· Fachbeitrag · Beratung und Prävention
„Die meisten Frauen wollen, dass nicht die Beziehung, sondern nur die Gewalt aufhört!“
Interview mit Jennifer Rotter, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit B.I.G. e. V und Marion Winterholler, Referentin der Koordinierungsstelle S.I.G.N.A.L. e. V.
| Zwei der größten Hilfsorganisationen gegen häusliche Gewalt sind die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (B.I.G. e. V.) und die Initiative S.I.G.N.A.L e. V. zur Förderung der Intervention und Prävention in der Gesundheitsversorgung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt. B.I.G. e. V. versteht sich als Koordinator aller Stellen, die bei häuslicher Gewalt involviert sind. S.I.G.N.A.L. e. V. befasst sich vor allem mit der Gesundheitsversorgung von Gewaltopfern. PPA sprach mit Jennifer Rotter von B.I.G e. V. und Marion Winterholler von S.I.G.N.A.L. e. V. über das Phänomen häusliche Gewalt und die Rolle der Hausarztpraxis im Hilfsnetzwerk. |
Redaktion: Frau Rotter, wie hat sich häusliche Gewalt in Deutschland innerhalb der letzten Jahre entwickelt?
Jennifer Rotter: Eine deutschlandweite Statistik gibt es leider nicht. Aber: Bei der B.I.G.-Hotline machen wir die Erfahrung, dass mehr und mehr Menschen anrufen - selbst Betroffene oder auch Unterstützer/-innen. Diese Zahlen sind in den vergangenen Jahren konstant gestiegen - von weniger als 3.000 Anrufen im ersten Jahr des Bestehens (2000) hin zu fast 9.000 Anrufen 2012. Den Trend beobachtet auch die Polizei in Berlin: Es gehen immer mehr Anzeigen wegen häuslicher Gewalt bei ihr ein.
Redaktion: Was ist der Grund dafür?
Jennifer Rotter: Wir gehen davon aus, dass nicht die Gewalt zunimmt, sondern dass immer mehr Fälle davon ans Licht kommen. Insofern ist das für uns eine gute Entwicklung: Mehr Betroffene scheinen früher den Mut zu finden, die Hilfe einzufordern, die ihnen zusteht. Und mehr Menschen aus ihrem Umfeld scheinen eben nicht mehr die Augen zuzudrücken, sondern nach Wegen zu suchen, wie sie helfen können. Davon unabhängig sind die Zahlen natürlich immer noch viel zu hoch: Die einzige aktuelle Dunkelfeldstudie, die es in Deutschland zum Thema gibt, hat gezeigt, dass etwa ein Viertel aller Frauen hier häusliche Gewalt erlebt - die meisten von ihnen massiv und über einen längeren Zeitraum hinweg.
Redaktion: Frau Winterholler, woran kann ein Arzt oder eine Medizinische Fachangestellte (MFA) Opfer häuslicher Gewalt erkennen?
Marion Winterholler: Einige Kliniken und Arztpraxen fragen routinemäßig nach Gewalt in der Partnerschaft, zum Beispiel beim ersten Kontakt. Andere bevorzugen das sogenannte Nachfragen bei Verdacht. Ein Verdacht kann zum Beispiel vorliegen, wenn eine Patientin sichtbare Verletzungen hat, die Erklärungen für die Verletzungen unwahrscheinlich erscheinen oder wenn ein aufdringlicher Partner die Patientin begleitet. Kliniken und Praxen benötigen Handlungsleitfäden mit Abläufen und Informationen und Checklisten über Verdachtsmomente zur Gewährleistung eines guten Versorgungsstandards.
Frage: Frau Rotter, ein Opfer häuslicher Gewalt kann nur Hilfe erhalten, wenn es darüber spricht. Wo sehen Sie für die Betroffenen das Haupthindernis?
Jennifer Rotter: So viele verschiedene Betroffene es gibt, so viele verschiedene Gründe gibt es, nicht über die Gewalt zu sprechen. Oft spielen aber Scham und Angst eine sehr große Rolle: Viele Frauen schämen sich für das, was ihnen angetan wird, und haben Angst davor, was ihre Freundinnen über sie denken oder wie die Nachbarn reagieren würden. Nicht zu unterschätzen ist aber auch die reale Gefahr, die vom Täter ausgeht: Der droht mit Konsequenzen, sollte die Frau mit jemandem sprechen. Die berechtigte Angst vor dieser Eskalation der Gewalt sitzt tief. Dazu kommt: Oft isoliert der Täter die Betroffenen, schränkt den Kontakt zu Freunden und Familien ein und damit die Möglichkeit, sich irgendwem anzuvertrauen. Was man auch nicht vergessen darf: Der Täter ist ja in der Regel nicht 24 Stunden lang gewalttätig. Er ist eben auch der Mann, den die Frau liebt, vielleicht der Vater ihrer Kinder. Die meisten Frauen wollen nicht, dass die Beziehung endet, sie wollen einfach nur, dass die Gewalt aufhört. Diese ambivalente Haltung kann es sehr erschweren, sich anderen zu offenbaren.
Frage: Frau Winterholler, was kann der Arzt oder die MFA tun, um Opfer zu ermutigen, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen?
Marion Winterholler: Zunächst kann die Praxis signalisieren, dass sie sich mit dem Thema auskennt, zum Beispiel durch Aufhängen eines Posters (ein Beispiel ist auf unserer Webseite zu sehen) oder Auslegen von Patienteninformationen. Auch die Frage nach Gewalt in der Beziehung kann Betroffenen signalisieren, dass sie hier über das Erlebte sprechen können.

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Dringend erforderlich ist eine wertfreie, akzeptierende und unterstützende Haltung von Mitarbeitern/-innen des Gesundheitswesens. Klare Fragen und empathische Gesprächsführung sind essenziell dafür, dass sich Betroffene anvertrauen können. Es kann unterstützend sein, zu vermitteln, dass viele Frauen Gewalt in der Beziehung erfahren und kein Grund zur Scham besteht.
Frage: Wie sollte die weitere Hilfestellung aussehen?
Marion Winterholler: S.I.G.N.A.L. e. V. hat einen Handlungsleitfaden entwickelt, der eine gute, praxiserprobte und wissenschaftlich evaluierte Intervention ermöglicht:
S. Sprechen Sie Gewalterfahrungen aktiv an
I. Interview mit konkreten Fragen
G. Gründliche Untersuchung auf alte und neue Verletzungen
N. Notieren und Dokumentieren aller Befunde
A. Abklären einer aktuellen Gefährdung und des Schutzbedürfnisses
L.Leitfaden mit Notrufnummern und Unterstützungsangebote anbieten
Frage: Welche Position nimmt die Arztpraxis im Netzwerk der Opferhilfe ein?
Marion Winterholler: Die Arztpraxis nimmt eine bedeutende Position ein. Mitarbeiter/-innen des Gesundheitswesens sind oft die ersten Professionellen, die von der Gewalt erfahren und sie genießen Vertrauen. Die Gesundheitsversorgung erreicht fast alle Menschen und ist eine wichtige Schnittstelle ins weitere Hilfenetz. Eine gerichtsfeste ärztliche Dokumentation ist sehr hilfreich, wenn Betroffene sich zu rechtlichen Schritten entschließen. Auch im Hinblick auf die immer mitbetroffenen Kinder können Arztpraxen wesentliche Unterstützung und Schutzmöglichkeiten anbieten.
Frage: Frau Rotter, wie sollte eine langfristige umfassende Strategie zur Bekämpfung häuslicher Gewalt aussehen?
Jennifer Rotter: Wichtig ist vor allem, dass häusliche Gewalt in der ganzen Gesellschaft als Straftat und Menschenrechtsverletzung geächtet wird. Es gibt immer noch häufig die starke Tendenz, Täter zu entschuldigen und die (Mit-)Schuld mehr oder weniger unterschwellig den Opfern zu geben. Konkret wird da schon viel getan: Präventionsarbeit mit Kindern, Hilfen für Betroffene und therapeutische Angebote für Täter zu entwickeln, kombiniert mit andauernder Aufklärungsarbeit. Darüber hinaus ist Gewalt in Beziehungen ganz stark in einem gesellschaftlich getragenen Machtgefälle zwischen den Geschlechtern und in unseren Rollenvorstellungen von Männern und Frauen begründet. Zum Beispiel steigt das Gewaltrisiko, wenn sie mehr verdient als er. Von diesen Rollenbildern müssen wir endlich wegkommen: Männer müssen auch schwach sein dürfen, es muss normal sein, dass Frauen sich und ihre Familien ernähren. Es geht also um den Kampf um echte Gleichberechtigung und Gleichbehandlung, wenn man diese Gewalt langfristig eindämmen will.
Weiterführender Hinweis
- Im Bereich Downloads > Arbeitshilfen der Website www.ppa.iww.de finden Sie die B.I.G.- Projektdokumentation und den ausführlichen S.I.G.N.A.L-Leitfaden.