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· Fachbeitrag · Praxisumbau

Bauplanung mit dem Praxis-Tool Barrierefreiheit

Interview von Moritz Kohl, Medienbüro Medizin (MbMed), Hamburg mit Henrik Hoffmann, Projektleiter Praxis-Tool Barrierefreiheit

| Wer eine neue Praxis oder einen Praxisumbau plant, sollte auch die eingeschränkte Mobilität behinderter oder gebrechlicher Menschen oder von Eltern mit Kinderwagen beachten (siehe PPA 10/2014, Seite 15 ). Unterstützung gibt das Praxistool Barrierefreiheit. Die kostenlose, webbasierte Software hilft unter www.praxis-tool-barrierefreiheit.de Ärzten bei der Planung barrierefreier Arztpraxen. Sie wurde von der Stiftung Gesundheit Fördergemeinschaft entwickelt und vom Bundessozialministerium mitfinanziert. Im Interview erklärt Henrik Hoffmann, Projektleiter bei der Stiftung Gesundheit, wie die Software funktioniert und welche Vorteile sie bieten kann. |

 

Redaktion: Herr Hoffmann, was ist Barrierefreiheit überhaupt?

 

Henrik Hoffmann: Räumlichkeiten und Einrichtungen sind dann barrierefrei, wenn sie für alle Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. Dazu zählen Menschen mit verschiedenen Einschränkungen wie Seh- oder Gehbehinderungen - aber nicht ausschließlich. Für Eltern mit Kinderwagen sind zum Beispiel Treppen eine ebenso große Hürde wie auch für Menschen mit mobilitätseinschränkenden Verletzungen.

 

Redaktion: Das Praxis-Tool Barrierefreiheit ist ein „dynamisches Expertensystem“ - was bedeutet das?

 

Henrik Hoffmann: Expertensysteme sind Softwarepakete, die dem Nutzer bei der Lösung von komplexen Problemstellungen helfen. Sie kennen das vielleicht von Software für die Erstellung Ihrer Steuererklärung. Expertensysteme fragen Schritt für Schritt Ihre Situation ab - im Fall der Steuererklärung beispielsweise die Art Ihrer Beschäftigungen und Ihr Einkommen. Aus diesen Angaben leitet das Expertensystem dann Handlungsempfehlungen für Sie ab. Genauso funktioniert das Praxis-Tool Barrierefreiheit: Es generiert aus Informationen, die Sie über Ihre Praxis geben, eine speziell auf Ihre Situation zugeschnittene Planungsempfehlung.

 

Redaktion: Wer kann das Praxis-Tool Barrierefreiheit unter welchen Voraussetzungen nutzen?

 

Henrik Hoffmann: Das Praxis-Tool richtet sich primär an Ärzte, die bauliche Maßnahmen in ihrer Praxis planen. Sie können es aber auch dazu verwenden, sich ganz allgemein über Barrierefreiheit und die Möglichkeiten für Ihre Praxis zu informieren. Im Fragebogen werden auf jeden Fall Angaben zu den baulichen Zielen und zur aktuellen Situation abgefragt - es lohnt sich also, sich vorher zu überlegen, inwiefern Ihre Praxis zum Beispiel schon für Menschen im Rollstuhl oder Sehbehinderte zugänglich ist.

 

Redaktion: Daraufhin erhalten Nutzer den „individuellen Praxisleitfaden Barrierefreiheit“. Was steht in dem Leitfaden?

 

Henrik Hoffmann: Der Leitfaden gibt einen individuellen Überblick, welche Maßnahmen möglich sind, um die Barrierefreiheit in Ihrer Praxis zu verbessern. Nehmen wir an, Ihre Praxis befindet sich im Erdgeschoss, ist aber nur über eine kleine Treppe zu erreichen - für Rollstuhlfahrer zum Beispiel eine große Hürde. Das Praxis-Tool Barrierefreiheit würde hier vorschlagen, eine Rampe anzubringen und Ihnen auch mitteilen, wie groß diese sein muss.

 

Redaktion: Welche konkreten Vorteile kann die auf diese Weise geschaffene Barrierefreiheit einer Arztpraxis bringen?

 

Henrik Hoffmann: Barrierefreiheit kommt vielen Menschen zugute. Sie erleichtert Ihren Patienten den Zugang zu Ihren Praxisräumen und Sie erschließen sich damit eine größere Patientenklientel - weil mehr Menschen selbstständig und ohne fremde Hilfe in Ihre Praxis gelangen können.

 

Redaktion: Welche Normen und Vorschriften sind für das barrierefreie Bauen wichtig? Was besagen sie?

 

Henrik Hoffmann: Barrierefreiheit ist in den einzelnen Landesbauordnungen geregelt. Diese gehen meistens auf die Normen zum barrierefreien Bauen zurück. In der DIN 18040 steht zum Beispiel, wie breit eine Rampe oder eine Tür sein muss, damit Rollstuhlfahrer sie problemlos durchqueren können. Das Praxis-Tool bezieht solche Normen mit ein. Es liefert einen fundierten Überblick und erspart Ihnen die Recherche der Vorschriften.

 

Redaktion: Das Tool weist auch auf mögliche Fördermittel für Baumaßnahmen hin. Welche können das sein?

 

Henrik Hoffmann: Es gibt keine speziellen Fördermittel für den barrierefreien Aus- oder Umbau einer Praxis. Die nationale Förderbank KfW und jede Landesförderbank bietet aber Förderkredite und -mittel für Investitionen an, auch für Freiberufler. Hier zeigt das Praxis-Tool Barrierefreiheit die Möglichkeiten auf und liefert Informationen zu den unterschiedlichen Angeboten.

 

Redaktion: Kann es die umfassend barrierefreie Praxis überhaupt geben? Wie entscheide ich, welche Maßnahmen ich ergreifen soll?

 

Henrik Hoffmann: Die umfassend barrierefreie Praxis kann es kaum geben. Manche Barrierefreiheits-Maßnahmen stehen sich auch gegenseitig im Weg. Leitsysteme für Sehbehinderte etwa können für Rollstuhlfahrer ein Hindernis sein. Barrierefreiheit in der Arztpraxis bedeutet zu versuchen, so vielen Einschränkungen wie möglich mit möglichst effektiven und weitreichenden Maßnahmen zu begegnen. Welche Aspekte der Barrierefreiheit Sie dabei umsetzen, hängt von Ihren Zielen, Ihrem Patientenkreis und Ihrem Fachgebiet ab.

 

Weiterführender Hinweis

Quelle: Ausgabe 04 / 2015 | Seite 15 | ID 43190820