· Fachbeitrag · Betriebliche Gesundheitsförderung
Mit dem bewegten Betrieb zur bewegten Praxis
von Petra Meisel, Medienbüro Medizin (MbMed), Hamburg
| Bewegung im Job. “Das ist bei uns nicht möglich?“ - das denken Sie. Nur wer fit ist, bleibt auf Dauer leistungsfähig. Darum gehört das Thema betriebliche Gesundheitsförderung auch in die Arztpraxis. Wir stellen Ihnen das Konzept „Bewegter Betrieb“ vor. |
Hatten Sie heute schon ausreichend Bewegung?
Haben Sie heute bereits eine Übung gemacht, die exakt auf Ihren Arbeitsplatz abgestimmt ist und dadurch einen körperlichen Ausgleich schafft? Genau darauf zielt das Konzept der „Bewegte Betrieb“ des Bundesverbandes selbstständiger Physiotherapeuten - IFK e. V. (www.ifk.de) ab. Dieses IFK-Konzept wurde von Julia Dördelmann speziell für die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) entwickelt. Es ist in erster Linie auf die Körperschulung von Mitarbeitern in Kleinbetrieben wie etwa Arztpraxen abgestimmt. Im Vordergrund steht, Gesundheitsbewusstsein zu schaffen: Statt ein vorgeschriebenes Trainingsprogramm einzuhalten, sollen Sie selbst ein Gefühl dafür entwickeln, wie viel Bewegung Sie täglich in Freizeit und Beruf benötigen.
Bewegungsmuster führen zu chronischen Beschwerden
Jede Tätigkeit in Ihrer Praxis ist mit Bewegungsmustern verknüpft, die sich einseitig Tag für Tag wiederholen. Sie sitzen vielleicht an der Rezeption und arbeiten viel am Computer. Allein Ihre Fußstellung wirkt sich auf die gesamte Körperhaltung aus und kann zu andauernden, schmerzhaften Nackenverspannungen oder Kopfschmerz führen. Wenn Sie wissen, wie Sie richtig sitzen, ist das Gold wert - ebenso, wenn Sie passende Ausgleichsübungen kennen.
Gewusst wie - individuelle Arbeitsplatzanalyse
Das Konzept “Bewegter Betrieb“ folgt dem Schema des Qualitätszirkels. Der Physiotherapeut besucht Ihre Praxis und stellt den IST-Zustand durch eine Arbeitsplatzanalyse fest. Danach wird gemeinsam überlegt, wie der Soll-Zustand, also das Ziel, zu erreichen ist. Der Therapeut plant auf dieser Basis Maßnahmen und setzt sie mit den Mitarbeitern um. Die Praxisinhaber haben anschließend drei Interviews im Abstand von sechs Wochen. Damit wird ermittelt, ob der Soll-Zustand in den Kurseinheiten erreicht wurde.
PRAXISHINWEIS | Genehmigen die gesetzlichen Krankenkassen das Konzept, entstehen dem Arbeitgeber geringe bis gar keine Kosten für die BGF - auf acht Kurseinheiten beschränkt. Die Praxisinhaber haben aber auch die Möglichkeit, den Steuerfreibetrag von 500 Euro pro Mitarbeiter zu veranschlagen. Der Vorteil: Die Mitarbeiter kommen solange in den Genuss der BGF, wie die Inhaber sie finanziell unterstützten - gegebenenfalls auch über den Steuerfreibetrag hinaus. |
Das macht die MFA fit
Blutabnahmen, Verbandswechsel, langes Sitzen am Computer und ein hektischer Praxisalltag verlangen Körper und Seele so manches ab. Stärken Sie beides durch bewusste Körperhaltung oder Entspannungsübungen. Wir haben Julia Dördelmann, Physiotherapeutin, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim IFK und Begründerin des Konzepts „Bewegter Betrieb“, um Beispiele für kleine Trainingshilfen gebeten.
Auch richtiges Stehen kann trainiert werden
„Aktiv stehen“ hört sich widersprüchlich an, ist aber eine Frage des Gleichgewichts. Um es dauerhaft und vor allem schonend für die Gelenke zu halten, muss die Körperkraft optimal eingesetzt werden: so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Beim Verbandwechsel beugt sich die MFA zu den Patienten hinunter. Das geschieht meist in Schrittstellung. Machen Sie sich klar, welches Bein Sie in der Regel nach vorne nehmen. Das ist dann Ihr Standbein, welches mit folgender Übung gestärkt werden kann. Gehen Sie hierzu in eine tiefe Schrittstellung. Das vordere Bein ist dabei das Standbein. Drehen Sie die Fußspitzen leicht nach außen. Jetzt heben Sie den hinteren Fuß an. Achten Sie darauf, die vordere Fußsohle gleichmäßig zu belasten: Fußballen, Ferse und vor allem auch die Außenkante des Fußes. Allein bei dieser kleinen Stärkungsübung merken Sie, wie beschäftigt Fuß- und Beinmuskeln des Standbeins sind.
Einfach mal in der Praxis Petersilie hacken
Ein starkes Rückgrat sichert die Stabilität des gesamten Körpers. Stehen Sie hüftbreit mit leicht durchlässigen Knien. Die Arme strecken Sie schulterbreit nach vorne mit den Handflächen nach innen. Sie berühren sich nicht. Der Oberkörper geht leicht nach vorne. Jetzt führen Sie mit den gestreckten Armen gegengleich Bewegungen aus, als wollten Sie Petersilie hacken. Dabei halten vor allem die Rumpfmuskeln den Rücken gerade und werden dadurch gekräftigt.
Damit der Motor in Schwung bleibt
Gerade wer viel Zeit am Computer verbringt, hemmt unter anderem durch angewinkelte Sitzhaltung der Knie die Blutzufuhr. Das kann das Herz-Kreislaufsystem belasten. Stehen Sie daher zwischendurch immer mal wieder auf, ziehen Sie Ihre Schuhe kurz aus und gehen Sie 30 Mal in den Zehenstand.
Einmal bitte tief Luft holen
„Tief einatmen“ - diese Anweisung, die Ärzte normalerweise beim Abhören geben, sollten Sie mehrmals am Tag aus Eigeninitiative befolgen, um vorbeugend Muskeln und Nerven zu entspannen. Atmen Sie tief in den Bauch hinein. Danach erfolgt die Atmung über die Rippenbögen, dann in den Brustkorb. Zum Schluss verbinden Sie beim Einatmen alle drei Atemräume: Zählen Sie bis vier und lassen Sie dabei die Luft in den Bauch über die Flanken bis in die Brust fließen. Luft für vier Takte anhalten und auf acht weitere langsam ausatmen. Achten Sie immer darauf, dass die Ausatemphase länger als die Einatemphase ist.
So sehen Sie wieder klar
Neue Konzentrationskraft und Entspannung für die Augen schöpfen Sie mit einer Handvoll kühlem Wasser im Gesicht. Gerade die Augen sind oft durch feinmotorisches Arbeiten und den Wechsel von Augen-Hand-Kontrollen wie etwa beim Bekleben von Blutampullen oder der Blutabnahme belastet. Ein weiterer Punkt geht übrigens an die Schönheit. Kaltes Wasser dient der Spannkraft der Haut und wirkt vorbeugend gegen Fältchen.
Mit gutem Beispiel voran: Gesundheit vorleben
Vielleicht liegen in Ihrer Praxis Infos aus, die darauf hinweisen, wie wichtig Sport für das körperliche und seelische Wohlbefinden oder bei bestimmten Erkrankungen ist. Sicher wechseln Sie ab und zu mit Patienten ein Wort darüber, dass zu einem gesunden Leben auch Bewegung gehört. Doch besser als mit jeder Text- und Sprachbotschaften motivieren Sie Ihre Patienten zu mehr Aktivitäten, indem Sie mit gutem Beispiel vorangehen. Leben Sie Patienten Gesundheitsbewusstsein am Arbeitsplatz vor.
Kündigen Sie an der Praxistür oder auf der Website unter dem Slogan „Wir machen uns fit“ an, dass Ihre Praxis etwas für die Gesundheit des Teams unternimmt. Informieren Sie Patienten, zum Beispiel auf Ihrer Homepage, über BGF im Allgemeinen und über die Maßnahmen, für die Sie sich entschieden haben. Gleichzeitig können Sie die Infos als „Handout“ in der Praxis auslegen oder einen Physiotherapeuten als Experten zur Vorabberatung in den Betrieb holen. Auch in Vorträgen, zu denen Sie interessierte Patienten in Ihre Praxis einladen, können Sie sich für BGF-Maßnahmen stark machen.
Die bewegte Praxis - ein bewegter Betrieb
Das Ziel dieser Maßnahmen: Arbeitgeber sollen erkennen, dass es sich lohnt, in die Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren. Denn dadurch bewegt sich eine Menge in ihrem Betrieb: Individualisierte, gesundheitsorientierte Aktivitäten werden zur Selbstverständlichkeit in Beruf und Freizeit. Das stärkt Gesundheitsressourcen - körperliche wie auch psychosoziale. Gleichzeitig minimieren sich gesundheitliche Risikofaktoren.
MERKE | BGF-Projekte wie der „Bewegte Betrieb“ geben den Anstoß für einen Lernprozess bei Mitarbeitern inklusive des Chefs. Denn selbstverständlich ist die Motivation der Mitarbeiter besonders groß, wenn der Chef mit gutem Beispiel vorangeht und an den Angeboten selbst teilnimmt. |
Weiterführende Hinweise
- Die Möglichkeiten der betrieblichen Gesundheitsförderung (PPA 09/2012, Seite 6)
- Die Online-Meldung auf der Seite von PPA zum Thema „Mit betrieblicher Gesundheitsförderung zu mehr Wohlbefinden“ finden Sie im Internet unter http://tinyurl.com/nzeymqx
- Der aktuelle Leitfaden Prävention des GKV-Spitzenverbandes in der Fassung vom 27. August 2010 finden Sie im Internet als Download unter http://tinyurl.com/nqne756