· Fachbeitrag · Kritikgespräche
Mein Chef ist chaotisch! Wie sage ich ihm das?
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
| Die MFA Frau Müller weiß sich keinen Rat: Ihr Chef ist der reinste Chaot! Er ist nicht imstande, die Praxissoftware zu benutzen und macht Fehler, die Frau Müller immer wieder unter großem zeitlichen Aufwand in Ordnung bringen muss. Zudem verlangt er immer wieder von ihr, die Verträglichkeit von Medikamenten telefonisch in der nächsten Apotheke zu erfragen, statt selbst kurz in die Rote Liste zu schauen. Obendrein hält er sich nicht an die Abmachung, die Arbeitszeit von Frau Müller zu verkürzen. Doch wie kann sie als einfache Angestellte den chaotischen Vorgesetzten kritisieren? |
Auf den Ton kommt es an!
Vielleicht haben auch Sie sich schon einmal diese Frage gestellt. Grundsätzlich gilt: Ein Chef wird es sicherlich nicht akzeptieren, wenn Sie Ihre Kritik in einem arroganten und maßregelnden Ton vorbringen. Bleiben Sie emotional neutral: Legen Sie Ihren (berechtigten) Ärger beiseite und stellen Sie sich vor, dass Sie mit jemandem ein Problem besprechen, das es zu lösen gilt.
Schritt 1: Das Gespräch ankündigen
Die Situation ist zu ernst, als dass sie zwischendurch mal abgehakt werden könnte. Sagen Sie Ihrem Chef also bei einer günstigen Gelegenheit, dass Sie ihn gern einmal in Ruhe sprechen würden. Es gebe ein paar Dinge, die Ihnen wichtig seien und die Sie nicht zwischen Tür und Angel besprechen wollten. Bitten Sie ihn um einen Termin. Wenn er fragt, worum es denn geht, was sehr wahrscheinlich ist, bleiben Sie allgemein, zum Beispiel: „Es geht um ein paar Punkte in Bezug auf die Praxis.“ Würden Sie sagen, „Es geht um Ihr Verhalten“, würde er das Gespräch bereits mit einem unguten Gefühl erwarten oder gar nicht erst zusagen. Möglicherweise ist Ihnen selbst ein solches Gespräch „in Ruhe“ unangenehm. Trauen Sie sich trotzdem! Betrachten Sie das Gespräch als Übung für andere unangenehme Gespräche, die Ihnen sicher noch im Leben bevorstehen werden.
Schritt 2: Das Gespräch vorbereiten
Nehmen Sie sich vor dem Gespräch Zeit, um sich Notizen zu machen. Schreiben Sie zunächst auf, was Sie an Ihrer Arbeit mögen, zwei bis drei Beispiele genügen. Dann schreiben Sie Punkt für Punkt nieder, um welches chaotische Verhalten Ihres Chefs es geht, welche negativen Konsequenzen es für Sie oder für die Praxis hat und wie Sie das Problem lösen würden. Wenn es in Ihrem Fall zusätzlich um ein nicht eingehaltenes Versprechen geht, wie bei Frau Müller, notieren Sie sich auch diesen Punkt. Überlegen Sie, wie lange Sie bereit sind, auf die Einlösung zu warten - wo liegt Ihre Schmerzgrenze? Machen Sie sich zudem vorab bewusst, dass Sie sich eine neue Stelle suchen sollten, wenn Ihr Chef kein Einsehen zeigt.
Schritt 3: Das Gespräch führen
Gehen Sie zum Gespräch ruhig mit Ihrem Notizzettel. Sie vergessen dann nichts, und Ihrem Chef wird deutlich, dass das Anliegen ernst ist. Beginnen Sie mit den Worten, dass Sie Ihre Arbeit mögen, dass es aber ein paar Punkte gibt, mit denen Sie unzufrieden sind. Dann gehen Sie Ihre Liste durch.
Keine Person-, sondern Verhaltensaussagen
Achten Sie auf Ihren Ton, wie oben geschildert. Bleiben Sie neutral und sachlich. Verzichten Sie auf Personenaussagen („Sie sind so chaotisch“). Das kommt einem Abstempeln gleich und verletzt Ihr Gegenüber. Machen Sie lieber Verhaltensaussagen: „Sie bringen die Software durcheinander ...“. Da Sie die Kritik nicht in einem maßregelnden Ton anbringen, sollte sie von einem kritikfähigen Menschen angenommen werden können.
Mehr Ich- als Sie-Aussagen
Betonen Sie allerdings mehr die Ich-Aussagen, weniger die Sie-Aussagen: „Es erschwert meine Arbeit, wenn ich die Software wieder in Ordnung bringen muss, es nimmt mir Zeit, die an anderer Stelle fehlt.“ „Ich mache mir immer Sorgen, dass es zu Missverständnissen kommen kann und ein Patient Schaden nimmt, wenn ich bei der Apotheke anrufe.“ Wenn Sie mehr Ich-Aussagen machen, wird Ihrem Gesprächspartner deutlich, dass es ein Problem gibt, das es zu lösen gilt.
Lösungen anbieten
Benennen Sie Lösungen, sofern Sie sie kennen: „Könnten Sie sich vorstellen, doch noch die Rote Liste einzuführen?“ „Wenn Sie wollen, weise ich Sie noch einmal in Ruhe in die Software ein.“ Wenn Ihnen keine Lösung einfällt, muss die Frage lauten: „Haben Sie eine Idee, wie das Problem zu lösen wäre?“ Normalerweise bleibt einem Menschen bei solch konkreter Ansprache nichts anderes übrig, als klar zu antworten. Bleibt Ihr Chef dennoch vage, bestehen Sie freundlich auf konkrete Zusagen.
An Versprechen erinnern und klare Zusage erbeten
In Bezug auf das Versprechen fragen Sie nach: „Sie wissen ja, dass wir vereinbart hatten, dass ich einen Tag weniger arbeiten kann, sobald eine neue Halbtagskraft eingestellt wurde. Das ist jetzt seit 3 Monaten der Fall. Wie sehen Sie das jetzt?“ Wenn er weiterhin unklar bleibt, schlagen Sie ihm Ihre Idealvorstellung vor: „Ich würde gern mit der Arbeitszeitverkürzung im kommenden Monat beginnen“. Wenn er nicht einverstanden ist, verhandeln Sie mit ihm.
Wenn das alles nicht fruchtet ...
Wenn Sie nach dem Gespräch feststellen müssen, dass alles seinen alten Gang nimmt, sollten Sie Konsequenzen ziehen. Beginnen Sie mit der Suche nach einer neuen Stelle. Manche Menschen sind wirklich sehr schwierig und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ändern, ist gering. Sagen Sie sich, dass Sie mit der Kündigungsabsicht etwas Gutes für sich tun. Sie achten Ihre Grenzen und schützen sich vor dem Krankwerden. Außerdem demonstrieren Sie Ihrem Chef, dass eine Angestellte nicht alles hinnehmen muss.