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29.04.2009 | Teammanagement

Den Chef kritisieren? Trauen Sie sich ruhig!

von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau

Wer kennt das nicht? Der Chef oder die Chefin verhält sich in einer Weise, die nicht gut für die Praxis ist oder die Ihnen Ihre Arbeit als Medizinische Fachangestellte (MFA) unnötig erschwert. Aber wie soll man diesen Umstand zur Sprache bringen? Vorgesetzte zu kritisieren, fällt den meisten schwer. Dabei ist es leichter, als man zunächst glaubt. „Praxisteam professionell“ erläutert Ihnen die wichtigsten Regeln zum Kritisieren Ihres Chefs.  

Auch beim Chef: Beachten Sie die Regeln des Kritisierens

Zunächst einmal gelten auch beim Kritisieren des Chefs die allgemeinen Kritikregeln:  

 

  • Warten Sie nicht zu lange mit der Kritik, denn aufgestauter Ärger ist keine gute Voraussetzung für ein Gespräch. Außerdem erinnert sich Ihr Gegenüber nicht mehr oder nicht mehr ganz an das Ereignis.

 

  • Kritisieren Sie nicht spontan und emotional zwischen Tür und Angel. Bereiten Sie sich vielmehr vor, indem Sie sich überlegen, was genau Sie kritisieren und wie Sie es mitteilen werden.

 

  • Zu den allgemeinen Kritikregeln gehört auch, auf Vorwürfe zu verzichten und nur sachlich Dinge zu benennen, die äußerlich wahrnehmbar sind. Sprechen Sie nur konkretes Verhalten an („Gestern Vormittag haben Sie ...“) , statt zu verallgemeinern („Sie machen immer ...“) und unklar zu formulieren („Sie sind nicht fair“).

Besonderheiten beim Kritisieren des Chefs

Machen Sie sich klar, dass Ihr Chef „auch nur ein Mensch“ ist und ebenfalls Anlässe zur Kritik geben kann. Denn für ein Miteinander und eine gut geführte Praxis ist Kritik nötig. Chefs, die wissen, dass auch sie nicht unfehlbar sind, wollen durchaus, dass man sie auf falsches Verhalten aufmerksam macht. Es kann Ihnen also passieren, dass Ihr Vorgesetzter auf Ihre Kritik mit einem „Danke für Ihren Hinweis“ reagiert.  

 

Der Ton macht die Musik

Oft wird der Chef nicht kritisiert, weil man glaubt, dass er die Kritik aufgrund seiner Position nicht annehmen wird. Das ist aber häufig nicht richtig. Auch Vorgesetzte lassen mit sich reden, nur muss hier noch stärker auf den Ton geachtet werden als beim Kritisieren von Gleichgestellten oder Untergebenen. Einen belehrenden oder gar arroganten Ton wird ein Chef oder eine Chefin sicher nicht akzeptieren. Geben Sie Ihrem/Ihrer Vorgesetzten also nicht das Gefühl, dass Sie seine/ihre Autorität infrage stellen. Es muss klar sein, dass er/sie das Sagen hat.  

 

Immer unter vier Augen sprechen

Wählen Sie für Ihre Kritik das Vier-Augen-Gespräch. Konfrontieren Sie Ihren Chef niemals mit Kritik vor anderen Mitarbeitern, schon gar nicht vor Patienten. Er wird das nicht dulden. Zum einen, weil es generell unangenehm ist, in Gegenwart anderer kritisiert zu werden. Zum anderen, weil er in seiner Position als Vorgesetzter fürchten muss, sein Gesicht zu verlieren („Der lässt sich aber auch alles bieten!“).  

 

Alternativen anbieten

Wenn Sie Ihren Chef kritisieren, dann legen Sie ihm gleich Alternativen dar und zeigen auf, welche Vorteile diese für ihn haben. Sagen Sie also zum Beispiel nicht „Sie sagen einem auch erst in letzter Minute, was Sie möchten“, sondern „Ich könnte Ihren Wunsch viel besser erfüllen/Ihrer Anweisung viel besser folgen, wenn Sie es mir einen Tag früher mitteilen würden“.  

 

Nicht sofort das Schlimmste denken

Unterstellen Sie Ihrem Chef keine böse Absicht, Inkompetenz, Ignoranz oder sonst etwas Negatives. Bedenken Sie, dass sein Verhalten einen Grund haben könnte, den Sie nur noch nicht kennen. Diese Haltung wird Ihrer Kritik automatisch die Schärfe nehmen. Zeigen Sie Ihrem Chef vielmehr, dass Sie sich auch für seine Sicht der Dinge interessieren. Fragen Sie ihn, um im obigen Beispiel zu bleiben, ob es für ihn denn möglich ist, die Anweisung in einer Sache X einen Tag vorher zu geben. Damit wird deutlich, dass Sie nicht einfach nur Ihren Wunsch durchsetzen wollen, sondern eine realistische Problemlösung anstreben.  

 

Immer versuchen, ein Ergebnis zu erzielen

Idealerweise sollte das Gespräch mit einem konkreten Ergebnis beendet werden. Beide Seiten sollten wissen, wie sie sich in Zukunft in dem fraglichen Punkt verhalten werden. So kann man später daran anknüpfen, wenn einer sich nicht daran hält: „Erinnern Sie sich, dass wir vor zwei Wochen besprochen hatten, ...“ Bedanken Sie sich abschließend bei Ihrem Chef dafür, dass er sich Zeit für Ihr Anliegen genommen hat und dass er Ihnen entgegengekommen ist. Denn auch Chefs brauchen positive Rückmeldung.  

Manche Menschen sind nicht offen für Kritik

Sie können ein Kritikgespräch noch so gut beherrschen: Einen wirklich schwierigen Chef - zum Beispiel einen, der schnell zornig wird oder der Absprachen wiederholt ignoriert - werden Sie kaum erreichen. Unternehmen Sie einige Versuche. Wenn Sie dann sehen, sie fruchten nicht, entscheiden Sie sich, Ihre Energien für andere Dinge in Ihrem Leben zu sparen.  

 

Wägen Sie ab: Wenn die Situation für Sie zu belastend ist, ziehen Sie die Konsequenzen und suchen sich (wenn möglich) eine neue Arbeitsstelle. Sollte dies nicht möglich sein, konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeit und machen Sie sie so gut wie möglich. Wenn Sie Glück haben, ändert sich Ihr Chef, etwa mit dem Älterwerden oder durch bestimmte Lebensereignisse. Gehen Sie aber nicht täglich mit dieser Erwartung zur Arbeit.  

Zusammenfassung

Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Ihren Chef oder Ihre Chefin zu kritisieren, sollten Sie die folgenden Punkte Schritt für Schritt durchgehen. Überlegen Sie, was auf Sie zutrifft, was Sie bereits gut beherrschen und was nicht. Üben Sie gezielt (zum Beispiel mit einer Freundin), was Ihnen schwer fällt. Denn die Fähigkeit (auch Vorgesetzte) zu kritisieren, werden Sie immer brauchen.  

 

Checkliste „Den Chef kritisieren“

  • Nicht zu lange mit der Kritik warten und nicht zu spontan, „zwischen Tür und Angel“ kritisieren.
  • Konkretes Verhalten ansprechen, nicht verallgemeinern und nicht unklar formulieren.
  • Keine Vorwürfe machen, sachlich bleiben.
  • Beherzigen, dass auch ein Chef es verdient, kritisiert zu werden.
  • Nicht in belehrendem Ton sprechen.
  • Nicht vor anderen kritisieren.
  • Alternativen vorschlagen und deren Vorteile für den Chef benennen.
  • Die Sicht des Chefs berücksichtigen.
  • Gespräch positiv beenden mit einem Dank für die Aufgeschlossenheit.
  • Bei sehr schwierigen Chefs Konsequenzen ziehen: je nach Belastbarkeit kündigen oder sich arrangieren.

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Die folgenden Beiträge aus „Praxisteam professionell“ befassen sich ebenfalls mit dem Thema „Kommunikation im Team“:  

 

  • Ausgabe 4/2009: Konflikte: ihre Entstehung und der konstruktive Umgang damit
  • Ausgabe 2/2009: Vom Verstehen mit vier Ohren - ein altes Modell bleibt aktuell
  • Ausgabe 1/2008: Klimawandel - auch in Ihrer Praxis? Steuern Sie rechtzeitig gegen! Mit Buchbesprechung: Kommunikation für Medizinische Fachangestellte.

 

Quelle: Ausgabe 05 / 2009 | Seite 14 | ID 126344