· Fachbeitrag · Compliance
Patientenberatung: Tabletten richtig schlucken
Von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, Buch am Buchrain
| Die meisten Arzneimittel sind für die Einnahme über den Mund vorgesehen. Das entspricht den Gegebenheiten des Körpers, weil der Magen-Darm-Trakt den natürlichen Eingang für Nahrung und Flüssigkeit bildet. Die scheinbar einfache Einnahme von Wirkstoffen über diesen Weg kann jedoch für manchen Patienten schwierig sein - vor allem in Form von Tabletten. Als MFA sollten Sie diese Schwierigkeiten kennen, damit Sie Ihre Patienten sachkundig beraten können. |
Besonderheiten oraler Arzneimittel
Arzneimittel, die über den Mund eingenommen werden, treten im Magen-Darm-Trakt in den Blutkreislauf über. Sie gelangen dadurch überwiegend in alle Körperteile und wirken systemisch. Das bedeutet auch, dass vor allem bei aggressiven Substanzen die unerwünschten Wirkungen nicht auf einzelne Körperregionen beschränkt sind.
Alle Substanzen, die vom Magen-Darm-Trakt ins Blut übergehen, gelangen zunächst in die Leber. Sie baut einen Teil von ihnen ab. Diese Funktion ist grundsätzlich sinnvoll, weil sie den Körper bis zu einem gewissen Grad vor Vergiftungen durch Stoffe schützt, die zusammen mit der Nahrung in den Körper gelangen. Bei Arzneimitteln wirkt sie jedoch kontraproduktiv, da sie die Menge des Wirkstoffs reduziert, die zu den Zielzellen gelangt.
Einflüsse von Mahlzeiten und Nahrungsmitteln
Die Nahrungsaufnahme kann die Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen. Einflussfaktoren sind dabei der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme sowie die Zusammensetzung der Nahrung.
- Manche Medikamente sind ausschließlich vor dem Essen einzunehmen, wie zum Beispiel das Schilddrüsenhormon Thyroxin.
- Der Patient sollte Wirkstoffe, die die Magenschleimhaut reizen können, nach dem Essen einnehmen. Der Nahrungsbrei sowie die Aktivität des Magen-Darm-Trakts verhindern zu dieser Zeit am ehesten Schäden.
- Kalzium- oder fetthaltige Nahrung wie Milch und Milchprodukte lässt einige Medikamente schlechter wirken (zum Beispiel Antibiotika der Tetrazyklin-Gruppe). Zwischen der Einnahme und dem Verzehr von Milch oder Milchprodukten sollten zwei bis drei Stunden liegen.
- Immunsuppressiva, die zum Beispiel bei rheumatischen Erkrankungen oder nach einer Transplantation verwendet werden, dürfen nicht zusammen mit Grapefruit-Saft oder kaliumhaltigen Nahrungsmitteln verabreicht werden, weil sich dadurch die Bioverfügbarkeit des Wirkstoffs verändert.
- Manche Arzneimittel machen eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten sinnvoll, wie zum Beispiel die langfristige Einnahme von Kortison. Dieses Hormon kann zur Ausbildung von Osteoporose führen, die sich durch eine erhöhte Aufnahme von Kalzium bzw. Vitamin D mildern lässt.
- Nichtsteroidale Antirheumatika, zum Beispiel Acetylsalicylsäure (etwa in Aspirin®), verursachen häufig Schäden an der Magenwand. Sie sollten grundsätzlich zusammen mit Magenschutzpräparaten verabreicht werden.
PRAXISHINWEIS | Patienten sollten grundsätzlich die Packungsbeilage lesen, bevor sie ein Medikament einnehmen. Weisen Sie Ihre Patienten darauf hin, dass sie im Zweifelsfall in der Apotheke oder bei Ihnen nachfragen, wenn etwas unklar ist. Zusätzlich können Sie ihnen auch die Themenportale der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfehlen (siehe dazu den Beitrag „Zwei neue Themenportale zu Medikamenten“ in PPA 08/2014, Seite 1). |
Patienten mit Schluckstörungen
Patienten, die nicht oder nur schlecht schlucken können, sind bei der Einnahme von Tabletten beeinträchtigt. Bei ihnen kann es passieren, dass Tabletten nicht bis in den Magen rutschen, sondern über längere Zeit in der Speiseröhre bleiben. Einige Wirkstoffe können dort Ulzerationen verursachen. Betroffen sind vor allem Patienten, die an einer psychischen Sperre leiden, größere Gegenstände zu schlucken oder deren Schluckreflex gestört ist. Auch Menschen die mit einer Ernährungssonde oder einem perkutanen Gastrostoma (PEG) versorgt sind, benötigen besondere Maßnahmen.
Der Arzt wird versuchen, auf eine andere Darreichungsform umzustellen. Bei Patienten mit künstlichem Zugang kommt es darauf an, ein Präparat auszuwählen, das in flüssiger Form vorliegt oder sich mörsern bzw. mithilfe einer Flüssigkeit auflösen lässt. Arzneimittel mit Retardwirkung (verzögerte Abgabe des Wirkstoffs) sowie verkapselte Präparate dürfen nicht zerkleinert werden.
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