRAXISHINWEIS | Werden Sie auch hellhörig, wenn Sie Verletzungen sehen, die nicht zur Schilderung passen. Und wenn Sie keine Verletzungen sehen, heißt dies noch nicht, dass keine Gewalt vorliegt. Zum Beispiel ist der Täter oft geschickt und schlägt so, dass Wunden nur an bedeckten Körperteilen entstehen. |
Gewalteinwirkung können Sie auch daran erkennen, dass die Person Anzeichen von Traumatisierung zeigt. Betroffene können sich schlecht konzentrieren, sind schreckhaft und niedergedrückt, haben ein geringes Selbstwertgefühl, wirken eingeschüchtert. Es gibt aber auch Phasen, in denen sie sich gut fühlen. Das können die Phasen sein, in denen sich der Täter gegenüber der Frau liebevoll verhält und diese voller Hoffnung ist, dass er sich geändert hat.
Was tun?
Wenn Sie sich aufgrund aller Anzeichen sicher sind, dass Ihre Kollegin häusliche Gewalt erlebt, sprechen Sie sie mit dem notwendigen Feingefühl an. Für die betroffene Kollegin ist die Situation nämlich äußerst beschämend. Es passt schließlich nicht zum modernen Frauenbild, eine Gewaltbeziehung zu ertragen. Der fehlende Mut, den Mann zu verlassen, verursacht tiefe Scham- und Schuldgefühle.
Wählen Sie den richtigen Zeitpunkt!
Sprechen Sie Ihre Kollegin auf jeden Fall allein an und nicht etwa zusammen mit einer anderen Kollegin oder der leitenden MFA. Suchen Sie das Gespräch dann, wenn Sie auch genug Zeit dafür haben. Es ist kein Thema, das sich in der Fünf-Minuten-Pause besprechen lässt. Die Kollegin würde allein mit der Information zurückbleiben, dass Sie Bescheid wissen.
Sprechen Sie das Problem direkt an!
Sprechen Sie direkt, ohne Umschweife. Sagen Sie ruhig, dass Sie seit längerem den Eindruck haben, dass sie zu Hause Gewalt erlebt, geben Sie ein paar Beispiele dafür, warum Sie diesen Eindruck haben (zum Beispiel „die vielen Verletzungen“), und fragen Sie sie, ob es stimmt. Wenn Ihre Kollegin sagt, sie sei nicht von Gewalt betroffen, dann kann das tatsächlich der Fall sein, es kann aber auch sein, dass sie aus Scham oder Angst nicht darüber sprechen will.
PRAXISHINWEIS | Vermeiden Sie auf jeden Fall, Ihre Kollegin zu bedrängen. Sie können nicht mehr tun, als Ihre Hilfe anzubieten. Zumindest weiß Ihre Kollegin jetzt, dass sie mit ihrem Problem gesehen wurde und dass sie mit Ihnen sprechen kann, wenn Sie den Mut dazu verspürt. |
Seien Sie verständnisvoll, nicht belehrend
Sprechen Sie mit Ihrer Kollegin nicht von oben herab, als sei sie lebensuntüchtig und bemitleidenswert. Vermitteln Sie ihr stattdessen Verständnis, dass es nicht leicht ist, sich von einer Beziehung zu lösen. Andernfalls würden Sie ihre Scham und ihre Schuldgefühle verstärken.
PRAXISHINWEIS | Bedenken Sie, dass Ihre Kollegin auch ganz einfach reale Angst um ihr Leben haben kann: Es gibt Männer, die mit Mord drohen, wenn sich die Frau trennen will, und einige töten tatsächlich. |
Lehnen Sie Gewalt klar ab
Machen Sie Ihre Auffassung deutlich, dass Gewalttaten inakzeptabel und durch nichts begründet sind. Was immer zuvor geschehen ist, niemand darf eine Person körperlich (und seelisch) traktieren. Viele Gewaltopfer plagen im Chaos der Gefühle auch Schuldgefühle, die Gewalt provoziert zu haben („Ich bin schuld“, „Er macht eine schwere Zeit durch“ usw.). Mit Ihrer klaren Haltung können Sie Ihre Kollegin stärken, die zwischen dem sicheren Gefühl, dass Gewalt nicht hinzunehmen ist, und ihren Zweifeln hin- und herschwankt.
PRAXISHINWEIS | Die Tat abzulehnen heißt nicht, dass Sie sich über den Partner negativ äußern sollten. Es ist ein Unterschied, ob Sie sagen „Schlagen ist ...“, oder „Dein Mann ist ....“.Viele Frauen fühlen sich ihrem Partner trotz allem auch verbunden. Sie würden diese Seite in ihr in eine Blockadehaltung bringen. |
Bieten Sie konkrete Hilfe an
Schlagen Sie Ihrer Kollegin vor, zu einer Frauenberatungsstelle zu gehen. Dort wird sie über ihre Rechte und andere formale Dinge informiert (zum Beispiel ob es sinnvoll ist, die Polizei einzuschalten) und über Angebote zur psychologischen Unterstützung, allen voran eine Psychotherapie. Machen Sie Ihrer Kollegin klar, dass wir in einem Land leben, in dem es Hilfesysteme gibt und sie mit dem Problem nicht allein fertig werden muss. Wenn Sie dazu bereit sind, können Sie ihr auch anbieten, sie zu begleiten.
Gehen Sie verantwortungsbewusst mit sich selbst um!
Seien Sie sich darüber im Klaren, wie weit Sie mit ihrer Hilfe gehen wollen. Alles, was Sie belasten würde, sollten Sie vermeiden. Wenn die Kollegin zum Beispiel von den Misshandlungen im Detail berichten will und Sie das aber nicht ertragen können, dann sagen Sie ihr das in freundlichem Ton. Sie brauchen keine Sorge zu haben, dass Ihr Verhältnis deshalb Schaden nehmen könnte, im Gegenteil: Sie sind aufrichtig, das wird sie zu schätzen wissen. Außerdem haben Sie schon viel getan, indem Sie sie angesprochen haben.
Weiterführende Hinweise
- Häusliche Gewalt. erkennen - behandeln - dokumentieren. Eine Information für Ärztinnen und Ärzte. Broschüre der Koordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt, Ministerium der Justiz. Als PDF zum Download unter. http://tinyurl.com/nawm2ul.
- Lesen Sie auch den Beitrag „Misshandelte Patienten erkennen“ (PPA 11/2009, Seite 12).